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Nacktsein ist gar nicht so dumm! Kommentar zu „Wir Alphamädchen“

Haaf/Streidl/Klingner1 beschreiben unter der Überschrift „Warum wir das Netz erobern müssen“ das scheinbar paradoxe Phänomen, dass ausgerechnet junge Frauen (die doch von allen vorangegangenen Wellen des Feminismus profitiert haben) ausgerechnet im Internet (von dem wir dachten, dass Geschlecht als Ordnungskategorie in hm unwichtig wird) von sich aus gerne mal die Hüllen fallen lassen und – ganz ohne gebieterischen Macker im Hintergrund –geradezu ostentativ ein selbst-objektifizierende, unterwürfige (selbstgemachte Fotos von schräg oben mit tiefem Ausschnitt!) Weiblichkeit 2 zelebrieren. Wie konnte es soweit kommen bei solchen Voraussetzungen?

Meine These ist, dass mit dem zurückgehen klassischer Geschlechternormen seit den 1960er Jahren der Körper als Kriterium der Geschlechterdifferenz umso stärker gemacht wird. Wenn die „Natürlichkeit“ der Geschlechterrollen infrage gestellt wird, wird Konsequenz die Natürlichkeit des „natürlichen Körpers“3 zum Fetischobjekt der geschlechtlichen Ordnungsbildung. Es kommt noch ein Klassenfaktor hinzu: Insbesondere diejenigen, die über wenig soziales, ökonomisches und kulturelles Kapital verfügen, kultivieren aus dem Mangel heraus den eigenen Körper. Die MySpace-Babes sind also gar nicht so „kurzsichtig und dumm“ (135-136), sondern schlau und machen das Beste aus der Not. Mit Bourdieu kann man Geschlechternormen klassenspezifisch denken: Unterschichts-Weiblichkeit und bildungsbürgerliche Weiblichkeit (als Beispiele) funktionieren je unterschiedlich, auch im Hinblick auf die „Zivilisierung“ und Kultivierung des eigenen Körpers. Insofern blicken die Alphamädchen, vermutlich ohne es zu wollen, herab auf eine Weiblichkeit die ihnen fremd ist, und sehen mit ihrem bildungsbürgerlichen Blick – aus ihrer Position heraus auch konsequent – nicht eine schichtspezifische Strategie mit der Not umzugehen, sondern ein antifeministisches Fehlverhalten. Im Klappentext des Buches steht sinngemäß, dass der Feminismus jungen Frauen hilft, den Alltag besser zu meistern. Ja, kann sein. Aber für andere sind es genau diese alltäglichen Konstellationen, die wir als Machtverhältnisse analysieren, die Sicherheit im Alltag geben. Das ist die soziologische Kehrseite einer im weitesten Sinn mit foucaultschen Begriffen betriebenen Machtanalytik, die hier und da und überall – auch bei mir – virulent ist: Die alltäglichen Macht-Wissen-Regime helfen vielen Leuten eben auch, sich zurechtzufinden, sich eine eigene Identität zu konstruieren und sich einen – wenn auch kleinen – Spielraum darin und damit zu schaffen (sagt übrigens Judith Butler auch). Sie sind eben nicht nur einfach brutal unterdrückend, sie produzieren (Foucault!) sehr klare Möglichkeiten die gerade deshalb als solche wahrgenommen werden, weil sie so eng begrenzt sind. Sich selbst an der eigenen Heteronormalisierung zu beteiligen ist aber auf der anderen Seite auch keine Option, die die meisten Leute man nach Lust und Laune verwerfen könnten. Die Konsequenzen sind nämlich mitunter handfest:4 Einsamkeit, verminderte Chancen auf Märkten aller Art (Partner-, Arbeits-, usw.)5. Bis hin zu körperlichen Angriffen. Aber es sind – ich wiederhole mich – eben nicht nur Zwänge, sondern auch Möglichkeiten, vielleicht sollte man eher sagen: die Verlockungen. Die Verlockungen des Normalseins.
Die alltägliche Macht der (Hetero-)Normalisierung besteht also in einem Verhältnis von „Möglichkeit : Beschränkung“ und das ist klassenspezifisch je unterschiedlich. Das erklärt auch die scheinbar paradoxe Tatsache, dass „viele Mädchen nicht einmal einen Chauvinisten dazu brauchen, sie machen sich ganz selbstständig zu leblosen Wichsvorlagen“ (130).

Die Begriffe „Lookismus“ und „Bodismus“ sind, soweit ich sie verstehe, dazu angetreten, den affirmativen Umgang mit körperlichen Differenzen zu kritisieren, analog zu Rassismus6 etwa. Letzterer hat ja eine ähnliche Geschichte: Die Biologisierung und Naturalisierung einer hierarchischen Differenz in Folge des Auftretens formaler Gleichheitsnormen mit der Aufklärung. Ich würde behaupten, dass biologistische Theorien der Geschlechterdifferenz weniger wissenschaftlich, d.h. als Erklärung und/oder Beschreibung, sondern als Anleitung und Bestätigung der eigenen Praxis (die Alphamädchen sehen das mit der Bestätigung auch so übrigens) gelesen werden.

