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Kommunismus – Über das Kapitel „Feuerbach“ in Marx/Engels: „Die Deutsche Ideologie“

Vorbemerkung: Dieser Text bezieht sich auf Marx/Engels: Kapitel „Feuerbach“ in: Dies.: Die Deutsche Ideologie. Marx-Engels-Werke Bd. 2. Oder online und hier: http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_017.htm#I_I))

Der Spruch „Die Idee ist gut, aber die Welt noch nicht bereit“ ist ein sehr verbreitetes Urteil über „den Kommunismus“ mit dem man nicht nur sagt, dass man sich da auskennt, sondern sogar so viel Ahnung hat, dass man ein letztgültiges Urteil fällen kann. Ich würde die These wagen, er resultiert entweder aus mangelnder Kenntnis der Materie oder aus einer sehr feinsinnigen, kenntnisreichen aber böswilligen Abneigung gegen Mars/Engels. Die erste Variante ist vermutlich die häufigere und die zweite hält den Gegnern Marxscher Theoriebildung immerhin eine große Kenntnis zugute. Wenn die Wärterin am Himmelstor Antikommunistin1 sein wollte, werde ich ihr diese Einleitung unters Näschen halten!

Wenn ich das erste Kapitel aus „Die deutsche Ideologie“ richtig verstanden habe, dann wäre zunächst schon mal die Behauptung, „ der Kommunismus“ sei eine Erfindung der beiden Autoren, völlig unsinnig. Genauer formuliert: Die Vorstellung es handele sich beim Kommunismus um die Idee zweier genialer (oder das Gegenteil – je nach Standpunkt) Autoren, die man nun „umsetzen“ müsste oder sollte. Das widerspricht völlig der materialistischen Geschichtsauffassung die Marx und Engels2 im genannten Werk ausbreiten. Den Grundgedanken in Kürze würde ich so zusammenfassen: Es wird die Auffassung kritisiert, „große Ideen“ würden eine Lebenspraxis hervorbringen. Also wenn man große Theoretiker/Ideologen/Kleriker so liest, als wären sie Urheber der Gesellschaft, deren Prinzipien sie beschrieben. Eine schwächere Lesart, die aber genauso falsch ist, wäre: Die großen Geistern geben allgemeine Prinzipien, Vorstellungen wieder, nach denen eine Gesellschaft gestaltet ist, ohne deren Urheber zu sein. Die Gefahr ist quasi, dass man darauf „hereinfällt“ was die „großen Geister“ so beschreiben, für die Wirklichkeit, die Praxis, das Leben zu halten.

Nicht, dass all das Geschriebene und Gedachte wertlos wäre. Gerade weil solche Texte und Ideen nicht aus dem Nichts kommen können – und auch nicht aus „genialen Geistern“, wie manche Kunsttheoretikerinnen sich das denken – kann man sie als Dokumente ihrer Zeit auffassen, aber nicht als Baupläne, sondern als Effekte der realen sozialen und ökonomischen Lebenspraxis.3 Man erkennt schon: die Formulierungen in „Die Deutsche Ideologie“ sind weit weniger ökonomistisch, als man Marx/Engels im Allgemeinen einschätzen würde. Es geht Marx und Engels nicht nur um Produktionsmodi sondern um die „Verkehrsformen“ der Menschen schlechthin. Ich würde diese Formulierung mal als „Gesellschaftsformation“ lesen, die auch und wesentlich ökonomische Verhältnisse umfasst, aber nicht nur. Man beachte die Dynamik die in der Begriffswahl steckt – ich komme darauf zurück. Dazu passt, dass Marx/Engels als Differenzierungstheoretiker auf eine Vielzahl miteinander verwobener Differenzachsen eingehen und bei weitem nicht nur den berühmten Klassenantagonismus. Relativ früh findet sich beispielsweise bereits eine polemische Formulierung zum auseinandertreten von Stadt und Land.4

Marx/Engels pointieren ihre Geschichtsauffassung bekanntlich in der berühmten Formel: „Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein.“5 Wenn mich jemand fragen würde: „was ist materialistische Geschichtsauffassung?“ – ich würde antworten: „Ein Synonym für (gute) Soziologie.“

Man muss keine Marxistin oder Kommunistin sein, um die materialistische Geschichtsauffassung grundsätzlich zu akzeptieren. Man kann sogar politisch aus einer ganz anderen Ecke kommen, um der Auffassung zuzustimmen, dass die „Verkehrsformen“ einer Gesellschaft nicht aus dem guten oder schlechten Willen ihrer Mitglieder entspringen, sondern aus den materialen Verhältnissen. Wer sich so äußert wird wohl recht schnell als Esoterikerin verdächtigt. Und womit? Mit Recht.

