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Wie Uli Edel mir mal die RAF schmackhaft gemacht hat

„Der Baader Meinhof Komplex“ (D, 2008 R: Uli Edel) ist ein reaktionärer Film. Eine für deutsche Verhältnisse relativ groß und nach Hollywoodregeln produzierte, fast zweieinhalbstündige Werbeanzeige für einen ordentlichen Staat. Ich will darauf gar nicht so sehr eingehen, wer an diesem Punkt anderer Meinung ist, braucht nicht weiter zu lesen, das will ich gar nicht mehr diskutieren. Interessanter ist, dass Edel genau in der Anwendung der Regeln für „ordentliches“ Filmemachen aus Versehen einen Subtext produziert, der die Idee RAF als utopisches Projekt anerkennt. Das klingt vielleicht ziemlich hanebüchen im ersten Moment, aber lass mich diese steile These erläutern.

Genau wie bei „Das Leben der Anderen“ handelt es sich beim „Baader Meinhof Komplex“ um keine Kritik eines Missstandes (sei es der RAF-Terror oder die Überwachung der DDR), sondern um Propaganda für die gegenwärtige Ordnung, für die RAF/DDR in ihrer Eigenschaft als allgemein anerkannte Schweinereien als Folie herhalten müssen. Zu Beginn des Films erfahren wir zwar noch was über hungernde Kinder in der dritten Welt und die Grausamkeiten der US-Armee in Vietnam. Aber nachdem diese Nebensächlichkeiten pflichtschuldig abgehakt sind, konzentriert man sich auf die Protagonistinnen und Protagonisten der RAF, insbesondere auf Andreas Baader (Moritz Bleibtreu). Und hier geht’s los, dass es eine reine Freude ist. Nicht lange nach Beginn des Films sehen wir, wie Baader in Italien binnen weniger Filmsekunden Horst Mahler mittels machohafter Sprüche zum Beklauen einer alten Dame animiert, Italiener als „Spaghettifresser“ beschimpft und Frauen sexistisch anbrüllt. Später wird er auf allerlei Kritik höchst aggressiv reagieren, sich über „Schwuchtelaktionen“ lustig machen und unliebsame Weggefährten brutal aus dem Weg räumen und einen erniedrigenden Stegreifvortrag gegen die Frauenemanzipation halten. Und für Leute die es dann immer noch nicht geschnallt haben, spricht, bzw. brüllt Baader noch diverse Male diverse Frauen als „Fotze“ an. Das ganze gespielt von Moritz Bleibtreu in genau dem Stil, in dem er eben alles spielt: pendelnd zwischen arrogant-genervter Coolness und unkontrolliertem Aufbrausen, immer mit dieser dauergenervten Bleibtreufresse, so dass ich zwischendurch das Gefühl hatte, in der soundsovielten Wiederholung von „Das Experiment“ oder „Solino“ gelandet zu sein. Also die Besetzung stimmt jedenfalls. Die Mitglieder der RAF, das lernen wir daraus, sind Charakterschweine und verraten sämtliche linken Ideale. Die nicht-gewalttätige Protestbewegung der damaligen Zeit kriegt auch einige wenige Szenen spendiert: Nach einer Rede von Dutschke wir „ho ho ho chi minh“ mit gereckter Faust im Chor gebrüllt. Später rottet sich eine linke Meute im Dunkeln mit Fackeln bewaffnet vorm Springer-Gebäude zusammen, Glas splittert wie Kristall in der Nacht, Druckwerk wird verbrannt. Diese Ikonografie kann nun wirklich jeder und jede Deutsche lesen.1 Kurz: BMK ist eine nicht gerade subtil verfilmte „Extremismus-These“.

