Artikel getaggt mit Diskurs

Pointenimperialismus

Heute hab ich mir, wie an jedem Dienstagabend, den wöchentlichen Kommentar von Volker Pispers angehört. Die eigentliche Pointe ligt diesmal aber nicht in seinem sonst so pointierten Vortrag:

http://www.youtube.com/watch?v=Ny7Mep3sCIk

Ich mag Pispers sehr, aber der Neuigkeitswert dieser Mitteilung ist äußerst gering. Die Kriege des Westens sind durch ökonomische Interessen angetrieben? Sag bloß! Also bis hierhin noch keine Pointe. Aber gut, dass es mal wieder wer sagt.

Tatsächlich aber scheint das Gesagte für manche doch einen Neuigkeitswert zu haben. Und zwar – und jetzt kommt die dicke Pointe – ausgerechnet für einige so genannte Linke:

Worüber die jW nicht schreibt ist, dass sämtliche Änderungsanträge aus NRW und Hamburg, die die gegenwärtigen Kriege als “neo-imperialistisch” einschätzen, keine Mehrheit gefunden haben. Die Arbeit des BAK Shalom zeigt Wirkung!

…sagt der ein Mitglied des „bak shalom“, einem Subsystem der deutschen Linkspartei.

Ich fasse kurz zusammen:
In dem historischen Moment, in dem der ex-Bundespräsident und der Verteidigungsminister (beide CDU) bestätigen, dass „wir“ eben doch Wirtschaftskriege führen, wollen einige „Linke“ den Begriff des Imperialismus verbannen.

DAS ist eine Pointe.

Vorhang. Lang anhaltender Applaus.

Vgl. auch den Kommentar von rhizom.

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Nacktsein ist gar nicht so dumm! Kommentar zu „Wir Alphamädchen“

Haaf/Streidl/Klingner1 beschreiben unter der Überschrift „Warum wir das Netz erobern müssen“ das scheinbar paradoxe Phänomen, dass ausgerechnet junge Frauen (die doch von allen vorangegangenen Wellen des Feminismus profitiert haben) ausgerechnet im Internet (von dem wir dachten, dass Geschlecht als Ordnungskategorie in hm unwichtig wird) von sich aus gerne mal die Hüllen fallen lassen und – ganz ohne gebieterischen Macker im Hintergrund –geradezu ostentativ ein selbst-objektifizierende, unterwürfige (selbstgemachte Fotos von schräg oben mit tiefem Ausschnitt!) Weiblichkeit 2 zelebrieren. Wie konnte es soweit kommen bei solchen Voraussetzungen?

