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Mikropraktiken des Körpers im Kapitalismus. Ein Besuch im Einkaufszentrum

Die Geschichte beginnt relativ harmlos damit, dass ich mir ein neues T-Shirt und Schuhe im Einkaufszentrum am Stadtrand besorgen wollte und letztendlich eine Waschmaschine und noch eine Menge anderen Kram gekauft habe. Es ist noch nicht so lange her, das galt Einkaufen als Arbeit. Zu Recht, denn gegen Mittag wollte ich mich irgendwo gemütlich hinsetzen und was „Richtiges“ essen um anschließend doch noch ein schönes Paar Schuhe zu finden. Da beginnt das Problem: Es gibt im EKZ hauptsächlich Kaffeebars, Kaffeebars, Kaffeebars. Dann noch eine McDonald’s-Filiale und ein paar andere fastfood-Schuppen. Für Vegetarier ist fastfood eher unbefriedigend und Süßkram + Kaffee wollte ich nicht, ich wollte ja rasten, nicht hetzen. Nun ja setz ich mich halt bei so einem komischen lifestyle-fastfood-dings hin, da gibt’s wenigstens Gemüsenudeln.

Die Kennerin sagt natürlich: Zum Essen gehst du doch auch nicht ins Einkaufszentrum. Da gibt’s nix gscheit’s. Ja, aber warum eigentlich? Und da fiel mir was auf. Das ist ja eigentlich konsequent. Alles, was es im EKZ an Kulinarik gibt, weißt irgendwie auf weitergehen und mitnehmen hin. Auf kurze verweildauer. Dazu der ganze Kaffee- und Zuckerkram und das Fastfood: Energielieferanten. Dazu die unbequemen Stühle, die Selbstbedienungs-logik, bei der man noch vor dem Verspeisen der Speisen bezahlt. Natürlich folgt das alles einer bestimmten Konsumlogik. Rumsitzen macht keinen Umsatz. „Richtiges“ Essen muss zubereitet, serviert, verspeist, verdaut werden. Nicht nur dauert das lange, es macht auch den Körper der Konsumentin müde. Die soll aber kaufen, nicht verdauen, nicht rumsitzen. Da ist es doch zweckmäßiger, den Körper mit Koffein und Zucker zu versorgen. Das heißt, die Logik des Konsums im Kapitalismus greift schon bei der Vorauswahl an Speisemöglichkeiten in den Körper der Konsumentin ein, richtet ihn nach ihren (also der Logik des Kapitalismus) Bedürfnissen zu. Trotz Abschaffung der Sklaverei und formaler Freiheit: Unsere Körper gehören uns gar nicht wirklich allein. Sie werden ohne dass wir das bewusst wahrnehmen von der Logik des Konsums bearbeitet, geleitet, geformt. Ich spinne den Gedanken gleich weiter. Und zwar im bezug auf das Bewegen des Körpers durch den Raum und in Bezug auf das Sehen – das gehört uns nämlich auch nicht alleine. Jedenfalls nicht im Einkaufszentrum

Blickführung – Dein Blick gehört uns
Als ich da so sitze am ovalen Tisch am unbequemen Barhocker mit meinen faden überteuerten Nudeln fährt mein unruhiger Blick die kurvigen Linien ab, die die Ladenfronten, die Tischanordnung und die Tischformen selbst, die Wandverkleidungen und die architektonische Gesamtanlage, sogar das Geschirr auf dem meine Nudeln sich winden konstituieren. Von jedem erdenklichen Standpunkt im offenen Bereich des EKZ kann man auf irgendein Mobile blicken: es gibt Rolltreppen und wuselige Wasserfontänen. Dazwischen: Schmale, runde Säulen, deren uninteressante, glatt polierte Oberflächen die Blicke abweisen. Überhaupt: Nirgendwo kann der Blick haften bleiben außer an den Schaufenstern der Geschäfte.
Schon Georg Simmel hat um 1900 formuliert, dass das Sehen ein kultureller Akt ist. Einerseits, weil es von vorgeprägten Schemen angeleitet ist. Andererseits aber – und darauf kommt es hier an – weil die materiale Anordnung etwa der Architektur den Blick lenkt1 und damit die Aufmerksamkeit bündelt. Die kurvigen Linien im EKZ suggerieren eine permanente Bewegung. Man fühlt sich schon beim sitzen „abgestoßen“ zumal die Tische meines Fastfoodladens entlang einer kurvigen Bodenmarkierung angeordnet sind, die den Übergang zwischen „Speisezone“ und „Flanierzone“ suggerieren; bin ich drinnen oder draußen? Der Barhocker: sitze oder stehe ich?
Die Kundinnen müssen zirkulieren, ihre Blicke können sich nur die Warenauslagen und Schaufenster heften. Die Schaufenster sind halbverspiegelt, d.h. man sieht, wenn man durch sie durchblickt sowohl die Waren – ausgelegt oder an Schaufensterpuppen – und gleichzeitig sich selbst. Man steht quasi schon halb in der Umkleidekabine, da man sich selbst sozusagen schon in den Kleidern betrachtet. Denn: Während Buchhandlungen, Kaffeebars, Spielwarenläden und Supermärkte und andere auf breiter Front geöffnet sind gibt es bei Kleidungsageschäften ein fokussiertes Eingangsportal und drumrum sind die eben beschriebenen Scheiben.