Und was ist jetzt mit Kommunismus?

Was ist dann aber „der Kommunismus“? Kann ich auch nicht genau sagen. Aber im Sinne von Marx/Engels jedenfalls keine „Idee“, wie wir gesehen haben. Vielleicht haben sich Marx/Engels das Wort ausgedacht, kann sein, aber allein daraus resultiert ja noch keine gesellschaftliche Praxis. Der Kommunismus ist eine

„Bewegung“, die „[sich] unterscheidet […] von allen bisherigen Bewegungen dadurch, daß er die Grundlage aller bisherigen Produktions- und Verkehrsverhältnisse umwälzt und alle naturwüchsigen Voraussetzungen zum ersten Mal mit Bewußtsein als Geschöpfe der bisherigen Menschen behandelt, ihrer Naturwüchsigkeit entkleidet und der Macht der vereinigten Individuen unterwirft.“ (Ebd., S. 29)

Also quasi der Zustand denn die kritisierten „Ideologen“ immer schon unterstellt haben: die bewusste Kontrolle über vormals sich unkontrolliert vollziehende Prozesse. Als inhaltliche Aussage ist das vielen vielleicht zu dürftig, eine genaue Handlungsanweisung kann man hieraus nicht ablesen, nur: Umwälzung! Aber das ist ja nur konsequent: Denn es kann sich ja nur eine aus der Praxis entspringende Form – besser: Bewegung – handeln. Einen Weg. Gerade deshalb ist die Formulierung von Gesine Lötzsch „Wege zum Kommunismus“6 auch irgendwie unbehaglich – gemessen am Text von Marx/Engels. Denn sie unterstellt, dass „der Kommunismus“ ein Zustand wäre, denn man „erreichen“ müsste. Das widerspricht auch der Formulierung von Marx/Engels von der „Bewegung“. Ich glaube, darauf muss ich eingehen: Man darf dieses Wort, glaube ich, nicht als „soziale Bewegung“ im Sinne gar von einer Partei o.Ä. missverstehen. Es geht hier um – ich würde es so interpretieren – eine reale „Gesellschaftsform in Bewegung“. Wenn es nicht so platt klingen würde, würde ich sagen: der Weg ist das Ziel. Zum besseren Verständnis: Meine Auffassung, dass es hier um Dynamik und nicht Zustand geht, resultiert aus einer Bemerkung, welche die Autoren vorher machen, wenn sie von der „Produktion des Lebens“7 sprechen. Die materielle Produktion des Lebens und seine Reproduktion sind ein „ongoing accomplishment“ auf der materiellen Ebene.

Und deshalb tut der Spruch von der „Idee, für die die Menschheit nicht bereit“ wäre, Marxisten weh. Nicht wegen der Behauptung, dass die Menschheit nicht bereit wäre. Sondern wegen der Behauptung, es handle sich hier um eine „Idee“.


Einige stilistische Bemerkungen

Ich glaube es ist der große Fehler vieler am Marxismus interessierter, erst mal zum Hauptwerk „Das Kapital“ zu greifen. Frustration stellt sich selbst bei theoriegeübten Leserinnen recht schnell ein. Zu ökonomisch und mathematisch schon die ersten Kapitel. „Die deutsche Ideologie“ dagegen ist ein ausgesprochen soziologischer Text, der entsprechend seiner theoretischen Setzung sehr stark empirische geschichtliche Sachverhalte beschreibt und analysiert. Daher die hohe Plausibilität. Die Autoren tun etwas in ihrem Stil, was man allzu oft nicht so antrifft: Sie setzen ihre eigenen Vorgaben konsequent um, indem sie historische „Bewegungen“ nachzeichnen, anstatt Begriffsgeschichte oder Ähnliches zu betreiben. Das andere ist der hohe Unterhaltungswert. Engels war ja nicht an akademische Konventionen gebunden und konnte sich deshalb einen unakademischen Stil erlauben. Die deutsche Ideologie ist ja eine Polemik gegen die „Idealisten“ die es nicht raffen.