Einen anderen Abschnitt überschreiben sie mit „Gilt immer noch: Mein Bauch gehört mir“ (77) – also DAS denken sich die Fastnacktmädchen von MySpace (ja, die sind immer noch auf MySpace – Klasseneffekt würd ich sagen) ganz sicher auch! Das ist ja die Pointe: Dass das Selbstbestimmungs-Narrativ sich so hervorragend in ein Selbst-Regierungs-Regime einpasst – „Mein Bauch gehört mir, ich kann Fettabsaugen, ihn piercen und ins Internet stellen so viel ich will.“7 Die Alphamädchen meinen, das seien Pubertäts-Späßchen, die es schon früher gab, aber eben nicht ins Internet gestellt wurden, wo sie ihrer Meinung nicht hingehören. Stimmt auch, greift meiner Ansicht nach aber zu kurz (siehe oben). Die Vermutung liegt nahe, dass die einen (bornierte Unterschicht) das eher auf ihre Körper, die bornierte Mittelschicht (das sind „wir“!) dieses Selbst-Regierungs-Regime eher auf ihre Arbeitsmoral anwenden. Letzteres ist ja umfangreich beschrieben worden, Stichwort Chiapello/Boltanski: „Neuer Geist des Kapitalismus“. Und viele andere mehr.

Heißt: Die von den „Alphamädchen“ beschriebenen Beobachtungen sind nicht falsch, ich möchte sie nur in einen größeren Rahmen stellen. Sie schreiben auch, dass die Frauen mitschuld seien, wenn sie sich selbst objektifizieren und rufen dazu auf, es anders zu machen. Ja, stimmt auch irgendwie. Aber bei individualistischen Aufrufen und voluntaristischen Vorstellungen über „einfach mal anders machen“ wird mir immer ein wenig unbehaglich. Ich hoffe, meine obigen Andeutungen über die größeren Zusammenhänge erklären dieses Unbehagen vielleicht ein wenig.

 

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VERANSTALTUNGSHINWEIS
Zu einem ganz ähnlichen Thema diskutieren am 13.04. auf der Re:Publica interessante Leute, u.a. die Alphamädchen-Autorin Meredith Haaf, unter dem Titel „Guck mal, wer da spricht
Wieviel Pluralismus kann die deutsche Blogosphäre?“

Das wird, soweit ich weiß, auch gestreamt. Details: hier klicken.

 

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  1. Haaf, M./ Klingner, S. / Streidl, B. 2008: Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht. Blanvalent Verlag, München. []
  2. Den Boom der halbnackten Mucki-Pics bei jungen Männern ignorieren sie. Kann man aber, glaub ich zusammenfassen. []
  3. Ich hab mir sagen lassen, unter jungen Frauen gilt Körperbehaarung bei Männern als unsexy. Es gehört also ein enormes kulturelles Wissen dazu, welche Körper gerade der heterosexuellen Natur entsprechen. Den Bart hab ich mir abrasiert, man tut ja was man kann. []
  4. Hier muss ich den Soziologinnen und Soziologen einen Vorwurf machen, die das vielzitierte „Suchen nach Sicherheit“ entweder als Spielerei, die aber doch irgendwie angenehm ist, oder aber als anthropologische Eigenschaft darstellen. Nein, es handelt sich um eine Überlebensmaßnahme innerhalb eines Machtgefüges und ist einer sozialen Notwendigkeit geschuldet! Das erfahren Mittelschichtsangehörige, die nicht irgendwelche Behinderungen oder sonstige „Stigma“ tragen nur selten in dieser Intensität, vermute ich. []
  5. Auch so ein Aspekt der beim Lesen Unbehagen bereitet: Die Alphamädchen unterstellen die meiste Zeit eine Leserin, die auf diesen Märkten bereits einigermaßen integriert ist und nun vor den bekannten Wahlmöglichkeiten steht: Familie oder Karriere. Das ist eine relevante Perspektive, ohne Frage, aber eben eine sehr partikulare. Das wissen sie aber durchaus selber, also das ist jetzt kein Vorwurf. []
  6. vgl. Mark Terkessidis: Psychologie des Rassismus []
  7. Den Gedanken habe ich von Paule Irene Villa, ich glaube er steht ausgeführt in dem von ihr herausgegebenen Band „Schön Normal“. []

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Gedankensammlung zur Kernenergie

„Ich finde an einem solchen Tag darf man nicht einfach sagen unsere Kraftwerke sind sicher. Sie sind sicher.“ (A. Merkel, Brainbug)

Mit dieser völlig sinnlosen Aussage eröffnete Angela Merkel ihr so genanntes „Statement“ zu einer überaus wichtigen Frage: Werden wir alle sterben Wie geht es weiter mit der Atomenergie? Denn obwohl versichert wird, dass letztere ‎“Sicher“ (Merkel) ist , sind nicht alle davon überzeugt. Es ist halt ein bisschen komisch zu behaupten eine Sache sei „sicher“, wenn einem genau diese Sache gerade im selben Moment um die Ohren fliegt. Was machen die Freunde der Sicherheit da? Den Irrtum eingestehen, Kehrtwende? Nein, das nicht, wir sind hier schließlich bei cdu/csu/fdp. Das muss also keinen Sinn ergeben, nur die Stammwählerinnen und Lobbyisten erfreuen. Ich weiß eigentlich nicht viel über die vielbeschworenen Lobbyisten. Aber die vielen merkwürdigen, völlig falschen Formulierungen, die man sich in letzter Zeit (auch früher schon) anhören muss, legen schon den Verdacht nahe, dass da jemand mit Geld nachhilft.