Der Witz und das unabsichtlich Utopische liegt aber genau in dieser Personalisierungs-Strategien der Figur Baaders: Denn was ist das eigentlich für ein Argument „Die RAFler haben doch ihre Ideale verraten“? Legt das nicht die Lesart nahe, dass der eigentliche Geist der RAF gegen Unterdrückung und für Emanzipation war? Dass diese Ideale von Charakterschweinen wie Baader pervertiert wurden? Und dass die Ziele der RAF eigentlich richtig waren. Denn verraten kann man ja nur Ideale, die was taugen. Edel kapituliert argumentativ vor der RAF-Ideologie, ja glorifiziert sie (vermutlich 😉 ) unfreiwillig, wenn er immer aufs verkommene Individuum Baader ausweichen muss, um seine „Kritik“ am RAF-Terror zu belegen. Muss ich daraus nicht lesen, dass aufgeklärte, gütige Terroristen „guten Terror“ (Robespierre) gemacht hätten? Für die Menschen! In der neoliberalen Ideologie steht und fällt halt alles mit dem Individuellen Einsatz und der individuellen Integrität.

Ich würde aber noch eine Pointe draufsetzen: Edel bedient sich bei seiner Feindbildkonstruktion einer Technik, die man gerade von intellektuell eher einfach gestrickten Alt-68erInnen lernen konnte und kann und die vielen heutigen Linken mit gutem Grund suspekt ist. Nämlich dass die Kritik am kapitalistischen System in seiner Abstraktheit auf einzelne Personen umgemünzt wird. Auf „Bonzenschweine“ zum Beispiel – scheiß auf die „Charaktermasken“ (Marx). Angesichts der zahlreichen in den 60ern und 70ern noch aktiven Nazis in wichtigen Posten waren die Vorlagen für diese Strategie nicht schwer zu finden und sie war populistisch. Deshalb – so wohl das Kalkül Edels – funktioniert es auch für einen groß angelegten Film über die RAF. Und so sieht er sich gezwungen zumindest Baader als Person als Scheusal zu inszenieren. Als „Terroristenschwein“ eben.2
Das Problem, dass sich aufmerksamen Zuseherinnen eine andere als die intendierte Lesart aufdrängt liegt vielleicht daran, dass Edel der gesamten Linken die Legitimität abspricht und nicht nur den gewalttätigen RAFlern. Als einzige Alternative bekommt man nur die eine angeboten, die keine ist: Der Staat mit seinen Vertretern, die doch eh so verständnisvoll sind. Die die „Gründe“ des Terrors (Armut, Hunger, Unterdrückung) kennen und benennen und bekämpfen wollen. Alle Weisheit ist schon in unseren Staatsapparaten! Opposition ist also immer Mist. Wir wissen doch um die Probleme, ja es gibt sie, keiner leugnet das, wir arbeiten dran… Für die Menschen!

Gus van Sant hat das in „Milk“ geschickter gemacht: Radikale tauchen hier auch auf und dürfen ihre Argumente vortragen. Aber letztendlich lernen wir: der gemäßigte, die staatlichen Instanzen akzeptierende Weg ist der richtige und effektive – und: Lächeln und Anzug tragen – es sieht auch gut aus bei Sean Penn! Wenigstens darf Harvey Milk in seinem Film doch ein bisschen oppositionell sein. Edel schränkt die Auswahl an politisch Vernünftigem so sehr ein, dass man schon aus Trotz zu den Terroristen hält.

Bleibt noch die Frage, warum ausgerechnet im Jahr 2008 so ein Projekt mit der ersten Riege deutscher FilmschauspielerInnen aufgezogen wird? Man ist angesichts der gegenwärtigen Terrorpanik versucht, die ganz billige Erklärung heranzuziehen. Denn Rasterfahndung und Großeinsätze der Polizei nickt der Film en passant als wirksame und unproblematische Verfahren ab. Hm, nicht so überraschend, oder? Interessanter vielleicht die Frage, wieso man 144 Minuten braucht, um das zu sagen? Ich weiß es auch nicht, aber Edel war sich wohl bewusst, dass diese Länge ein ziemliches Problem sein könnte. Und deshalb schweift der Blick des Betrachters immer dann wenn die Langeweile übermächtig zu werden droht (und das ist nicht selten) über die straffen Brüste der RAF-Actiongirls oder begafft sie sie mit dicken Wummen in der Hand posierend. Lechz. Man könnte fast meinen, Baader – so wie er im Film charakterisiert wird3– hätte persönlich Regie geführt.