Und weiter?
Jetzt würde sich eine interessante theretische Fortentwicklung anschließen lassen. Nämlich die Frage nach der postmodernen Kultur und ihrer angeschlossenen „Verkehrsform“. Fredric Jameson hat das sehr beeindruckend ausgearbeitet und ich glaube er hat dabei das Grundprinzip der materialistischen Geschichtsauffassung beherzigt. Kulturwissenschaftlich interessant ist ja gerade die Parallelisierung von kulturellen Erscheinungsformen und sozioökonomischer Ordnung. Ich geh ganz bald mal drauf ein. Erinnertm ich dran.

  1. Ich verwende generisches Femininum. Ab jetzt immer. Get used to it! []
  2. Ich glaube übrigens dass das betreffende Kapitel hauptsächlich von Engels verfasst wurde. Die Anmerkungen meiner Ausgabe des Dietz Verlages weisen auf Bemerkungen hin, die Marx an den Rand geschrieben hat. Insofern halte ich Engels für den soziologischeren der beiden Autoren. Ich erklär gleich noch wieso. []
  3. Das ist m.E. die marxistische Basis für eine Kulturanalyse. Dazu später. Oder auch: ein andermal. []
  4. „Die größte Teilung der materiellen und geistigen Arbeit ist die Trennung von Stadt und Land. Der Gegensatz zwischen Stadt und Land fängt an mit dem Übergange aus der Barbarei in die Zivilisation, aus dem Stammwesen in den Staat, aus der Lokalität in die Nation, und zieht sich durch die ganze Geschichte der Zivilisation bis auf den heutigen Tag (die Anti-Corn-Law League) hindurch. – Mit der Stadt ist zugleich die Notwendigkeit der Administration, der Polizei, der Steuern usw., kurz des Gemeindewesens und damit der Politik überhaupt gegeben. Hier zeigte sich zuerst die Teilung der Bevölkerung in zwei große Klassen, die direkt auf der Teilung der Arbeit und den Produktionsinstrumenten beruht. Die Stadt ist bereits die Tatsache der Konzentration der Bevölkerung, der Produktionsinstrumente, des Kapitals, der Genüsse, der Bedürfnisse, während das Land gerade die entgegengesetzte Tatsache, die Isolierung und Vereinzelung, zur Anschauung bringt. Der Gegensatz zwischen Stadt und Land kann nur innerhalb des Privateigentums existieren. Er ist der krasseste Ausdruck der Subsumtion des Individuums unter die Teilung der Arbeit, unter eine bestimmte, ihm aufgezwungene Tätigkeit, eine Subsumtion, die den Einen zum bornierten Stadttier, den Andern zum bornierten Landtier macht und den Gegensatz der Interessen Beider täglich neu erzeugt.“ Marx/Engels, MEW 3, S. 50 []
  5. Ebd.,S. 27 []
  6. Man möge mir verzeihen, ich beziehe mich wirklich nur auf die Überschrift von Lötzschs Text, vielleicht steht im Text noch was anderes. Ich schau später nach. []
  7. „Die Produktion des Lebens, sowohl des eignen in der Arbeit wie des fremden in der Zeugung, erscheint nun schon sogleich als ein doppeltes Verhältnis – einerseits als natürliches, andrerseits als gesellschaftliches Verhältnis -, gesellschaftlich in dem Sinne, als hierunter das Zusammenwirken mehrerer Individuen, gleichviel unter welchen Bedingungen, auf welche Weise und zu welchem Zweck, verstanden wird.“ Ebd. S. 29-30 []

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Die Fefesierung der Diplomatie: Sechs Thesen zu Wikileaks