Körperlenkung – menschliche Flipperkugeln
Teilweise analog wird mit dem Körper in seiner Bewegung selbst verfahren. Der unbequeme, barhockerähnliche Sessel lädt nicht zum Verweilen ein, wozu auch, man bezahlt ja schon vor dem essen. Das Gefühl ist: das Sitzen hier ist rein funktional fürs essen gedacht, nicht zum Ausruhen, lesen, verweilen. Ein Kaffeekränzchen oder eine Familienfeier hier wäre eine absurde Vorstellung. Die Tische und die Sessel dazu sind regulär auf maximal 3 Personen angelegt, eine ausgedehnte Gesprächsdynamik würde also durch die materielle Anordnung verhindert werden. Das Schema Bewegung-machen geht weiter: Die schon erwähnte kurvige architektonische Anlage und die spärlichen Sitzgelegenheiten im offenen Bereich forcieren den Gang durchs EKZ. Viele Konsumentinnen bewegen sich zwischen den Außenseiten (da wo die Geschäfte an den offenen Bereich anschließen) hin und her. Mit entschlossenem Schritt gerade durch geht kaum jemand. Eher bewegen sich die Leute wie Flipperkugeln zwischen den Ladenfronten hin und her, bis sie einen betreten.
Die innere Ordnung der Läden steht in krassem Kontrast zur geschwungenen Linienführung des äußeren Bereichs, hier herrschen Quadrat- und Rechteckformen vor, in denen Verkaufstische, Kleiderständer, Regale und alles andere angeordnet sind. Dadurch wird eine Ordnung suggeriert, die wiederum die Möglichkeit zum systematisches durchforsten suggeriert (trotzdem findet man: irgendwas, aber erst mal nicht das was man eigentlich wollte).

Schluss
Die Sklaverei und Leibeigenenschaft sind abgeschafft, körperlicher Zwang ist – abgesehen von staatlicher Repression – delegitimiert. Im individualistischen Kapitalismus, so sagt man, sind wir wenigstens Herrinnen und Herren (Daminnen und Damen?) über den eigenen Körper und unsere Sinne. Ich hoffe ich habe diesen weit verbreiteten Irrtum durch ein sehr einfaches Beispiel aus dem Alltag ein wenig angekratzt. Wenn wir „Konsumentin“ sind, sind wir nicht mehr so autonom, wir werden unwillkürlich sinnlich und somatisch typisiert, ohne dass irgendjemand einen direkten Zwang dazu anwenden müsste. Wir werden nicht als Flipperkugeln geboren, wir werden dazu gemacht!

  1. Anderes Beispiel sind die Schnittmuster geschlechtsspezifischer Kleidung, die Personen in unterschiedlicher Reihenfolge wahrnehmen lässt und den Blick auf unterschiedlichen Körperstellen zur Ruhe kommen lässt. Umgekehrt disponiert die Kleidung auch geschlechtsspezifische Körperhaltungen und Bewegungen, aber das ist ein anderes Thema. []

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Geschlecht und Praxis, Geschlecht und Technik und die Kritik an Geschlechtersozialisationstheorien

Vorwort zur Neuauflage
Um den Text gab es ganz schön Wirbel. Ich habe ihn gestern Abend wieder offline gestellt, weil meine größte Befürchtung wahr geworden ist: Jemand hat es so verstanden als würde ich die Theorie gegen feministische Aktivistinnen ausspielen wollen und sozusagen sagen: Ätsch, ihr habt gar keine Ahnung. Mir fällt gerade auf, dass ich genau diesen Eindruck mit der ersten Fußnote verstärkt habe, obwohl diese ihn abschwächen sollte, aber sie war schlampig formuliert. Ich hab sie deshalb entfernt. Durch einige Formulierungen entstand der Eindruck, ich würde feministische Theorie insgesamt kritisieren. Das wollte ich aber genau nicht.
Es geht in dem Text um Gender-Theorie. Ich erzähle in dem Text ja nichts Neues, ich gebe nur Entwicklungen wieder, die vielen eh bekannt sind. Manche finden das vielleicht überflüssig. Aber manche erfahren dadurch scheinbar auch eine Perspektive, die sie so nicht kannten. Deshalb glaube ich, hat der Text seine Berechtigung.

