Artikel getaggt mit Postmoderne

Pointenimperialismus

Heute hab ich mir, wie an jedem Dienstagabend, den wöchentlichen Kommentar von Volker Pispers angehört. Die eigentliche Pointe ligt diesmal aber nicht in seinem sonst so pointierten Vortrag:

http://www.youtube.com/watch?v=Ny7Mep3sCIk

Ich mag Pispers sehr, aber der Neuigkeitswert dieser Mitteilung ist äußerst gering. Die Kriege des Westens sind durch ökonomische Interessen angetrieben? Sag bloß! Also bis hierhin noch keine Pointe. Aber gut, dass es mal wieder wer sagt.

Tatsächlich aber scheint das Gesagte für manche doch einen Neuigkeitswert zu haben. Und zwar – und jetzt kommt die dicke Pointe – ausgerechnet für einige so genannte Linke:

Worüber die jW nicht schreibt ist, dass sämtliche Änderungsanträge aus NRW und Hamburg, die die gegenwärtigen Kriege als “neo-imperialistisch” einschätzen, keine Mehrheit gefunden haben. Die Arbeit des BAK Shalom zeigt Wirkung!

…sagt der ein Mitglied des „bak shalom“, einem Subsystem der deutschen Linkspartei.

Ich fasse kurz zusammen:
In dem historischen Moment, in dem der ex-Bundespräsident und der Verteidigungsminister (beide CDU) bestätigen, dass „wir“ eben doch Wirtschaftskriege führen, wollen einige „Linke“ den Begriff des Imperialismus verbannen.

DAS ist eine Pointe.

Vorhang. Lang anhaltender Applaus.

Vgl. auch den Kommentar von rhizom.

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Kommunismus – Über das Kapitel „Feuerbach“ in Marx/Engels: „Die Deutsche Ideologie“

Vorbemerkung: Dieser Text bezieht sich auf Marx/Engels: Kapitel „Feuerbach“ in: Dies.: Die Deutsche Ideologie. Marx-Engels-Werke Bd. 2. Oder online und hier: http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_017.htm#I_I))

Der Spruch „Die Idee ist gut, aber die Welt noch nicht bereit“ ist ein sehr verbreitetes Urteil über „den Kommunismus“ mit dem man nicht nur sagt, dass man sich da auskennt, sondern sogar so viel Ahnung hat, dass man ein letztgültiges Urteil fällen kann. Ich würde die These wagen, er resultiert entweder aus mangelnder Kenntnis der Materie oder aus einer sehr feinsinnigen, kenntnisreichen aber böswilligen Abneigung gegen Mars/Engels. Die erste Variante ist vermutlich die häufigere und die zweite hält den Gegnern Marxscher Theoriebildung immerhin eine große Kenntnis zugute. Wenn die Wärterin am Himmelstor Antikommunistin1 sein wollte, werde ich ihr diese Einleitung unters Näschen halten!

Wenn ich das erste Kapitel aus „Die deutsche Ideologie“ richtig verstanden habe, dann wäre zunächst schon mal die Behauptung, „ der Kommunismus“ sei eine Erfindung der beiden Autoren, völlig unsinnig. Genauer formuliert: Die Vorstellung es handele sich beim Kommunismus um die Idee zweier genialer (oder das Gegenteil – je nach Standpunkt) Autoren, die man nun „umsetzen“ müsste oder sollte. Das widerspricht völlig der materialistischen Geschichtsauffassung die Marx und Engels2 im genannten Werk ausbreiten. Den Grundgedanken in Kürze würde ich so zusammenfassen: Es wird die Auffassung kritisiert, „große Ideen“ würden eine Lebenspraxis hervorbringen. Also wenn man große Theoretiker/Ideologen/Kleriker so liest, als wären sie Urheber der Gesellschaft, deren Prinzipien sie beschrieben. Eine schwächere Lesart, die aber genauso falsch ist, wäre: Die großen Geistern geben allgemeine Prinzipien, Vorstellungen wieder, nach denen eine Gesellschaft gestaltet ist, ohne deren Urheber zu sein. Die Gefahr ist quasi, dass man darauf „hereinfällt“ was die „großen Geister“ so beschreiben, für die Wirklichkeit, die Praxis, das Leben zu halten.