Sicherheit – Risiko – Gefahr

Vielleicht ein kleiner Einschub zur „Sicherheit“. Ist ja so: Die Welt ist voller kleiner und großer und ganz großer Risiken. Kann sein es regnet. Kleine Gefahr. Wenn ich morgens das Haus verlasse und mich entscheide, keinen Regenschirm mitzunehmen geh ich das Risiko ein, nass zu werden.1 Solche Diskussionen entwickeln sich ja oft zu einem angenommenen „Nullpunkt“: „Dann kann ich ja das Haus nicht mehr verlassen, weil es kann ja immer was passieren!“ Stimmt aber nicht ganz, denn: Ich kann ja auch zu Hause bleiben und dann stürzt ein Flugzeug drauf. Das ist die Gefahr! Kann man jetzt lachen über die Absurdität des Beispiels. Ich z.B. kann das nicht, ich habe erst vor kurzem erfahren, dass in meinem Stadtteil in den 90er Jahren ein Flugzeug abgesürzt ist. Kommt hinzu: wenn so was passiert hab ich das Flugzeug nicht gechartert. Ich hab auch überhaupt nicht damit rechnen können. Risiko? Gefahr? Des Einen Risiko ist des anderen Gefahr. Das gilt für nichts mehr als für Atomkraftwerke! Selbst wenn man von einem „nationalen Atomkonsens“2 ausgeht, wie man ihn gerne von Frankreich behauptet (und den es vielleicht auch gibt) – gegen radioaktive Strahlung hilft auch kein Frontex mehr.3

Daraus sollte Folgendes entnommen werden: Den Begriff „Sicherheit“ können wir bitte aus der Debatte streichen. Wer ihn benutzt disqualifiziert sich. Er ist unseriös. Sicher sind ganz wenige Sachen: Dass wir alle irgendwann sterben. Die Frage ist aber: Wann? (Und: wie?)

„Risiko“ ist also ein Begriff mit dem man sich die Zukunft „greifbar“ machen will, besser gesagt: berechenbar machen will. Man kommt auch nicht aus, wie ich gezeigt habe: Eine Risikoentscheidung nicht zu treffen eröffnet ein neues Risiko. Der Risikobegriff hat was mit der Art zu tun wie wir Gesellschaft und Natur in Verhältnis setzen: Grundsätzlich berechenbar. Irgendwie löst das Denken in Risiken – das ja gedanklich die Zukunft unter Kontrolle bringt – eine Kette von Risikominimierungsversuchen aus, an deren Ende das „Restrisiko“ steht. Und das hat’s in sich.

Jetzt: (Rest-?)Risiko?

Risiko wird üblicherweise durch eine einfache Formel errechnet:

Risiko = Schadenswahrscheinlichkeit x Schadenshöhe.

Da im Fall eines Super-GAUs die Schadenshöhe enorm hoch wäre, handelt es sich bei dem sogenannten “Restrisiko” also genau genommen um ein sehr hohes. Ich glaube es ist keine Einzelmeinung, wenn ich das Gefühl habe, die Vorsilbe “Rest” möchte ein gegenteiliges Gefühl erwecken. Keine Journalistin/Juristin/Politikerin sollte sie benutzen. Dass das Risiko sehr hoch ist bezeugt ja auch Unversicherbarkeit. Man kann der Versicherungsbranche sicher einiges vorwerfen, aber dass sie sich ein so “sicheres” (A. Merkel) Geschäft entgehen lässt halte ich für unwahrscheinlich. (s. auch den Beitrag bei Neusprechbolg)

Dumm nur, dass sich dieser „objektive“ Risikobegriff an berechenbaren Wahrscheinlichkeiten orientieren muss. Also die Eintrittswahrscheinlichkeit von Ereignissen berechnet, von deren Eintritt wir nichts wissen – aber wir wissen, dass die Wahrscheinlichkeit besteht. Zeigt sich aber, dass immer wieder Störfälle v on Ereignissen ausgehen, von denen wir nicht mal wissen, dass wir sie nicht wissen. Das ist das prinzipielle Problem, dass m.E. so oft falsch gedeutet wird: Wenn ein Störfall durch etwas „Unvorhersehbares“ induziert wird, darf das ja gerade nicht zur Beruhigung führen, dass wir „ansonsten“ alles unter Kontrolle haben.