Meine These ist, dass mit dem zurückgehen klassischer Geschlechternormen seit den 1960er Jahren der Körper als Kriterium der Geschlechterdifferenz umso stärker gemacht wird. Wenn die „Natürlichkeit“ der Geschlechterrollen infrage gestellt wird, wird Konsequenz die Natürlichkeit des „natürlichen Körpers“3 zum Fetischobjekt der geschlechtlichen Ordnungsbildung. Es kommt noch ein Klassenfaktor hinzu: Insbesondere diejenigen, die über wenig soziales, ökonomisches und kulturelles Kapital verfügen, kultivieren aus dem Mangel heraus den eigenen Körper. Die MySpace-Babes sind also gar nicht so „kurzsichtig und dumm“ (135-136), sondern schlau und machen das Beste aus der Not. Mit Bourdieu kann man Geschlechternormen klassenspezifisch denken: Unterschichts-Weiblichkeit und bildungsbürgerliche Weiblichkeit (als Beispiele) funktionieren je unterschiedlich, auch im Hinblick auf die „Zivilisierung“ und Kultivierung des eigenen Körpers. Insofern blicken die Alphamädchen, vermutlich ohne es zu wollen, herab auf eine Weiblichkeit die ihnen fremd ist, und sehen mit ihrem bildungsbürgerlichen Blick – aus ihrer Position heraus auch konsequent – nicht eine schichtspezifische Strategie mit der Not umzugehen, sondern ein antifeministisches Fehlverhalten. Im Klappentext des Buches steht sinngemäß, dass der Feminismus jungen Frauen hilft, den Alltag besser zu meistern. Ja, kann sein. Aber für andere sind es genau diese alltäglichen Konstellationen, die wir als Machtverhältnisse analysieren, die Sicherheit im Alltag geben. Das ist die soziologische Kehrseite einer im weitesten Sinn mit foucaultschen Begriffen betriebenen Machtanalytik, die hier und da und überall – auch bei mir – virulent ist: Die alltäglichen Macht-Wissen-Regime helfen vielen Leuten eben auch, sich zurechtzufinden, sich eine eigene Identität zu konstruieren und sich einen – wenn auch kleinen – Spielraum darin und damit zu schaffen (sagt übrigens Judith Butler auch). Sie sind eben nicht nur einfach brutal unterdrückend, sie produzieren (Foucault!) sehr klare Möglichkeiten die gerade deshalb als solche wahrgenommen werden, weil sie so eng begrenzt sind. Sich selbst an der eigenen Heteronormalisierung zu beteiligen ist aber auf der anderen Seite auch keine Option, die die meisten Leute man nach Lust und Laune verwerfen könnten. Die Konsequenzen sind nämlich mitunter handfest:4 Einsamkeit, verminderte Chancen auf Märkten aller Art (Partner-, Arbeits-, usw.)5. Bis hin zu körperlichen Angriffen. Aber es sind – ich wiederhole mich – eben nicht nur Zwänge, sondern auch Möglichkeiten, vielleicht sollte man eher sagen: die Verlockungen. Die Verlockungen des Normalseins.
Die alltägliche Macht der (Hetero-)Normalisierung besteht also in einem Verhältnis von „Möglichkeit : Beschränkung“ und das ist klassenspezifisch je unterschiedlich. Das erklärt auch die scheinbar paradoxe Tatsache, dass „viele Mädchen nicht einmal einen Chauvinisten dazu brauchen, sie machen sich ganz selbstständig zu leblosen Wichsvorlagen“ (130).

Die Begriffe „Lookismus“ und „Bodismus“ sind, soweit ich sie verstehe, dazu angetreten, den affirmativen Umgang mit körperlichen Differenzen zu kritisieren, analog zu Rassismus6 etwa. Letzterer hat ja eine ähnliche Geschichte: Die Biologisierung und Naturalisierung einer hierarchischen Differenz in Folge des Auftretens formaler Gleichheitsnormen mit der Aufklärung. Ich würde behaupten, dass biologistische Theorien der Geschlechterdifferenz weniger wissenschaftlich, d.h. als Erklärung und/oder Beschreibung, sondern als Anleitung und Bestätigung der eigenen Praxis (die Alphamädchen sehen das mit der Bestätigung auch so übrigens) gelesen werden.

Einen anderen Abschnitt überschreiben sie mit „Gilt immer noch: Mein Bauch gehört mir“ (77) – also DAS denken sich die Fastnacktmädchen von MySpace (ja, die sind immer noch auf MySpace – Klasseneffekt würd ich sagen) ganz sicher auch! Das ist ja die Pointe: Dass das Selbstbestimmungs-Narrativ sich so hervorragend in ein Selbst-Regierungs-Regime einpasst – „Mein Bauch gehört mir, ich kann Fettabsaugen, ihn piercen und ins Internet stellen so viel ich will.“7 Die Alphamädchen meinen, das seien Pubertäts-Späßchen, die es schon früher gab, aber eben nicht ins Internet gestellt wurden, wo sie ihrer Meinung nicht hingehören. Stimmt auch, greift meiner Ansicht nach aber zu kurz (siehe oben). Die Vermutung liegt nahe, dass die einen (bornierte Unterschicht) das eher auf ihre Körper, die bornierte Mittelschicht (das sind „wir“!) dieses Selbst-Regierungs-Regime eher auf ihre Arbeitsmoral anwenden. Letzteres ist ja umfangreich beschrieben worden, Stichwort Chiapello/Boltanski: „Neuer Geist des Kapitalismus“. Und viele andere mehr.