  1. Wo ich schon bei alternativen Lesarten bin: Ist das nicht eine Verharmlosung des 3. Reichs? []
  2. bei den Frauen klappt das nicht so, dazu sind auch die Schauspielerinnen zu sehr „Hot Chicks“ – ich komme drauf zurück – sie werden erst gegen Ende als hysterische Spinnerinnen abgearbeitet. []
  3. Diesen kleinen Gag auf Twitter konnte ich mir nicht verkneifen []

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I am the one and only! “Moon” als politischer Film

Ich bin nicht ganz aktuell, okay, der Film Moon von Duncan Jones ist, wenn ich mich recht erinnere, im Englischsprachigen Raum bereits 2009 angelaufen. Aber ich muss das jetzt nachtragen, da ich mir dachte: Wenn du mal einen Blog aufmachst, dann wird das unbedingt der erste Beitrag. Hat auch nicht ganz gereicht. Egal, dann halt jetzt.

Unter avancierten Filmemacher_innen innerhalb von Hollywood hat sich ein gewisser Standard der Gesellschafts- bzw. Kapitalismuskritik eingefahren, um den man dankbar sein sollte, der aber auch Magenschmerzen macht. Bekanntes Beispiel ist – in einem plakativen Sinn – Wall Street von Oliver Stone, in einem weniger plakativen Modus Jaws von Spielberg. Bei allen Unterschieden (Jaws hat einen widerlich antifeministischen Unterton, den man aber auch als „Rückzugsgefecht“ deuten könnte. Zu beiden vgl. Ryan/Kellner1*) ist diesen und vielen anderen gemein, dass sie das „Big Business America“ zugunsten eines „family Business America“ (partriarchale Familienstruktur, ick hör dir trappsen) zurückweisen. Halbe Kapitalismuskritik, guter Kapitalismus, böser Kapitalismus etc. – das kennen wir ja alle. Auf formaler Ebene werden aber keine Experimente gewagt – kurz: Es handelt sich um Populismus. Wen Wall Street doch nur etwas polemischer wäre… ich war ja enttäuscht beim anschauen vor einigen Monaten. Dass die Gier nicht funktioniert, das wissen wir ja nun auch nicht erst seit gestern. Immerhin: Der Film entstand zu Zeiten der Reaganomics und des Thatcherismus. Da mußte man schon für wenig dankbar sein.

Whatsoever. Fredric Jameson hat mal geschrieben, dass in jedem noch so plumpen Stück Propaganda eine Utopie eingebaut ist, irgendwo muss sie sein, mal mehr, mal weniger gut versteckt. Und vielleicht sind unambitionierte Geldmach-Projekte sogar die witzigeren Utopie-Träger, als ambitionierte Werke der Kritik, die dann aber doch oft an ihrer Halbherzigkeit scheitern. Und: Wenn schon dagegen, warum dann nicht gleich Das Kapital (also das Buch von Marx, nicht die Sache) verfilmen?
Ich würde behaupten: Duncan Jones hat das getan.


Auf einer Raumstation ereignen sich merkwürdige Vorfälle…

Ich setze hier mal voraus dass man/frau/sonstige den Film kennt. Den Plot kann man hier nachlesen.
Zunächst einmal legt Jones dankenswerter Weise seine Referenzen offen, Referenzen die im ambitionierten Science-Fiction-Genre ohnehin nicht ignoriert werden können. Wir sehen einen Bordcomputer, personifiziert durch einen digitalen variablen Smiley, der den Protagonisten Sam auf Schritt und Tritt begleitet und sachen sagt wie „I can’t let you go outside, Sam“ und uns schon mal beunruhigt (Referenz: 2001). Sam sieht relativ zu Beginn des Films eine Halluzinazionen einer Frau (Referenz: Solaris). Besser gebildete Cineast_innen werden sicher noch mehr entdecken. Es handelt sich also um ein schönes Beispiel für einen postmodernen Film im Sinne von Fredric Jameson: eine „blanke Parodie“, also eine ohne Humor, ein Pastiche von Versatzstücken, kein bloßes Zitat, kein Plagiat, keine Verarsche. Von allem etwas. Die Zwischenüberschrift über diesem Absatz macht vielleicht klar, dass die Möglichkeiten, einen SF-Film anzulegen, begrenzt sind, wenn man nicht ins experimentelle und damit unverständliche abdriften will. Das SF-Genre ist hochgradig konventionalisiert.2 Und Jones – der frisch von der Filmschule kommt und sein Debut abliefert – hält sich fast punktgenau an die ästhetischen Konventionen und das Genre wird auch nirgends verletzt. Dafür ist die Erzählung durchaus überraschend. Jedenfalls bleibt die Technikkritik aus, wenn sich herausstellt, dass der Computer insofern loyal zu Sam ist, als er ihn unterstützt, den Schwindel herauszufinden, als dieser sich aus seiner Ahnungslosigkeit befreien will.