1. Die Reaktionen auf die Wikileaks-Enthüllungen stellen altbekannte Frontlinien wieder her

Die gute alte Frontlinie Bürger vs. „System“ (Regierung + Medien) ist wiederhergestellt, jedenfalls auf der Ebene des Klischees. Diverse PolitikerInnen (z.B. Hillary Clinton) und Journalisten (Hans Leyendecker –Au weia) eifrig dran, das nochmal allen klarzumachen und haben darin vermutlich mehr Erfolg als jeder oldschoolige linksradikale Agitator das haben könnte. Man kann geteilter Meinung sein, ob es auch in demokratischen Staaten Geheimhaltungszonen geben soll. Aber die Reaktionen vieler „westlicher“ Regierungen sprechen einfach die Sprache: Was wir hier Wichtiges tun geht das Volk nichts an. Transparenz des Regierungshandelns ist „Angriff auf die internationale Gemeinschaft“ (H. Clinton). Die teilweise drakonischen Strafforderungen von Regierungsseiten wirken alles andere als volksnah oder auch nur besonnen. Eher wie Schuldeingeständnisse und Panikreaktionen.

2. Die Wikileaks-Enthüllungen stempeln neoliberale „Transatlantiker_innen“ endgültig zu den Depp_innen der jüngeren Geschichte

Die kriecherischen so genannten „Transatlantiker_innen“ stehen nun endgültig als die Deppen der jüngeren europäischen Geschichte da. Schönstes Beispiel: die FDP, welche wie sich zeigt von den USA mittels eines Top-Informanten in den höchsten Kreisen ausspioniert wird, obwohl sie sich wie kaum eine andere Gruppierung den USA völlig willenlos andient, bzw. das seit geraumer Zeit versucht. Ironie der Geschichte: Diese Leute werden von ihren großen Vorbildern genauso wenig ernst genommen wie von allen anderen denkenden Menschen.

3. Die USA regieren nicht mehr die Welt

Die USA regieren nicht die Welt, sonst hätten die Diplomaten sicher Interessanteres zu berichten als das was man in einheimischen Medien eh nachlesen, bzw. sich selber denken kann (Merkel, Westerwelle, Niebel können nix, die Grünen sind global gesehen unwichtig und, und, und). Das zur sicheren Enttäuschung von Anti-amerika-Verschwörungstheoretikern und US-Patrioten und -Fans gleichermaßen. Deise teilen übrigens eh mehr oder weniger dasselbe Weltbild: Amerika-Hasser: USA=Weltmacht=Weltregierung=müssen wir bekämpfen und Amerika-Fans: USA=Weltmacht=Weltregierung=müssen wir uns ranschleimen.

4. Die Konzentration von Wikileaks auf die USA ist berechtigt, Kritik daran ideologisch und durchsichtig

Die Konzentration auf Enthüllungen der USA als „antiamerikanisch“ zu brandmarken ist falsch und durchsichtig ideologisch. Die Enthüllungen düpieren mindestens genauso auch Russen, Araber etc. als moralbefreite Opportunisten der Macht. Dass letztere böse sind wissen wir eh schon alle, das kann man auch überall (Springerpresse, Spiegel etc.) nachlesen oder sich vom Stammtisch seiner Wahl nacherzählen lassen. Die USA sind insofern das richtige „Zielobjekt“, weil sie ihre politischen Aktionen mit Vorliebe als Menschenfreundlichkeit ausgeben. JedeR weiß, dass das Blödsinn ist. Außenpolitik ist Machterhaltung und –Erweiterung. Abgesehen davon sind die USA immer noch globaler Hegemon (wenn auch nicht mehr so ganz stark wie einst, s. These 3). Es ist also völlig richtig, das Augenmerk besonders auf die USA zu legen.

5. Der Verbreitungsmechanismus der Leaks und deren Inhalte legen den Blick auf die Absurdität des Mediensystems frei.

Die Banalität der überwiegenden Mehrheit der Depeschen zeigt die Absurdität der globalen Informationsmaschinerie auf: Medien produzieren Meinungen -> Diplomaten
nehmen diese auf reproduzieren sie in ihren Depeschen -> Medien veröffentlichen diese Depeschen und reproduzieren damit ihre eigenen vorher produzierten Meinungen. Wir erfahren ja fast nichts wirklich Neues. Überraschend an den „Einsichten“ der Diplomaten ist ja nur, dass wir es nun nur Schwarz auf Weiß haben, dass sie nicht überraschend sind.