Heißt: Die von den „Alphamädchen“ beschriebenen Beobachtungen sind nicht falsch, ich möchte sie nur in einen größeren Rahmen stellen. Sie schreiben auch, dass die Frauen mitschuld seien, wenn sie sich selbst objektifizieren und rufen dazu auf, es anders zu machen. Ja, stimmt auch irgendwie. Aber bei individualistischen Aufrufen und voluntaristischen Vorstellungen über „einfach mal anders machen“ wird mir immer ein wenig unbehaglich. Ich hoffe, meine obigen Andeutungen über die größeren Zusammenhänge erklären dieses Unbehagen vielleicht ein wenig.

 

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VERANSTALTUNGSHINWEIS
Zu einem ganz ähnlichen Thema diskutieren am 13.04. auf der Re:Publica interessante Leute, u.a. die Alphamädchen-Autorin Meredith Haaf, unter dem Titel „Guck mal, wer da spricht
Wieviel Pluralismus kann die deutsche Blogosphäre?“

Das wird, soweit ich weiß, auch gestreamt. Details: hier klicken.

 

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  1. Haaf, M./ Klingner, S. / Streidl, B. 2008: Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht. Blanvalent Verlag, München. []
  2. Den Boom der halbnackten Mucki-Pics bei jungen Männern ignorieren sie. Kann man aber, glaub ich zusammenfassen. []
  3. Ich hab mir sagen lassen, unter jungen Frauen gilt Körperbehaarung bei Männern als unsexy. Es gehört also ein enormes kulturelles Wissen dazu, welche Körper gerade der heterosexuellen Natur entsprechen. Den Bart hab ich mir abrasiert, man tut ja was man kann. []
  4. Hier muss ich den Soziologinnen und Soziologen einen Vorwurf machen, die das vielzitierte „Suchen nach Sicherheit“ entweder als Spielerei, die aber doch irgendwie angenehm ist, oder aber als anthropologische Eigenschaft darstellen. Nein, es handelt sich um eine Überlebensmaßnahme innerhalb eines Machtgefüges und ist einer sozialen Notwendigkeit geschuldet! Das erfahren Mittelschichtsangehörige, die nicht irgendwelche Behinderungen oder sonstige „Stigma“ tragen nur selten in dieser Intensität, vermute ich. []
  5. Auch so ein Aspekt der beim Lesen Unbehagen bereitet: Die Alphamädchen unterstellen die meiste Zeit eine Leserin, die auf diesen Märkten bereits einigermaßen integriert ist und nun vor den bekannten Wahlmöglichkeiten steht: Familie oder Karriere. Das ist eine relevante Perspektive, ohne Frage, aber eben eine sehr partikulare. Das wissen sie aber durchaus selber, also das ist jetzt kein Vorwurf. []
  6. vgl. Mark Terkessidis: Psychologie des Rassismus []
  7. Den Gedanken habe ich von Paule Irene Villa, ich glaube er steht ausgeführt in dem von ihr herausgegebenen Band „Schön Normal“. []

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Rassifizierung und Individualisierung von Geschlechterungleichheit. Der Fall Kristina Schröder

Man muß Figuren wie Kristina Schröder im Grunde dankbar sein. Sie nehmen gesellschaftlich relevante Diskurse in sich auf und geben sie pointiert wieder. Das tun sie natürlich aus populistischen Gründen. Aber der Vorteil für mich ist: ich muß hier (wie schon im letzten Blogbeitrag) nicht umfangreiche Materialsammlungen anlegen um meine These zu illustrieren, es reichen einige Zitate der Ministerin. Es geht also nicht ausschließlich um das, was in der Birne von der Ministerin da so rumspukt – und das wär allein schon gruselig genug – sondern um ein gesellschaftlich verbreitetes Muster von Argumentationen, die bestimmte Wirklichkeitsvorstellungen zum Ausdruck bringen. Um Diskurse anders gesagt, und die sind bekanntlich überindividuell. Schröder ist also ein Beispiel, nicht die Ursache. Aber genug der methodologischen Schwafelei.

