Nach einer Woche voller wissenschaftlicher Detailhuberei wird es Zeit, mal eine steile These und Gesamtdiagnose des Weltenzustandes rauszuhauen. Also!

Ausgangspunkt ist folgende Beobachtung, die mir von einer Berliner Öko-Aktivistin mitgeteilt wurde: Man habe versucht, in einer Mensa einen Aufpreis für to-go-Becher einzuführen, denn die Entwicklung geht dahin, dass immer mehr Kundinnen und Kunden solche Becher anstatt traditioneller Tassen wählen und das, obwohl sie anschließend vor Ort bleiben und ihren Kaffee austrinken. Pappbecher mit Plastikdeckel to-sit quasi.

Aber das ist nun interessant: wem bringt das was? Beim derzeitigen Umfrageboom der Grünen – noch dazu im studentischen Millieu – drängt sich der Verdacht auf, dass diejenigen, die sinnloserweise to-go-Becher wählen dieselben sind, die so gerne ihr Kreuzchen bei den Grünen machen.

Aber was will uns die zunehmende Prädominanz des Kaffeebechers sagen? Die ideologische Botschaft des Kaffeebechers lautet: „Seid wie die Becher – flexibel und to-go!“ Meine These ist, dass die Objekte, mit denen wir uns alltäglich umgeben die Funktion einer „ausgelagerten verinnerlichten Ideologie“ annehmen.  Das funktioniert mit Kaffeebechern so gut, weil man sie sich gerade nicht aneignet: Man wirft sie ja sofort wieder weg. Ich kann also quasi die ideologische Anrufung „sei mobil, flexibel etc.“ „umleiten“ auf ein Wegwerfobjekt und zeige mir selbst und anderen aber dabei noch an, dass ich meinen Pflichten als „flexibler Mensch“ (Sennett) nachkomme – und das im Sitzen!

Daraus kann man auf eine Paradoxie der Fexibilitäts-Ideologie schließen: wie soll man sie sich denn überhaupt aneignen? –  Flexibilität besteht ja gerade darin, sich nichts dauerhaft anzueignen. Ich glaube auch nicht, dass viele Leute diese Flexibilitäts-Nummer wirklich wollen, geschweige denn praktizieren, oder die Möglichkeiten dazu hätten, selbst wenn sie es wollten. Und das ist die Ideologie, besser gesagt: die ideologische Funktion des Wegwerfkaffeebechers, dessen Botschaft gleichzeitig als Entlastung von ihr dient: Wenn der Becher flexibel ist, muss ich es nicht mehr sein.

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