Das Problem der nicht gewussten Gefahren durchzieht das ganze Leben, unvermeidlich. Man kann dagegen auch nichts tun. Man darf auch nicht in Panik verfallen. Man sollte sich nur fragen, ob man eine Grenze ziehen kann, welche Risiken man nicht mehr eingeht. Risikosoziologe Ulrich Beck hat mal eine vorgeschlagen, sie ist auch schon genannt worden: Die Versicherbarkeit…

Das Dilemma der Kernkraft-Befürworter

Spiegel Online schreibt vor ein paar Tagen, dass der Ausstieg aus der Kernenergie soundsoviele Milliarden kostet. Puh, teuer. Aber Wenn ich die Kosten einer Sache angebe aber nicht die Kosten der Alternative, ist das nicht ziemlich unseriös? Spaltbares Material muss beschafft und hinterher entsorgt werden (es gibt aber kein „Endlager“). Was das kostet! Vom „Restrisiko“ des Super-GAUs mal abgesehen. Spiegel macht also, vielleicht unabsichtlich, mal wieder pro-Atomenergie-Propaganda. Und das ist das Ärgerliche – die Befürworter sollen sagen: wir sind dafür, gibt billigen (naja!) Strom für’s Wirtschaftswachstum und unsere Designertrockenhauben. Ist das so schwer? Muss man da erst umständliche Moralkeulen zusammenbasteln?

Am besten hat mir ja das Argument gefallen, man dürfe das jetzt nicht diskutieren, weil es da Opfer in Japan gäbe. Das ist als würde man einen Mordfall aufklären und der Beschuldigte verteidigt sich mit den Worten: „Hier ist ein Mensch zu Tode gekommen und Soe wollen sich mit der Schuldfrage abgeben? Wie pietätlos!“ Dass man das ganze nicht „parteipolitisch instrumentalisieren“ soll ist in einer Parteiendemokratie ein Sprechverbot von Rechts. Schließlich ist die Atomenergie bei den zwei großen4 rechten Parteien zu Hause. Und die haben auch noch gerade eben erst den „Atomausstieg“ ganz abgeschafft. Darf man aber nicht kritisieren, ist ja Parteienpolitik. Das ist das Pietätlose: Die Opfer zu instrumentalisieren um Kritik zum verstummen zu bringen. Es ist halt jemand benennbares „schuld“ am Ausstieg aus dem Ausstieg. Daran ändern die vielen toten in Japan aber nichts. Und nebenbei versuchen die Rechten einmal mehr das, was sie den Linken (und überhaupt allen anderen) immer vorwerfen: Sprech- und Denkverbote zu installieren und Debatten zu unterdrücken.

Vorschlag und neue Risiken

Aber die Tragik geht leider noch weiter: Kernenergie wird steuerlich subventioniert, ist aber nicht versicherbar. Das heißt: Die Betreiberfirmen bekommen von den Steuerzahlerinnen Geld dafür, dass sie ein Risiko eingehen dessen negative Konsequenzen sie nur zu einem ganz geringen Bruchteil selber tragen müssten und für das es nicht mal eine Versicherung gibt. Das ist schon eine ziemlich einseitige Rechnung. Gut, es kommt Strom dabei raus (den wir aber den Betreibern abkaufen müssen, tja). Deshalb wäre meine erste Forderung, wenn es vom Standpunkt der Energieversorgung nicht möglich ist, alle AKW abzuschalten: Alle Betreiber müssen enteignet und die Energieversorgung in öffentliche Hand gelegt werden. Ich bin mir durchaus bewusst, dass eine Verstaatlichung nur halb so viel Spaß macht, wenn man den Staat in seiner gegenwärtigen Form nicht mag. Das ist mein Dilemma.
Außerdem sinkt dadurch natürlich nicht das technische Risiko (Stichwort Tchernobyl), aber man hätte den Lobbyistendruck weg und es gäbe auch keinen Profitanreiz mehr. Angesichts der ungerechten Profit- und Lastenverteilung versteh ich aber grundsätzlich nicht, wieso eine solche Technologie in Privatbesitz ist. Man könnte außerdem die Erlöse bis zur Abschaltung in die Optimierung der Sicherheitssysteme (ich weiß leider gerade kein besseres Wort) und in die Forschung nach alternativen Energien stecken. Aber an dem Punkt tut sich das nächste Dilemma auf, das unter dem Titel „Technological Fix“ firmiert: Die Lösung technisch induzierter (sozialer) Probleme durch neue Technologien. Das hat uns ja erst hierhin gebracht.5

Das bittere an der Sache ist natürlich, dass die Krise der Kernenergie in die Klimakrise Hineinplatzt.

Letztendlich braucht es einen teilweisen Ausstieg aus dem Energieverbrauch.

  1. Das Beispiel wie auch die Unterscheidung Risiko/Gefahr stammt von Niklas Luhmann. Den muß man nicht mögen, aber das spielt jetzt mal keine Rolle. []
  2. Übrigens irritiert mich der Sprachgebrauch mit „Atom“ immer stark: Ist ein „Atomkonsens“ nicht der Konsens darüber, dass alles aus Atomen besteht? Da wär ich evtl. dabei. Ich hab jetzt auch keine grundsätzliche Angst vor Atomen um sich. Ich glaub die Spaltung ist das Problem. Also ob man grundsätzlich aus den Atomen ausstiegen kann, da bin ich mir auch nicht ganz sicher. Aber ich bin kein Physiker. []
  3. In diesem Zusammenhang ist es übrigens interessant zu erfahren, dass es national unterschiedliche Wege zur Kernenergie gab. Der deutsche Weg ist durch einen „Push-Effekt“ gekennzeichnet: Als man mit der Planung deutscher Kernkraftwerke begann gab es keinen objektiven Bedarf dafür, aber einerseits das Gefühl, es könnte ihn bald geben, andererseits die Hoffnung, zum Exporteur von Kernreaktoren in die sog. 3. Welt zu werden. (vgl. J. Radkau 1992: Die Kerntechnik als historisches Individuum und als Paradigma. In: Technik und Gesellschaft, Jahrbuch 6. S. 79f.) []
  4. okay, eine große. eine inzwischen bedeutungslose, die aber durch einen dummen zufall ein paar witzminister ins kabinett geschmuggelt hat. []
  5. Naiver Anhänger dieser Variante ist übrigens Arnold Schwarzenegger, der will nicht die SUV genannten Freizeitpanzer verbannen, sondern Umweltfreundlichere Freizeitpanzer. Naja, dafür gibt’s in Österreich keine AKWs. In Kalifornien schon. []