Ich möchte einfach zeigen, wie in den Äußerungen der Ministerin zu Fragen des Sexismus und der Geschlechterungleichheit eine hegemoniale Deutung zum Ausdruck kommt, die a) falsch ist und b) bestimmten Herrschafts- oder besser Dominanzinteressen dient. Also folglich ideologisch ist. Zu ihren Äußerungen im Bezug auf die Frauenbewegung etc. ist bereits sehr viel Richtiges geschrieben worden (bei der Mädchenmannschaft zum Beispiel), dazu kann ich nichts mehr hinzufügen (mein Kurzkommentar: hier.)

Rassifizierung

Mit Rassifizierung meine ich, dass Geschlechterungleichheit unterschiedlich gedeutet wird, je nach dem, wem sie als Urheber zugeschrieben wird.
Die erste Deutung, die Schröder vor wenigen Wochen zum Ausdruck gebracht hat, war die eines migrantischen, genauer gesagt islamischen machismo. Stichwort: „Deutsche Schlampe“ in rechtspopulistischer (bis –radikaler) Verknüpfung mit dem angeblichen Tatbestand der „Deutschenfeindlichkeit“. Ich denke wir erinnern uns alle.

Im unlängst veröffentlichten Spiegel-Interview mit Schröder geht es wieder um seinen sexistischen Tatbestand. Nämlich, dass Frauen weniger verdienen als Männer. HIER! Nicht in Islamien oder sonstwo. Deutscher Machismo ist da am Werk, müßte sie folgerichtig unterstellen. Die westlichen Werte, die Frauen gegenüber Männern benachteiligen – wir müssen sie bekämpfen. Oder? Nicht ganz:

Gleichzeitig wies sie den Frauen eine Mitschuld daran zu, dass sie oft weniger verdienen als Männer. „Die Wahrheit sieht doch so aus: Viele Frauen studieren gern Germanistik und Geisteswissenschaften, Männer dagegen Elektrotechnik – und das hat eben auch Konsequenzen beim Gehalt. Wir können den Unternehmen nicht verbieten, Elektrotechniker besser zu bezahlen als Germanisten.“
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,727648,00.html

Ich fasse zusammen: Sexismus im Islam: Kultur ist schuld. Sexismus in Europa: Frau ist selber schuld.

Die Ministerin ist in diesem Punkt übrigens näher an ihrer vermeintlichen Gegnerin Alice Schwarzer als sie selbst das vielleicht glaubt (jedenfalls als sie es darstellt.) Und das nicht erst seit gestern. Existiert doch in der „Emma“ seit geraumer Zeit eine Rubrik des Titels „Pascha des Monats“, in der durchaus einheimische Sexismen irgendwie als „Fremd“, und zwar orientalisch etikettiert werden. Der Subtext: Die schlimmen Sachen hier, die sind gar nicht wirklich von hier. Eigentlich ist es hier richtig und wenn es hier falsch ist, ist es wie woanders.
Das war die Rassifizierung. Die letzte Behauptung über die Frauen, die einfach falsch studieren, bringt uns zum zweiten Punkt.

Individualisierung

Dabei wäre es doch hier naheliegend, sich mal zu fragen woran das liegen könnte, dass Frauen überwiegend Studienfächer wählen, die weniger Geld einbringen. Oder aber andersrum: Wieso das, was Frauen studieren anschließend schlechter bezahlt wird.

Wenn es eine signifikant höhere Männerquote in technischen und naturwissenschaftlichen, und eine signifikant höhere Frauenquote in sozial- und geisteswissenschaftlichen Studienrichtungen gibt, wovon wir jetzt hier mal ausgehen können auch ohne genaue Zahlen, wird es schwer, die These von der rein individuellen Entscheidung aufrechtzuerhalten. Signifikante quantitative Unterschiede in der Fächerwahl sind offensichtlich ein sozialstrukturelles Phänomen und es wäre unplausibel, solches auf „individuelle Entscheidung“ letztgültig zurückzuführen. Um nicht zu sagen: esoterisch. Aber so ein Fehler kann einem schon mal passieren. Schließlich ist Schröder ja keine promovierte Soziologin. Beziehungsweise: au weia.