Dieser Pointe setzte Zeit-Online am Sonntagabend noch ein Krönchen auf: Dort durften gleich zwei JournalistInnen im Live-Ticker drüber schreiben, was sie bei Spiegel Online gerade so lasen. Ich möchte das als „Journalistische Logik des Spätkapitalismus“ etikettieren.

6. US-Diplomaten haben ein ähnliches Weltbild wie fefe

Man muss sich das mal klar machen: dass US-Diplomaten scheinbar ein ganz ähnliches Weltbild pflegen wie Verschwörungs-Guru fefe. Letzterer beömmelt sich auf seinem Blog seit der Veröffentlichung der Leaks fast ununterbrochen. Und er hat Recht!1. Ist das nicht unterhaltsam? Ich habe selten über „politische Verwicklungen“ so gelacht wie in den letzten zweieinhalb Tagen. Und es soll ja noch weiter gehen! Popcorn!

So, jetzt Musik:

Update: Au Weia, merke gerade, dass These 4 ein wenig eurozentrsich gedacht ist. Lesen ja auch nicht-Europäer_innen. Insofern wäre kompromittierendes Material über Diktaturen natürlich dringend geboten.
Die Veröffentlichung von kritischem Material über westliche Staatsapparate ist deshalb natürlich nicht weniger notwendig.

  1. Ich finde das ja eh toll, wie fefe in guten Momenten die Mythen der großen und kleinen Politik in guten Momenten einfach weiter- und umspinnt anstatt sich lang mit deren Dekonstruktion aufzuhalten. Aber das ist ein Thema, dass ich mal gesondert abhandeln möchte. []

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Wie Uli Edel mir mal die RAF schmackhaft gemacht hat

„Der Baader Meinhof Komplex“ (D, 2008 R: Uli Edel) ist ein reaktionärer Film. Eine für deutsche Verhältnisse relativ groß und nach Hollywoodregeln produzierte, fast zweieinhalbstündige Werbeanzeige für einen ordentlichen Staat. Ich will darauf gar nicht so sehr eingehen, wer an diesem Punkt anderer Meinung ist, braucht nicht weiter zu lesen, das will ich gar nicht mehr diskutieren. Interessanter ist, dass Edel genau in der Anwendung der Regeln für „ordentliches“ Filmemachen aus Versehen einen Subtext produziert, der die Idee RAF als utopisches Projekt anerkennt. Das klingt vielleicht ziemlich hanebüchen im ersten Moment, aber lass mich diese steile These erläutern.

Genau wie bei „Das Leben der Anderen“ handelt es sich beim „Baader Meinhof Komplex“ um keine Kritik eines Missstandes (sei es der RAF-Terror oder die Überwachung der DDR), sondern um Propaganda für die gegenwärtige Ordnung, für die RAF/DDR in ihrer Eigenschaft als allgemein anerkannte Schweinereien als Folie herhalten müssen. Zu Beginn des Films erfahren wir zwar noch was über hungernde Kinder in der dritten Welt und die Grausamkeiten der US-Armee in Vietnam. Aber nachdem diese Nebensächlichkeiten pflichtschuldig abgehakt sind, konzentriert man sich auf die Protagonistinnen und Protagonisten der RAF, insbesondere auf Andreas Baader (Moritz Bleibtreu). Und hier geht’s los, dass es eine reine Freude ist. Nicht lange nach Beginn des Films sehen wir, wie Baader in Italien binnen weniger Filmsekunden Horst Mahler mittels machohafter Sprüche zum Beklauen einer alten Dame animiert, Italiener als „Spaghettifresser“ beschimpft und Frauen sexistisch anbrüllt. Später wird er auf allerlei Kritik höchst aggressiv reagieren, sich über „Schwuchtelaktionen“ lustig machen und unliebsame Weggefährten brutal aus dem Weg räumen und einen erniedrigenden Stegreifvortrag gegen die Frauenemanzipation halten. Und für Leute die es dann immer noch nicht geschnallt haben, spricht, bzw. brüllt Baader noch diverse Male diverse Frauen als „Fotze“ an. Das ganze gespielt von Moritz Bleibtreu in genau dem Stil, in dem er eben alles spielt: pendelnd zwischen arrogant-genervter Coolness und unkontrolliertem Aufbrausen, immer mit dieser dauergenervten Bleibtreufresse, so dass ich zwischendurch das Gefühl hatte, in der soundsovielten Wiederholung von „Das Experiment“ oder „Solino“ gelandet zu sein. Also die Besetzung stimmt jedenfalls. Die Mitglieder der RAF, das lernen wir daraus, sind Charakterschweine und verraten sämtliche linken Ideale. Die nicht-gewalttätige Protestbewegung der damaligen Zeit kriegt auch einige wenige Szenen spendiert: Nach einer Rede von Dutschke wir „ho ho ho chi minh“ mit gereckter Faust im Chor gebrüllt. Später rottet sich eine linke Meute im Dunkeln mit Fackeln bewaffnet vorm Springer-Gebäude zusammen, Glas splittert wie Kristall in der Nacht, Druckwerk wird verbrannt. Diese Ikonografie kann nun wirklich jeder und jede Deutsche lesen.1 Kurz: BMK ist eine nicht gerade subtil verfilmte „Extremismus-These“.