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Die Fefesierung der Diplomatie: Sechs Thesen zu Wikileaks

1. Die Reaktionen auf die Wikileaks-Enthüllungen stellen altbekannte Frontlinien wieder her

Die gute alte Frontlinie Bürger vs. „System“ (Regierung + Medien) ist wiederhergestellt, jedenfalls auf der Ebene des Klischees. Diverse PolitikerInnen (z.B. Hillary Clinton) und Journalisten (Hans Leyendecker –Au weia) eifrig dran, das nochmal allen klarzumachen und haben darin vermutlich mehr Erfolg als jeder oldschoolige linksradikale Agitator das haben könnte. Man kann geteilter Meinung sein, ob es auch in demokratischen Staaten Geheimhaltungszonen geben soll. Aber die Reaktionen vieler „westlicher“ Regierungen sprechen einfach die Sprache: Was wir hier Wichtiges tun geht das Volk nichts an. Transparenz des Regierungshandelns ist „Angriff auf die internationale Gemeinschaft“ (H. Clinton). Die teilweise drakonischen Strafforderungen von Regierungsseiten wirken alles andere als volksnah oder auch nur besonnen. Eher wie Schuldeingeständnisse und Panikreaktionen.

2. Die Wikileaks-Enthüllungen stempeln neoliberale „Transatlantiker_innen“ endgültig zu den Depp_innen der jüngeren Geschichte

Die kriecherischen so genannten „Transatlantiker_innen“ stehen nun endgültig als die Deppen der jüngeren europäischen Geschichte da. Schönstes Beispiel: die FDP, welche wie sich zeigt von den USA mittels eines Top-Informanten in den höchsten Kreisen ausspioniert wird, obwohl sie sich wie kaum eine andere Gruppierung den USA völlig willenlos andient, bzw. das seit geraumer Zeit versucht. Ironie der Geschichte: Diese Leute werden von ihren großen Vorbildern genauso wenig ernst genommen wie von allen anderen denkenden Menschen.

3. Die USA regieren nicht mehr die Welt

Die USA regieren nicht die Welt, sonst hätten die Diplomaten sicher Interessanteres zu berichten als das was man in einheimischen Medien eh nachlesen, bzw. sich selber denken kann (Merkel, Westerwelle, Niebel können nix, die Grünen sind global gesehen unwichtig und, und, und). Das zur sicheren Enttäuschung von Anti-amerika-Verschwörungstheoretikern und US-Patrioten und -Fans gleichermaßen. Deise teilen übrigens eh mehr oder weniger dasselbe Weltbild: Amerika-Hasser: USA=Weltmacht=Weltregierung=müssen wir bekämpfen und Amerika-Fans: USA=Weltmacht=Weltregierung=müssen wir uns ranschleimen.

4. Die Konzentration von Wikileaks auf die USA ist berechtigt, Kritik daran ideologisch und durchsichtig

Die Konzentration auf Enthüllungen der USA als „antiamerikanisch“ zu brandmarken ist falsch und durchsichtig ideologisch. Die Enthüllungen düpieren mindestens genauso auch Russen, Araber etc. als moralbefreite Opportunisten der Macht. Dass letztere böse sind wissen wir eh schon alle, das kann man auch überall (Springerpresse, Spiegel etc.) nachlesen oder sich vom Stammtisch seiner Wahl nacherzählen lassen. Die USA sind insofern das richtige „Zielobjekt“, weil sie ihre politischen Aktionen mit Vorliebe als Menschenfreundlichkeit ausgeben. JedeR weiß, dass das Blödsinn ist. Außenpolitik ist Machterhaltung und –Erweiterung. Abgesehen davon sind die USA immer noch globaler Hegemon (wenn auch nicht mehr so ganz stark wie einst, s. These 3). Es ist also völlig richtig, das Augenmerk besonders auf die USA zu legen.

5. Der Verbreitungsmechanismus der Leaks und deren Inhalte legen den Blick auf die Absurdität des Mediensystems frei.

Die Banalität der überwiegenden Mehrheit der Depeschen zeigt die Absurdität der globalen Informationsmaschinerie auf: Medien produzieren Meinungen -> Diplomaten
nehmen diese auf reproduzieren sie in ihren Depeschen -> Medien veröffentlichen diese Depeschen und reproduzieren damit ihre eigenen vorher produzierten Meinungen. Wir erfahren ja fast nichts wirklich Neues. Überraschend an den „Einsichten“ der Diplomaten ist ja nur, dass wir es nun nur Schwarz auf Weiß haben, dass sie nicht überraschend sind.