Wenn man jetzt noch in Betracht zieht, dass mindestens 80% der Soziologie-Lehrstühle in Deutschland mit Männern besetzt sind, aber mehr als die Hälfte der Studienanfängerinnen Frauen sind. Wenn man sich historisch klar macht, dass Berufsbilder Geschlecht und Prestige wechseln können. Zum Beispiel, dass Computerprogrammierin anfangs ein wenig angesehener Frauenberuf war, der dann im Ansehen stieg, während in derselben Zeit Männer ihre Kolleginnen verdrängten. Oder der angesehene Sekrätersberuf, der mit seiner „verweiblichung“ massiv an Ansehen verlor (man muss nur mal Kafka lesen um sich klar zu machen, wer da die Sekretäre waren und welche Position sie hatten). Wenn man sich also das alles überlegt, dann sollte jedenfalls eins klar werden: dass „individuelle Entscheidung“ hier überhaupt keine sinnvolle Kategorie sein kann. Sie erklärt gar nichts auf der Ebene der Sozialstruktur, nicht mal ein klitzekleines bisschen, sondern ist umgekehrt selber zu erklärende Variable. Berufs- und Studienwahl haben – das ist die äußerst banale Erkenntnis – vor allem was mit der kulturellen Ordnung und Sozialstruktur zu tun.

Und wenn man diese eigentlich sehr banale Tatsache, die ich hier übertrieben wortreich – wofür ich mich entschuldigen möchte – beschrieben habe, noch dazu als gelernte Soziologin in Ministerposten, ignoriert, dann kann das nur einen Grund haben: einen ideologischen. Rassifizierung und Individualisierung helfen jedenfalls, die Schuld an einem Zustand, den offiziell tatsächlich keiner haben will, abzuschieben auf die Betroffenen einerseits und irgendwelche fremden andererseits und geben eine Begründung, diesen Zustand nicht zu ändern. Schließlich haben wir es ja auch mit einer konservativen Politikerin zu tun.

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Normale und arabische Kriminalität. Anmerkungen zu einem Diskursfragment.

Jörg Diehl – Autor bei Spiegel Online – schafft es in nur wenigen Absätzen alle, aber auch alle Buzzwords der Ausländer-Raus-„Debatte“ der letzten paar Jahre zu versammeln. Natürlich meint er das gar nicht böse, schon gar nicht ausländerfeindlich! Er hat ja ein ehrenwertes Anliegen: Es geht ihm um die um sich greifende organisierte Kriminalität, organisierte arabische Großfamilienkriminalität, genauer gesagt. Da der Zweck alle Mittel heiligt greift er beherzt in die sprachliche Trickkiste der „Integrationsdebatte“ und stellt heraus: Es gibt Kriminalität und es gibt arabische Kriminalität. Und die kann man scheinbar nur bekämpfen, wenn man sie als ethnische Kriminalität wahrnimmt.

Aber der Reihe nach. Hier mal meine persönliche, völlig subjektive, suggestive Auswahl der Highlights des Diehl’schen Artikels mit dem Titel „Arabische Großfamilien. Staat kuscht vor kriminellen Clans“ vom 26.10.2010:

Brüder einer berüchtigten kurdisch-arabischen Sippe

…gerieten Mohammed und Halil M. in Rage. Sie schrien, fluchten, beleidigten eine Beamtin und gingen laut Polizei auch auf einen Wachmann los
Sie wüssten, wo der Wachmann wohne, sagten sie den Gesetzeshütern ganz unverblümt, sie kennten seine Familie und, so schilderten es die Beamten, sie würden ihn fertigmachen, umbringen.

Mafiöse Ausländerclans mit Tausenden Mitgliedern haben sich unter Ausnutzung rechtlicher Schlupflöcher, sozialer Leistungen und internationaler Kontakte zu dominierenden Größen der Organisierten Kriminalität entwickelt.