Nicht, dass all das Geschriebene und Gedachte wertlos wäre. Gerade weil solche Texte und Ideen nicht aus dem Nichts kommen können – und auch nicht aus „genialen Geistern“, wie manche Kunsttheoretikerinnen sich das denken – kann man sie als Dokumente ihrer Zeit auffassen, aber nicht als Baupläne, sondern als Effekte der realen sozialen und ökonomischen Lebenspraxis.3 Man erkennt schon: die Formulierungen in „Die Deutsche Ideologie“ sind weit weniger ökonomistisch, als man Marx/Engels im Allgemeinen einschätzen würde. Es geht Marx und Engels nicht nur um Produktionsmodi sondern um die „Verkehrsformen“ der Menschen schlechthin. Ich würde diese Formulierung mal als „Gesellschaftsformation“ lesen, die auch und wesentlich ökonomische Verhältnisse umfasst, aber nicht nur. Man beachte die Dynamik die in der Begriffswahl steckt – ich komme darauf zurück. Dazu passt, dass Marx/Engels als Differenzierungstheoretiker auf eine Vielzahl miteinander verwobener Differenzachsen eingehen und bei weitem nicht nur den berühmten Klassenantagonismus. Relativ früh findet sich beispielsweise bereits eine polemische Formulierung zum auseinandertreten von Stadt und Land.4

Marx/Engels pointieren ihre Geschichtsauffassung bekanntlich in der berühmten Formel: „Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein.“5 Wenn mich jemand fragen würde: „was ist materialistische Geschichtsauffassung?“ – ich würde antworten: „Ein Synonym für (gute) Soziologie.“

Man muss keine Marxistin oder Kommunistin sein, um die materialistische Geschichtsauffassung grundsätzlich zu akzeptieren. Man kann sogar politisch aus einer ganz anderen Ecke kommen, um der Auffassung zuzustimmen, dass die „Verkehrsformen“ einer Gesellschaft nicht aus dem guten oder schlechten Willen ihrer Mitglieder entspringen, sondern aus den materialen Verhältnissen. Wer sich so äußert wird wohl recht schnell als Esoterikerin verdächtigt. Und womit? Mit Recht.

Und was ist jetzt mit Kommunismus?

Was ist dann aber „der Kommunismus“? Kann ich auch nicht genau sagen. Aber im Sinne von Marx/Engels jedenfalls keine „Idee“, wie wir gesehen haben. Vielleicht haben sich Marx/Engels das Wort ausgedacht, kann sein, aber allein daraus resultiert ja noch keine gesellschaftliche Praxis. Der Kommunismus ist eine

„Bewegung“, die „[sich] unterscheidet […] von allen bisherigen Bewegungen dadurch, daß er die Grundlage aller bisherigen Produktions- und Verkehrsverhältnisse umwälzt und alle naturwüchsigen Voraussetzungen zum ersten Mal mit Bewußtsein als Geschöpfe der bisherigen Menschen behandelt, ihrer Naturwüchsigkeit entkleidet und der Macht der vereinigten Individuen unterwirft.“ (Ebd., S. 29)

Also quasi der Zustand denn die kritisierten „Ideologen“ immer schon unterstellt haben: die bewusste Kontrolle über vormals sich unkontrolliert vollziehende Prozesse. Als inhaltliche Aussage ist das vielen vielleicht zu dürftig, eine genaue Handlungsanweisung kann man hieraus nicht ablesen, nur: Umwälzung! Aber das ist ja nur konsequent: Denn es kann sich ja nur eine aus der Praxis entspringende Form – besser: Bewegung – handeln. Einen Weg. Gerade deshalb ist die Formulierung von Gesine Lötzsch „Wege zum Kommunismus“6 auch irgendwie unbehaglich – gemessen am Text von Marx/Engels. Denn sie unterstellt, dass „der Kommunismus“ ein Zustand wäre, denn man „erreichen“ müsste. Das widerspricht auch der Formulierung von Marx/Engels von der „Bewegung“. Ich glaube, darauf muss ich eingehen: Man darf dieses Wort, glaube ich, nicht als „soziale Bewegung“ im Sinne gar von einer Partei o.Ä. missverstehen. Es geht hier um – ich würde es so interpretieren – eine reale „Gesellschaftsform in Bewegung“. Wenn es nicht so platt klingen würde, würde ich sagen: der Weg ist das Ziel. Zum besseren Verständnis: Meine Auffassung, dass es hier um Dynamik und nicht Zustand geht, resultiert aus einer Bemerkung, welche die Autoren vorher machen, wenn sie von der „Produktion des Lebens“7 sprechen. Die materielle Produktion des Lebens und seine Reproduktion sind ein „ongoing accomplishment“ auf der materiellen Ebene.

Und deshalb tut der Spruch von der „Idee, für die die Menschheit nicht bereit“ wäre, Marxisten weh. Nicht wegen der Behauptung, dass die Menschheit nicht bereit wäre. Sondern wegen der Behauptung, es handle sich hier um eine „Idee“.