Dieser Pointe setzte Zeit-Online am Sonntagabend noch ein Krönchen auf: Dort durften gleich zwei JournalistInnen im Live-Ticker drüber schreiben, was sie bei Spiegel Online gerade so lasen. Ich möchte das als „Journalistische Logik des Spätkapitalismus“ etikettieren.

6. US-Diplomaten haben ein ähnliches Weltbild wie fefe

Man muss sich das mal klar machen: dass US-Diplomaten scheinbar ein ganz ähnliches Weltbild pflegen wie Verschwörungs-Guru fefe. Letzterer beömmelt sich auf seinem Blog seit der Veröffentlichung der Leaks fast ununterbrochen. Und er hat Recht!1. Ist das nicht unterhaltsam? Ich habe selten über „politische Verwicklungen“ so gelacht wie in den letzten zweieinhalb Tagen. Und es soll ja noch weiter gehen! Popcorn!

So, jetzt Musik:

Update: Au Weia, merke gerade, dass These 4 ein wenig eurozentrsich gedacht ist. Lesen ja auch nicht-Europäer_innen. Insofern wäre kompromittierendes Material über Diktaturen natürlich dringend geboten.
Die Veröffentlichung von kritischem Material über westliche Staatsapparate ist deshalb natürlich nicht weniger notwendig.

  1. Ich finde das ja eh toll, wie fefe in guten Momenten die Mythen der großen und kleinen Politik in guten Momenten einfach weiter- und umspinnt anstatt sich lang mit deren Dekonstruktion aufzuhalten. Aber das ist ein Thema, dass ich mal gesondert abhandeln möchte. []

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Normale und arabische Kriminalität. Anmerkungen zu einem Diskursfragment.

Jörg Diehl – Autor bei Spiegel Online – schafft es in nur wenigen Absätzen alle, aber auch alle Buzzwords der Ausländer-Raus-„Debatte“ der letzten paar Jahre zu versammeln. Natürlich meint er das gar nicht böse, schon gar nicht ausländerfeindlich! Er hat ja ein ehrenwertes Anliegen: Es geht ihm um die um sich greifende organisierte Kriminalität, organisierte arabische Großfamilienkriminalität, genauer gesagt. Da der Zweck alle Mittel heiligt greift er beherzt in die sprachliche Trickkiste der „Integrationsdebatte“ und stellt heraus: Es gibt Kriminalität und es gibt arabische Kriminalität. Und die kann man scheinbar nur bekämpfen, wenn man sie als ethnische Kriminalität wahrnimmt.

Aber der Reihe nach. Hier mal meine persönliche, völlig subjektive, suggestive Auswahl der Highlights des Diehl’schen Artikels mit dem Titel „Arabische Großfamilien. Staat kuscht vor kriminellen Clans“ vom 26.10.2010:

Brüder einer berüchtigten kurdisch-arabischen Sippe

…gerieten Mohammed und Halil M. in Rage. Sie schrien, fluchten, beleidigten eine Beamtin und gingen laut Polizei auch auf einen Wachmann los
Sie wüssten, wo der Wachmann wohne, sagten sie den Gesetzeshütern ganz unverblümt, sie kennten seine Familie und, so schilderten es die Beamten, sie würden ihn fertigmachen, umbringen.

Mafiöse Ausländerclans mit Tausenden Mitgliedern haben sich unter Ausnutzung rechtlicher Schlupflöcher, sozialer Leistungen und internationaler Kontakte zu dominierenden Größen der Organisierten Kriminalität entwickelt.

Polizisten fürchten sich vor ihnen

kriminelle Parallelgesellschaft

nicht mehr zu kontrollierenden Ethno-Gruppierungen

Großfamilie M.

das Scheitern jeglicher Integrationsbemühungen

In falsch verstandener Toleranz hätten die Gerichte das Problem mit ihrer fortwährenden Nachsichtigkeit noch erheblich verschlimmert

Ethnisch abgeschottete Subkulturen

Die Zerschlagung solcher krimineller Strukturen werde „nur noch in Teilbereichen“ möglich sein.

Überwiegend eingewandert in den achtziger Jahren als angebliche Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon haben sie sich vor allem in Berlin, Bremen und Essen angesiedelt.

Nur in Ausnahmefällen können die vielfach offiziell Staatenlosen abgeschoben werden.

„Und selbst wenn eine Ausweisung möglich wäre, geschieht sie doch so gut wie nie“, klagt ein Ermittler. „Das können Sie komplett knicken.“

Clans (passim)

Sippe (passim)

Seither ist nicht viel passiert.

Vier Polizisten, Hunderte Straftäter

…ob und wie ein Kind vor der kriminellen Karriere in seinem Clan bewahrt werden könnte, lacht ein Ermittler bloß: „Das gibt es einfach nicht.“

…Gesuchter weiter Sozialleistungen kassiere

Zu den Bremer Sippen zählen fast 800 Kinder

die Behörde der Polizei aber aus „datenschutzrechtlichen Gründen“ nicht sage, wo der Betreffende sich aufhalte.