Polizisten fürchten sich vor ihnen

kriminelle Parallelgesellschaft

nicht mehr zu kontrollierenden Ethno-Gruppierungen

Großfamilie M.

das Scheitern jeglicher Integrationsbemühungen

In falsch verstandener Toleranz hätten die Gerichte das Problem mit ihrer fortwährenden Nachsichtigkeit noch erheblich verschlimmert

Ethnisch abgeschottete Subkulturen

Die Zerschlagung solcher krimineller Strukturen werde „nur noch in Teilbereichen“ möglich sein.

Überwiegend eingewandert in den achtziger Jahren als angebliche Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon haben sie sich vor allem in Berlin, Bremen und Essen angesiedelt.

Nur in Ausnahmefällen können die vielfach offiziell Staatenlosen abgeschoben werden.

„Und selbst wenn eine Ausweisung möglich wäre, geschieht sie doch so gut wie nie“, klagt ein Ermittler. „Das können Sie komplett knicken.“

Clans (passim)

Sippe (passim)

Seither ist nicht viel passiert.

Vier Polizisten, Hunderte Straftäter

…ob und wie ein Kind vor der kriminellen Karriere in seinem Clan bewahrt werden könnte, lacht ein Ermittler bloß: „Das gibt es einfach nicht.“

…Gesuchter weiter Sozialleistungen kassiere

Zu den Bremer Sippen zählen fast 800 Kinder

die Behörde der Polizei aber aus „datenschutzrechtlichen Gründen“ nicht sage, wo der Betreffende sich aufhalte.

Vernetzung der Behörden funktioniert nicht. Wir lassen die Kriminellen viel zu häufig gewähren

Die betrachten uns als Beutegesellschaft, als geborene Opfer und Verlierer

…scheint die Zahl der Beteiligten [Verdächtigen] zu wachsen

…alarmierende Phänomen der Ethno-Clans

Bevor die Mütter das letzte eigene Kind gebären, haben sie bereits Enkelkinder. Deshalb vergrößert sich ein Clan in atemberaubender Geschwindigkeit.

Man bezieht staatliche Transferleistungen und Kindergeld.

Die weiblichen Familienangehörigen stehlen vorwiegend und die männlichen begehen Straftaten aus allen Bereichen des Strafgesetzbuchs

Die Kinder wachsen weitgehend unkontrolliert in diesen kriminellen Strukturen

gefürchteten arabischen Großfamilien

Selbstbedienungsmentalität

ehrgeizige Straßenräuber mit Migrationshintergrund

Kampf gegen die Clans längst verloren

„Sonst werden wir uns irgendwann noch sehr wundern.“

bürgerkriegsähnliche Zuständen

Öffentlichkeit… ließ ihn im Stich.

(Anm.: Manches davon ist Originaltext von Diehl, manches sind Zitate. Ich unterscheide das hier nicht, da es darum geht, wie ein Diskurs konstruiert wird. Es geht mir um die Montage der Buzzwords, denn eine Gegenposition kommt im Text ohnehin nicht zum Wort, es wird alles vom Autor zu einer These zusammengerührt.)

Man erkennt schnell die Leitplanken dieses Diskurses:

– Die Familie wird als Spezialität der arabischen Kriminellenszene hervorgehoben.

– Damit in Verbindung steht eine kaum getarnte Biologisierung:

Eine Familie, Vater, Mutter, 10 bis 15 Kinder, in Einzelfällen bis zu 19 Kinder, wandert aus dem Libanon zu. Einige Kinder werden noch in der ‚Heimat‘ geboren, andere in Deutschland. Bevor die Mütter das letzte eigene Kind gebären, haben sie bereits Enkelkinder. Deshalb vergrößert sich ein Clan in atemberaubender Geschwindigkeit.