Dass Julia Seeliger sich so stark dadurch angegriffen fühlt, weil ich einen Satz von ihr als Aufhänger benutze, finde ich schade. Allerdings glaube ich nicht, dass es ein (impliziter) Sexismusvorwurf ist, wenn man eine andere theoretische Perspektive auf eine Sache gewinnt. Wenn das so wäre, könnte man ja gar keine Theorie mehr betreiben, ohne das jemand die/der das nicht so sieht, sich angegriffen fühlt. Natürlich: Wenn man sich an einer Debatte beteiligt ist man davon überzeugt eine Perspektive beizutragen, die „richtiger“ ist als die der anderen Teilnehmer_innen. Sonst müßte man nicht an der Debatte teilnehmen. Ich finde, man sollte daraus nicht heftige und schon gar keine persönlichen Vorwürfe ableiten. Ich kann nur sagen, dass ich wirklich niemandem mit diesem Text an’s Bein pinkeln will.

Da der Text ja eh online zu finden ist und an ich an seinem theoretischen Gehalt selbst keine Zweifel habe, stelle ich ihn in einer überarbeiteten Version wieder online. Es gab ja auch Lob für den Text und Rückendeckung, wofür ich mich sehr bedanke. Es ist, wenn man sich äußert, immer die Unsicherheit dabei, das Leute sich angegangen fühlen, die man eigentlich unterstützen will. Das ist jedenfalls meine größte Sorge.1

Vorwort Ende

Geschlecht und Praxis, Geschlecht und Technik und die Kritik an Geschlechtersozialisationstheorien

Julia Seeliger 2
schreibt in einem Blogeintrag Folgendes:

„Frauen haben weniger Muskeln als Männer. Bei gleichem Training können sie weniger aufbauen. So ist das.“

Das ist ein interessanter Satz, bzw. 3 Sätze. Zunächst muss man ja zustimmen: Ja, Frauen und Männer sind halt unterschiedlich, also körperlich jetzt. Aber dann denke ich mir doch: Das ist schon eine sehr spezifische Behauptung.

Ich sage: Der Satz ist schon das Ergebnis einer kulturellen Formation.

Diese Behauptung hat sicher ein paar Leute erschreckt/erbost/wütend gemacht. Aber ich will das erklären. Der Satz von Seeliger macht einige Voraussetzungen: Das gleiche Training. Aber das reicht noch nicht. Es müssen auch individuell gleiche Voraussetzung geschaffen sein, denn manche Frauen setzen z.B. schneller Muskeln an als Männer. Es gibt eine enorme Varianz innerhalb der Geschlechter. Das heißt man müsste also ganz bestimmte „Paarungen“ zum Vergleich bilden, in denen möglichst viele Variablen konstant gehalten werden. Mit anderen Worten: Der obige Satz „ist so“ nur unter sehr spezifischen Bedingungen, quasi unter Laborbedingungen. Diese Laborbedigungen werden dann unter den Tisch fallen gelassen und der Satz wird wie eine Allgemeine Wahrheit behandelt, die uns an „die Unterschiede“ erinnert. Es gibt tausende solcher Sätze, wir begegnen ihnen täglich, dieser ist mir nur gerade aufgefallen. Die Frage ist dann: wieso werden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei aller Varianz innerhalb der Geschlechter so betont? Das war die Frage von Erving Goffman. Goffman ging von einem natürlichen Geschlechterunterschied aus, den man in einer Technozivilisation aber leicht ausgleichen könnte. Stattdessen wird ein enormer Aufwand betrieben, ihn zu verstärken und gesellschaftlich bedeutsam zu machen.
Goffman erklärt ein ähnliches Beispiel3, nämlich die Behauptung, Männer seien im größer als Frauen. Aber woher wissen wir das eigentlich? Wenn wir eine Masse an Leuten vor uns haben, Männer und Frauen (und sonstige) verschiedenen Alters usw. beispielsweise auf einem Platz – da sehen wir das ja gar nicht. Goffman beschreibt nun, dass es kulturelle Normen und ein Wissen um sie gibt, z.B. bei der heterosexuellen Partnerwahl: Der Mann soll größer sein als die Frau. Die Partnerwahl – eine Praxis – wird institutionalisiert in der zweigeschlechtlichen, heterosexuellen Zweipersonenehe4. Der Effekt ist, dass wir überwiegend Paare sehen, bei denen der Mann größer ist als die Frau. Was wiederum – da sind wir am Anfang der Kette – unser Wissen über Männer und Frauen bestätigt. Wissen – Praxis – Institutionen: Goffman nennt diesen Zusammenhang „institutional reflexivity“: Die Praxis bestätigt unser Wissen und wird präformiert durch Institutionen. Das Wissen wiederum wird in Institutionen gespiegelt. Dieses Schema kennt keinen Start- und Endpunkt.