Einige stilistische Bemerkungen

Ich glaube es ist der große Fehler vieler am Marxismus interessierter, erst mal zum Hauptwerk „Das Kapital“ zu greifen. Frustration stellt sich selbst bei theoriegeübten Leserinnen recht schnell ein. Zu ökonomisch und mathematisch schon die ersten Kapitel. „Die deutsche Ideologie“ dagegen ist ein ausgesprochen soziologischer Text, der entsprechend seiner theoretischen Setzung sehr stark empirische geschichtliche Sachverhalte beschreibt und analysiert. Daher die hohe Plausibilität. Die Autoren tun etwas in ihrem Stil, was man allzu oft nicht so antrifft: Sie setzen ihre eigenen Vorgaben konsequent um, indem sie historische „Bewegungen“ nachzeichnen, anstatt Begriffsgeschichte oder Ähnliches zu betreiben. Das andere ist der hohe Unterhaltungswert. Engels war ja nicht an akademische Konventionen gebunden und konnte sich deshalb einen unakademischen Stil erlauben. Die deutsche Ideologie ist ja eine Polemik gegen die „Idealisten“ die es nicht raffen.

Und weiter?
Jetzt würde sich eine interessante theretische Fortentwicklung anschließen lassen. Nämlich die Frage nach der postmodernen Kultur und ihrer angeschlossenen „Verkehrsform“. Fredric Jameson hat das sehr beeindruckend ausgearbeitet und ich glaube er hat dabei das Grundprinzip der materialistischen Geschichtsauffassung beherzigt. Kulturwissenschaftlich interessant ist ja gerade die Parallelisierung von kulturellen Erscheinungsformen und sozioökonomischer Ordnung. Ich geh ganz bald mal drauf ein. Erinnertm ich dran.

  1. Ich verwende generisches Femininum. Ab jetzt immer. Get used to it! []
  2. Ich glaube übrigens dass das betreffende Kapitel hauptsächlich von Engels verfasst wurde. Die Anmerkungen meiner Ausgabe des Dietz Verlages weisen auf Bemerkungen hin, die Marx an den Rand geschrieben hat. Insofern halte ich Engels für den soziologischeren der beiden Autoren. Ich erklär gleich noch wieso. []
  3. Das ist m.E. die marxistische Basis für eine Kulturanalyse. Dazu später. Oder auch: ein andermal. []
  4. „Die größte Teilung der materiellen und geistigen Arbeit ist die Trennung von Stadt und Land. Der Gegensatz zwischen Stadt und Land fängt an mit dem Übergange aus der Barbarei in die Zivilisation, aus dem Stammwesen in den Staat, aus der Lokalität in die Nation, und zieht sich durch die ganze Geschichte der Zivilisation bis auf den heutigen Tag (die Anti-Corn-Law League) hindurch. – Mit der Stadt ist zugleich die Notwendigkeit der Administration, der Polizei, der Steuern usw., kurz des Gemeindewesens und damit der Politik überhaupt gegeben. Hier zeigte sich zuerst die Teilung der Bevölkerung in zwei große Klassen, die direkt auf der Teilung der Arbeit und den Produktionsinstrumenten beruht. Die Stadt ist bereits die Tatsache der Konzentration der Bevölkerung, der Produktionsinstrumente, des Kapitals, der Genüsse, der Bedürfnisse, während das Land gerade die entgegengesetzte Tatsache, die Isolierung und Vereinzelung, zur Anschauung bringt. Der Gegensatz zwischen Stadt und Land kann nur innerhalb des Privateigentums existieren. Er ist der krasseste Ausdruck der Subsumtion des Individuums unter die Teilung der Arbeit, unter eine bestimmte, ihm aufgezwungene Tätigkeit, eine Subsumtion, die den Einen zum bornierten Stadttier, den Andern zum bornierten Landtier macht und den Gegensatz der Interessen Beider täglich neu erzeugt.“ Marx/Engels, MEW 3, S. 50 []
  5. Ebd.,S. 27 []
  6. Man möge mir verzeihen, ich beziehe mich wirklich nur auf die Überschrift von Lötzschs Text, vielleicht steht im Text noch was anderes. Ich schau später nach. []
  7. „Die Produktion des Lebens, sowohl des eignen in der Arbeit wie des fremden in der Zeugung, erscheint nun schon sogleich als ein doppeltes Verhältnis – einerseits als natürliches, andrerseits als gesellschaftliches Verhältnis -, gesellschaftlich in dem Sinne, als hierunter das Zusammenwirken mehrerer Individuen, gleichviel unter welchen Bedingungen, auf welche Weise und zu welchem Zweck, verstanden wird.“ Ebd. S. 29-30 []

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