– Die Ausnutzung „unseres“ Sozialstaats, womit die wir-gegen-die-Front aufgemacht und der/die Leser_in als „einer von uns“ angerufen wird. Das „wir“, so läßt sich aus der durchgängigen Ethnisierung schließen, sind aber nicht „die Rechtschaffenen“, sondern vielmehr „die rechtschaffenen Biodeutschen“ (denn Leute mit Migrationshintergrund mit deutschem Pass zählen nicht! Hier geboren worden zu sein und/oder einen deutschen Pass zu haben sind viel mehr Teil einer Strategie.) Dieses Motiv geistert schon seit mindestens 20 Jahren durch die bundesrepublikanische Diskurslandschaft, völlig entkoppelt von der tatsächlichen Zahl der migrantischen Sozialleistung/Asyl-Empfangenden. Lange Zeit war das eine der prominentesten Signaturen eines rechtsradikalen Diskurses. Das scheint Geschichte.

– Verschiedene bürgerrechtliche Anliegen werden verknüpft und gemeinsam als Ausländerkriminalitäts-Katalysatoren diffamiert, als da wären: Datenschutz, Gleichbehandlung von Personen mit und ohne Migrationshintergrund, bzw. mit/ohne deutscher Staatsangehörigkeit. Bemühungen um „Integration“ ohne Peitsche. Es ergibt sich die Forderung nach fundamentaler Ungleichbehandlung.

– Dabei reproduziert Diehl das von Broder so prominent eingeführte wechseln zwischen pseudo-Selbstbezichtigung („Wir sind selber schuld, weil zu tolerant“) und unhinterfragter Fremdbezichtigung. Denn die Frage ist ja nicht: wie schlimm sind die Araber – dass sie absolut schlimm sind wird immer schon unterstellt. Es geht immer nur um die Forderung nach mehr Härte. Wir sind nicht hart genug, das ist unser einziger Fehler. In Wirklichkeit dient diese vorgeschobene Suche nach dem eigenen Fehler dazu, den Fehler der anderen noch größer wirken zu lassen: Wir waren ja sooo nett! Aber die haben uns nur die ausgestreckte Hand aufgeschlitzt!

– Für den Diskurs um Ausländer generell unverzichtbar scheint die Dimension der Reproduktion, mal mit mehr, mal weniger latenter Pornofantasie1 im Hintergrund. Stets wird die „atemberaubende“ (Heisig) Reproduktionsrate dieser Fremden betont (dass es in der Breite der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ganz anders aussieht ist eher als „Geheimwissen“ einzustufen).

– Kirsten Heisig als Symbolfigur: Heisigs Buch wird als Beleg zitiert. Der Abschnitt bringt sämtliche Symboliken zusammen von Kriminalität bis Sozialabzocke. Woimmer Heisig zitiert wird, darf der Hinweis nicht fehlen, dass sie bereits tot ist. Ich wage mal die These, dass das verschweigen ihres natürlichen Todes subtil die für die „Integrationsdebatte“ typischen Theorien über die „Gutmenschenverschwörung“ aufruft. So „mutig“ und so früh verstorben – wirklich reiner Zufall? Wirklich ein natürlicher Tod? Den Text durchzieht insbesondere gegen Ende eine Anklage gegen die zu weichen Deutschen. Gegen übertoleranz. Der Verweis auf die „Diktatur der Gutmenschen“ kommt hier durchaus zur Entfaltung, allerdings natürlich in sehr viel gewählteren Worten als das in Haudrauf-Blogs wie PI-News der Fall ist. Immerhin gibt es einen „mehrfach entschärften Bericht“ zu zitieren. Warum der wohl mehrfach entschärft wurde? Über den Diskurs informierte Leser_innen dürften keine Schwierigkeiten haben, dies Chiffre zu entziffern: Man darf das nicht so sagen!

– Obwohl Diehl eine etwas gehobene Sprache im Vergleich zum Referenzmedium PI-News pfelgt, greift er doch auf parolenhaftes Vokabular zurück: kassieren, Sippe, Machenschaften usw. Insbesondere die Formulierung „Sozialleistungen kassieren“ schließt ungebrochen an rechtspopulistische und -radikale Diktionen an. Die Pointe des Textes ist natürlich, dass das ernste Sujet – organisiertes Verbrechen ist ein ernstes Problem, ohne Zweifel – genau dieses symbolhafte Kommentar aus seiner rechten Heimat herauslöst. Indem es Verknüpft wird mit einem echten Problem wird es schwerer angreifbar. Wer würde schon sagen, organisiertes Verbrechen sei harmlos?