Der Witz und das unabsichtlich Utopische liegt aber genau in dieser Personalisierungs-Strategien der Figur Baaders: Denn was ist das eigentlich für ein Argument „Die RAFler haben doch ihre Ideale verraten“? Legt das nicht die Lesart nahe, dass der eigentliche Geist der RAF gegen Unterdrückung und für Emanzipation war? Dass diese Ideale von Charakterschweinen wie Baader pervertiert wurden? Und dass die Ziele der RAF eigentlich richtig waren. Denn verraten kann man ja nur Ideale, die was taugen. Edel kapituliert argumentativ vor der RAF-Ideologie, ja glorifiziert sie (vermutlich 😉 ) unfreiwillig, wenn er immer aufs verkommene Individuum Baader ausweichen muss, um seine „Kritik“ am RAF-Terror zu belegen. Muss ich daraus nicht lesen, dass aufgeklärte, gütige Terroristen „guten Terror“ (Robespierre) gemacht hätten? Für die Menschen! In der neoliberalen Ideologie steht und fällt halt alles mit dem Individuellen Einsatz und der individuellen Integrität.

Ich würde aber noch eine Pointe draufsetzen: Edel bedient sich bei seiner Feindbildkonstruktion einer Technik, die man gerade von intellektuell eher einfach gestrickten Alt-68erInnen lernen konnte und kann und die vielen heutigen Linken mit gutem Grund suspekt ist. Nämlich dass die Kritik am kapitalistischen System in seiner Abstraktheit auf einzelne Personen umgemünzt wird. Auf „Bonzenschweine“ zum Beispiel – scheiß auf die „Charaktermasken“ (Marx). Angesichts der zahlreichen in den 60ern und 70ern noch aktiven Nazis in wichtigen Posten waren die Vorlagen für diese Strategie nicht schwer zu finden und sie war populistisch. Deshalb – so wohl das Kalkül Edels – funktioniert es auch für einen groß angelegten Film über die RAF. Und so sieht er sich gezwungen zumindest Baader als Person als Scheusal zu inszenieren. Als „Terroristenschwein“ eben.2
Das Problem, dass sich aufmerksamen Zuseherinnen eine andere als die intendierte Lesart aufdrängt liegt vielleicht daran, dass Edel der gesamten Linken die Legitimität abspricht und nicht nur den gewalttätigen RAFlern. Als einzige Alternative bekommt man nur die eine angeboten, die keine ist: Der Staat mit seinen Vertretern, die doch eh so verständnisvoll sind. Die die „Gründe“ des Terrors (Armut, Hunger, Unterdrückung) kennen und benennen und bekämpfen wollen. Alle Weisheit ist schon in unseren Staatsapparaten! Opposition ist also immer Mist. Wir wissen doch um die Probleme, ja es gibt sie, keiner leugnet das, wir arbeiten dran… Für die Menschen!

Gus van Sant hat das in „Milk“ geschickter gemacht: Radikale tauchen hier auch auf und dürfen ihre Argumente vortragen. Aber letztendlich lernen wir: der gemäßigte, die staatlichen Instanzen akzeptierende Weg ist der richtige und effektive – und: Lächeln und Anzug tragen – es sieht auch gut aus bei Sean Penn! Wenigstens darf Harvey Milk in seinem Film doch ein bisschen oppositionell sein. Edel schränkt die Auswahl an politisch Vernünftigem so sehr ein, dass man schon aus Trotz zu den Terroristen hält.