Vernetzung der Behörden funktioniert nicht. Wir lassen die Kriminellen viel zu häufig gewähren

Die betrachten uns als Beutegesellschaft, als geborene Opfer und Verlierer

…scheint die Zahl der Beteiligten [Verdächtigen] zu wachsen

…alarmierende Phänomen der Ethno-Clans

Bevor die Mütter das letzte eigene Kind gebären, haben sie bereits Enkelkinder. Deshalb vergrößert sich ein Clan in atemberaubender Geschwindigkeit.

Man bezieht staatliche Transferleistungen und Kindergeld.

Die weiblichen Familienangehörigen stehlen vorwiegend und die männlichen begehen Straftaten aus allen Bereichen des Strafgesetzbuchs

Die Kinder wachsen weitgehend unkontrolliert in diesen kriminellen Strukturen

gefürchteten arabischen Großfamilien

Selbstbedienungsmentalität

ehrgeizige Straßenräuber mit Migrationshintergrund

Kampf gegen die Clans längst verloren

„Sonst werden wir uns irgendwann noch sehr wundern.“

bürgerkriegsähnliche Zuständen

Öffentlichkeit… ließ ihn im Stich.

(Anm.: Manches davon ist Originaltext von Diehl, manches sind Zitate. Ich unterscheide das hier nicht, da es darum geht, wie ein Diskurs konstruiert wird. Es geht mir um die Montage der Buzzwords, denn eine Gegenposition kommt im Text ohnehin nicht zum Wort, es wird alles vom Autor zu einer These zusammengerührt.)

Man erkennt schnell die Leitplanken dieses Diskurses:

– Die Familie wird als Spezialität der arabischen Kriminellenszene hervorgehoben.

– Damit in Verbindung steht eine kaum getarnte Biologisierung:

Eine Familie, Vater, Mutter, 10 bis 15 Kinder, in Einzelfällen bis zu 19 Kinder, wandert aus dem Libanon zu. Einige Kinder werden noch in der ‚Heimat‘ geboren, andere in Deutschland. Bevor die Mütter das letzte eigene Kind gebären, haben sie bereits Enkelkinder. Deshalb vergrößert sich ein Clan in atemberaubender Geschwindigkeit.

– Die Ausnutzung „unseres“ Sozialstaats, womit die wir-gegen-die-Front aufgemacht und der/die Leser_in als „einer von uns“ angerufen wird. Das „wir“, so läßt sich aus der durchgängigen Ethnisierung schließen, sind aber nicht „die Rechtschaffenen“, sondern vielmehr „die rechtschaffenen Biodeutschen“ (denn Leute mit Migrationshintergrund mit deutschem Pass zählen nicht! Hier geboren worden zu sein und/oder einen deutschen Pass zu haben sind viel mehr Teil einer Strategie.) Dieses Motiv geistert schon seit mindestens 20 Jahren durch die bundesrepublikanische Diskurslandschaft, völlig entkoppelt von der tatsächlichen Zahl der migrantischen Sozialleistung/Asyl-Empfangenden. Lange Zeit war das eine der prominentesten Signaturen eines rechtsradikalen Diskurses. Das scheint Geschichte.

– Verschiedene bürgerrechtliche Anliegen werden verknüpft und gemeinsam als Ausländerkriminalitäts-Katalysatoren diffamiert, als da wären: Datenschutz, Gleichbehandlung von Personen mit und ohne Migrationshintergrund, bzw. mit/ohne deutscher Staatsangehörigkeit. Bemühungen um „Integration“ ohne Peitsche. Es ergibt sich die Forderung nach fundamentaler Ungleichbehandlung.

– Dabei reproduziert Diehl das von Broder so prominent eingeführte wechseln zwischen pseudo-Selbstbezichtigung („Wir sind selber schuld, weil zu tolerant“) und unhinterfragter Fremdbezichtigung. Denn die Frage ist ja nicht: wie schlimm sind die Araber – dass sie absolut schlimm sind wird immer schon unterstellt. Es geht immer nur um die Forderung nach mehr Härte. Wir sind nicht hart genug, das ist unser einziger Fehler. In Wirklichkeit dient diese vorgeschobene Suche nach dem eigenen Fehler dazu, den Fehler der anderen noch größer wirken zu lassen: Wir waren ja sooo nett! Aber die haben uns nur die ausgestreckte Hand aufgeschlitzt!

– Für den Diskurs um Ausländer generell unverzichtbar scheint die Dimension der Reproduktion, mal mit mehr, mal weniger latenter Pornofantasie1 im Hintergrund. Stets wird die „atemberaubende“ (Heisig) Reproduktionsrate dieser Fremden betont (dass es in der Breite der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ganz anders aussieht ist eher als „Geheimwissen“ einzustufen).

– Kirsten Heisig als Symbolfigur: Heisigs Buch wird als Beleg zitiert. Der Abschnitt bringt sämtliche Symboliken zusammen von Kriminalität bis Sozialabzocke. Woimmer Heisig zitiert wird, darf der Hinweis nicht fehlen, dass sie bereits tot ist. Ich wage mal die These, dass das verschweigen ihres natürlichen Todes subtil die für die „Integrationsdebatte“ typischen Theorien über die „Gutmenschenverschwörung“ aufruft. So „mutig“ und so früh verstorben – wirklich reiner Zufall? Wirklich ein natürlicher Tod? Den Text durchzieht insbesondere gegen Ende eine Anklage gegen die zu weichen Deutschen. Gegen übertoleranz. Der Verweis auf die „Diktatur der Gutmenschen“ kommt hier durchaus zur Entfaltung, allerdings natürlich in sehr viel gewählteren Worten als das in Haudrauf-Blogs wie PI-News der Fall ist. Immerhin gibt es einen „mehrfach entschärften Bericht“ zu zitieren. Warum der wohl mehrfach entschärft wurde? Über den Diskurs informierte Leser_innen dürften keine Schwierigkeiten haben, dies Chiffre zu entziffern: Man darf das nicht so sagen!