– Wie in den bürgerlichen Medien üblich werden Polizist_innen und Jurist_innen als neutrale Informant_innen behandelt. Dadurch entsteht ein „Sogar“-Effekt: Sogar diese vertrauenswürdigen, neutralen Leute sagen, dass mit den Arabern nicht stimmt!

– Interessant auch die Verstichwortung des Textes durch Spon:

* Integration
* Multikulturelle Gesellschaft
* Kirsten Heisig
* Polizei

Das Stichwort „Multikulturelle Gesellschaft“ erinnert uns daran:

1. Dass die „Vermischung“ von Kulturen immer Probleme mit sich bringt – Das ist jedenfalls das als neutrale Gesetzmäßigkeit vorgetragene Mantra der bürgerlichen Mitte.

2. Die Kriminalität, die ja das eigentliche Thema des Textes ist bzw. sein könnte, hat was mit der anderen Kultur zu tun.

Bleibt die Frage, warum man die einen („arabischen“) Kriminellen von rechtstaatlicher Seite aus anders behandeln muß, als andere („deutsche“). Im Text findet sich auch nach mehrmaligen lesen keine schlüssige Begründung. Nur: Sie sind anders – als Behauptung. Scheinbar dient der Hinweis auf die Clanförmigkeit und die hohe Reproduktion als Beleg für das qualitative Anderssein der kriminellen Handlungen. Logisch ist dieser Schluss nicht, aber hoch suggestiv. Die Suggestion wird unterfüttert mit etablierten Kollektivsymboliken über Migranten: Sozialleistungen abzocken – zu weiche Behörden – Übertoleranz aus Angst, als fremdfenfeindlich zu gelten.

Was mich an dem Text so überrascht hat, dass ich meine Faulheit überwunden und einen Blogpost geschrieben habe, war, dass diese enorme Häufung von stigmatisierenden Buzzwords in einem Medium der „Mitte“ für mein Empfinden bislang so nicht stattgefunden hat – Brodertexte vielleicht mal ausgenommen.2 Es wird auch keine „Absicherung“ betrieben in dem Sinn, dass irgendwo noch ein Alibi-Absatz über tatsächliche Fehler in deutschen Integrationspolitik eingeräumt werden. Außerdem fällt die durchgängige, durch nichts gebrochene Betonung der ethnischen Dimension auf.
Und genau daran scheitert der Text auch. Ethnizität wird als ausschlaggebende Dimension des Problems eingeführt. Diese Konstruktion muss sich allerdings selbst tragen und kann sich nur auf Suggestionen stützen. Und das hält einer genauen Lektüre nicht stand.

P.S.: Ein kleines Kuckucksei hat man dem Autor mit dem illustrierenden Bild ins Nest gelegt. Wir sehen jede Menge Polizisten und Polizeifahrzeuge, aber nur zwei angebliche Araber. Man vergleiche das mit der weichheit-suggerierenden Zwischenüberschrift „Vier Polizisten, Hunderte Straftäter“. Noch dazu ist die Bildunterschrift in sich widersprüchlich: „Polizeiaktion gegen Mitglieder arabischer Großfamilien in Berlin: ‚Das können Sie knicken'“. Wenn man Polizeiaktionen „knicken“ kann, was sehen wir dann auf dem Bild? Und was will uns der erste Halbsatz der Bildunterschrift sagen?

  1. Angesichts der Betonung der angeblichen enormen Reproduktionsraten dieser Leute erlaub ich mir die These, dass in den Köpfen von Leuten wie Sarrazin ein permanenter Araber/Türkenporno läuft. Zu pornografischen Dimension des Rassismus gibt es hier bei Rhizom was zu lesen. []
  2. Wenngleich ich keinen Rechtsruck feststellen würde. Die Disposition für diese Art des Diskurses war schon lange da. Die Inhalte waren auch da. Nur die unbekümmertheit der Formulierung ist – zumindest ein bisschen – neu. []

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