Einmal Tragödie – Tausendmal Farce

Damit wären wir mittendrin. Die Story, die Sam aufgetischt bekommt, um bei Laune zu bleiben ist sozusagen das Kernstück der Arbeitsorganisation auf der Raumstation: Sie überdeckt die wahren Verhältnisse und suggeriert Sam, dass es in seinem eigenen interesse liegt, keine Fragen zu stellen und brav seinen Job zu tun. In marxistischer Terminologie: Ideologie. Sams Arbeitstage gleichen einander, das geht bis hin zu dem Song, der jeden Morgen aus dem Radiowecker tönt: „I am the one and only“ (die Kulturindustrie stützt das falsche Bewusstsein des Arbeiters.)

Als Sam durch einen blöden Webfehler in der Organisation der Arbeit seinen Klon trifft, kommt es zunächst zu einer kontraproduktiven Konkurrenzsitutaion. Die beiden gleichen arbeiten unsinnigerweise gegeneinander. Es dauert etwas, bis die beiden Solidarität entwickeln und zusammenarbeiten. Erst dann ist es ihnen überhaupt erst möglich, ihre eigentliche Situation zu erkennen. Die Realität der Raumstation sieht ja so aus, dass Sam nach Ablauf seiner 3-jährigen Dienstzeit getötet und durch einen von Tausenden Klonen – einer Art industrieller Reservearmee – ersetzt wird. Aber mehr noch. Um sich zu befreien müssen sie sich die Produktionsmittel aneignen indem sie die Route der Harvester (Referenz: Dune fällt mir gerade auf ) umprogrammieren um die Störsender zu zerstören und so den Live-Feed zur Erde ermöglichen. Damit setzen sie der Ausbeutung der Klone ein Ende und machen ihre Geschichte selber.

Natürlich ist das eine Lesart für „Eingeweihte“. Jones selber hat bevor es Film studierte einen Abschluss in Philosophie gemacht, es ist also nicht anzunehmen, dass die präsentierte Lesart ein Zufallsprodukt ist, aber darauf kommt’s eh nicht an. Das verstörende Element ist vielleicht, dass die brutale Ausbeutungsgeschichte mit „sauberer Energiegewinnung“ verknüpft wird. Das könnte man als Reaktionär deuten, aber ich glaube das wäre überzogen. Entscheidender scheint mir, dass gleich zu beginn durch einen fiktiven Werbetrailer der Betreiberfirma klar gemacht wird, dass es sich um eine Privatwirtschafts-Dystopie handelt. Nicht, dass eine Staatsappart-Dystopie irgendwie besser wäre – der Gegensatz Staat – Privatwirtschaft ist eh eine ideologische Konstruktion.
Man kann das vielleicht vergleichen mit einem ähnlich angelegten Szenario: Matrix. Dann wird vielleicht klar, um wie viel präziser Jones‘ Analyse der „Verblendungsverhältnisse“ ist, weil er nicht vom Kapitalismus abstrahiert wie die Wachowski-Brüder. Matrix wird oft eine „philosophische“ Dimension nachgesagt, was aber im Grunde nichts anderes benennt, als eben diese Abstraktion von Machtverhältnissen: Sind wir nicht alle irgendwie gefangen? – Nein, nicht nur „irgendwie“ und nein, nicht alle gleichermaßen.

So, und jetzt Musik.

  1. Douglas Kellner/ Michael Ryan (1990): Camera politica: the politics and ideology of contemporary Hollywood film. Indiana Univ. Press []
  2. Der Satz ist ein hübscher Pleonasmus, bringt doch der Begriff „Genre“ nichts anderes als einen hohen Grad der Konventionalisierung zum Ausdruck []

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