– Obwohl Diehl eine etwas gehobene Sprache im Vergleich zum Referenzmedium PI-News pfelgt, greift er doch auf parolenhaftes Vokabular zurück: kassieren, Sippe, Machenschaften usw. Insbesondere die Formulierung „Sozialleistungen kassieren“ schließt ungebrochen an rechtspopulistische und -radikale Diktionen an. Die Pointe des Textes ist natürlich, dass das ernste Sujet – organisiertes Verbrechen ist ein ernstes Problem, ohne Zweifel – genau dieses symbolhafte Kommentar aus seiner rechten Heimat herauslöst. Indem es Verknüpft wird mit einem echten Problem wird es schwerer angreifbar. Wer würde schon sagen, organisiertes Verbrechen sei harmlos?

– Wie in den bürgerlichen Medien üblich werden Polizist_innen und Jurist_innen als neutrale Informant_innen behandelt. Dadurch entsteht ein „Sogar“-Effekt: Sogar diese vertrauenswürdigen, neutralen Leute sagen, dass mit den Arabern nicht stimmt!

– Interessant auch die Verstichwortung des Textes durch Spon:

* Integration
* Multikulturelle Gesellschaft
* Kirsten Heisig
* Polizei

Das Stichwort „Multikulturelle Gesellschaft“ erinnert uns daran:

1. Dass die „Vermischung“ von Kulturen immer Probleme mit sich bringt – Das ist jedenfalls das als neutrale Gesetzmäßigkeit vorgetragene Mantra der bürgerlichen Mitte.

2. Die Kriminalität, die ja das eigentliche Thema des Textes ist bzw. sein könnte, hat was mit der anderen Kultur zu tun.

Bleibt die Frage, warum man die einen („arabischen“) Kriminellen von rechtstaatlicher Seite aus anders behandeln muß, als andere („deutsche“). Im Text findet sich auch nach mehrmaligen lesen keine schlüssige Begründung. Nur: Sie sind anders – als Behauptung. Scheinbar dient der Hinweis auf die Clanförmigkeit und die hohe Reproduktion als Beleg für das qualitative Anderssein der kriminellen Handlungen. Logisch ist dieser Schluss nicht, aber hoch suggestiv. Die Suggestion wird unterfüttert mit etablierten Kollektivsymboliken über Migranten: Sozialleistungen abzocken – zu weiche Behörden – Übertoleranz aus Angst, als fremdfenfeindlich zu gelten.

Was mich an dem Text so überrascht hat, dass ich meine Faulheit überwunden und einen Blogpost geschrieben habe, war, dass diese enorme Häufung von stigmatisierenden Buzzwords in einem Medium der „Mitte“ für mein Empfinden bislang so nicht stattgefunden hat – Brodertexte vielleicht mal ausgenommen.2 Es wird auch keine „Absicherung“ betrieben in dem Sinn, dass irgendwo noch ein Alibi-Absatz über tatsächliche Fehler in deutschen Integrationspolitik eingeräumt werden. Außerdem fällt die durchgängige, durch nichts gebrochene Betonung der ethnischen Dimension auf.
Und genau daran scheitert der Text auch. Ethnizität wird als ausschlaggebende Dimension des Problems eingeführt. Diese Konstruktion muss sich allerdings selbst tragen und kann sich nur auf Suggestionen stützen. Und das hält einer genauen Lektüre nicht stand.

P.S.: Ein kleines Kuckucksei hat man dem Autor mit dem illustrierenden Bild ins Nest gelegt. Wir sehen jede Menge Polizisten und Polizeifahrzeuge, aber nur zwei angebliche Araber. Man vergleiche das mit der weichheit-suggerierenden Zwischenüberschrift „Vier Polizisten, Hunderte Straftäter“. Noch dazu ist die Bildunterschrift in sich widersprüchlich: „Polizeiaktion gegen Mitglieder arabischer Großfamilien in Berlin: ‚Das können Sie knicken'“. Wenn man Polizeiaktionen „knicken“ kann, was sehen wir dann auf dem Bild? Und was will uns der erste Halbsatz der Bildunterschrift sagen?

  1. Angesichts der Betonung der angeblichen enormen Reproduktionsraten dieser Leute erlaub ich mir die These, dass in den Köpfen von Leuten wie Sarrazin ein permanenter Araber/Türkenporno läuft. Zu pornografischen Dimension des Rassismus gibt es hier bei Rhizom was zu lesen. []
  2. Wenngleich ich keinen Rechtsruck feststellen würde. Die Disposition für diese Art des Diskurses war schon lange da. Die Inhalte waren auch da. Nur die unbekümmertheit der Formulierung ist – zumindest ein bisschen – neu. []

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