Bleibt noch die Frage, warum ausgerechnet im Jahr 2008 so ein Projekt mit der ersten Riege deutscher FilmschauspielerInnen aufgezogen wird? Man ist angesichts der gegenwärtigen Terrorpanik versucht, die ganz billige Erklärung heranzuziehen. Denn Rasterfahndung und Großeinsätze der Polizei nickt der Film en passant als wirksame und unproblematische Verfahren ab. Hm, nicht so überraschend, oder? Interessanter vielleicht die Frage, wieso man 144 Minuten braucht, um das zu sagen? Ich weiß es auch nicht, aber Edel war sich wohl bewusst, dass diese Länge ein ziemliches Problem sein könnte. Und deshalb schweift der Blick des Betrachters immer dann wenn die Langeweile übermächtig zu werden droht (und das ist nicht selten) über die straffen Brüste der RAF-Actiongirls oder begafft sie sie mit dicken Wummen in der Hand posierend. Lechz. Man könnte fast meinen, Baader – so wie er im Film charakterisiert wird3– hätte persönlich Regie geführt.

  1. Wo ich schon bei alternativen Lesarten bin: Ist das nicht eine Verharmlosung des 3. Reichs? []
  2. bei den Frauen klappt das nicht so, dazu sind auch die Schauspielerinnen zu sehr „Hot Chicks“ – ich komme drauf zurück – sie werden erst gegen Ende als hysterische Spinnerinnen abgearbeitet. []
  3. Diesen kleinen Gag auf Twitter konnte ich mir nicht verkneifen []

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Die Ideologie des to-go-Kaffeebechers

Nach einer Woche voller wissenschaftlicher Detailhuberei wird es Zeit, mal eine steile These und Gesamtdiagnose des Weltenzustandes rauszuhauen. Also!

Ausgangspunkt ist folgende Beobachtung, die mir von einer Berliner Öko-Aktivistin mitgeteilt wurde: Man habe versucht, in einer Mensa einen Aufpreis für to-go-Becher einzuführen, denn die Entwicklung geht dahin, dass immer mehr Kundinnen und Kunden solche Becher anstatt traditioneller Tassen wählen und das, obwohl sie anschließend vor Ort bleiben und ihren Kaffee austrinken. Pappbecher mit Plastikdeckel to-sit quasi.

Aber das ist nun interessant: wem bringt das was? Beim derzeitigen Umfrageboom der Grünen – noch dazu im studentischen Millieu – drängt sich der Verdacht auf, dass diejenigen, die sinnloserweise to-go-Becher wählen dieselben sind, die so gerne ihr Kreuzchen bei den Grünen machen.

Aber was will uns die zunehmende Prädominanz des Kaffeebechers sagen? Die ideologische Botschaft des Kaffeebechers lautet: „Seid wie die Becher – flexibel und to-go!“ Meine These ist, dass die Objekte, mit denen wir uns alltäglich umgeben die Funktion einer „ausgelagerten verinnerlichten Ideologie“ annehmen.  Das funktioniert mit Kaffeebechern so gut, weil man sie sich gerade nicht aneignet: Man wirft sie ja sofort wieder weg. Ich kann also quasi die ideologische Anrufung „sei mobil, flexibel etc.“ „umleiten“ auf ein Wegwerfobjekt und zeige mir selbst und anderen aber dabei noch an, dass ich meinen Pflichten als „flexibler Mensch“ (Sennett) nachkomme – und das im Sitzen!

Daraus kann man auf eine Paradoxie der Fexibilitäts-Ideologie schließen: wie soll man sie sich denn überhaupt aneignen? –  Flexibilität besteht ja gerade darin, sich nichts dauerhaft anzueignen. Ich glaube auch nicht, dass viele Leute diese Flexibilitäts-Nummer wirklich wollen, geschweige denn praktizieren, oder die Möglichkeiten dazu hätten, selbst wenn sie es wollten. Und das ist die Ideologie, besser gesagt: die ideologische Funktion des Wegwerfkaffeebechers, dessen Botschaft gleichzeitig als Entlastung von ihr dient: Wenn der Becher flexibel ist, muss ich es nicht mehr sein.

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