Will Goffman damit die biologischen Unterschiede „wegerklären“? Nein, er will nur zeigen, dass viele dieser „Selbstverständlichkeiten“ über Männer/Frauen Ergebnisse kultureller Konstellationen sind, nicht deren Grundlage. Das Wissen über die Biologie ist kulturell erzeugt, die Biologie gewinnt ihre gesellschaftliche Bedeutung durch einen gesellschaftliche Konstruktionsprozess. Ich will nur sagen, dass man die Unterschiede zwischen den Geschlechtern – auch die Körperlichen! – eben auch erstmal „herbeierklären“ muss.
Mit der Körperkraft ist das natürlich ganz ähnlich. Unser Wissen darüber wird institutionell – z.B. in der Wissenschaft unter Laborbedingungen erzeugt, die Praxis sieht unterschiedliches Training für Männer und Frauen vor, in Höflichkeitsregeln gibt es geschlechtliche Zuweisungen die an die unterschiedliche Konstitution erinnern sollen (das ist ihr einziger Zweck! Oder glaubt ihr das Frauen zu schwach sind, eine Tür zu öffnen) usw.

Das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit – oder: Die Kritik der Sozialisationstheorien

Nehmen wir das klassische „Ernährer-Modell“ der Familie. Stellen wir uns das Klischee vor, das es ja so real gelebt wirklich gibt: Sie macht den Haushalt, schleppt Kinder und Einkaufstaschen5 durch die Gegend usw. Er: sitzt sich den Hintern im Büro platt, abends Bier und jede Menge essen. Jetzt: Wer hat mehr Körperkraft? Also ich würde mich nicht trauen, das mit Sicherheit zu entscheiden. Aber wir können fast sicher sein, dass, wenn man die beiden Akteur_innen (und die Kinder) befragt, ein eindeutiges Ergebnis rauskommt: Er ist natürlich viel stärker. Sie haben ja das abstrakte Wissen um die Ordnung der Geschlechter im Kopf und in der Praxis leben sie die entsprechenden Rituale. Nur gerade die Praxis, ich glaube, die unterwandert das dennoch oft ein bisschen. Wenn man seine Vorurteile, also sein Geschlechterwissen ausschaltet sieht man da oft was, was nicht so ganz ins Bild passt.
Ich habe vergangene Woche aber den Eindruck bekommen, dass selbst manche Feminist_innen das übersehen.6 Unterschiede werden dadurch betont und durch „Sozialisation“ erklärt und auch essenzialisiert. Natürlich ist Sozialisation ein erheblicher Faktor beim Geschlecht. Aber auch nicht alles! Ich habe oben darauf hingewiesen: Ich würde Geschlecht, genauer gesagt: Das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit eher als Effekt gesellschaftlicher Ordnung verstehen. Die heterosexuelle Zweigeschlechtlichkeit ist durch scheinbar banales wie Zweier-Sitze im Bus genauso präformiert wie durch spezifische im Labor erzeugte Messergebnisse von DNA-Sequenzen usw. die dann oft populärwissenschaftlich vereinfacht auch in sog. „Qualitätszeitungen“ dargestellt werden und dort in aller Regel unserem Alltagswissen angenehm schmeicheln.
Ich wollte nur sagen: selbst unser banalstes Wissen über Geschlechtskörper, sogar über die Körpergröße, ist in kulturellen Praktiken erzeugt und wird durch sie relevant gemacht. Gleichzeitig ist das Wissen so verfestigt, dass es selbst eklatante Widersprüche es nicht aushebeln. Die Selbstverständlichkeit bleibt. Und leider trägt eine Überbetonung der Sozialisationstheorien dazu bei, das Wissen über die Unterschiede zu verfestigen anstatt es zu hinterfragen.7

Geschlecht und Internet
Ich will noch ein Beispiel geben, das mich erst darauf gebracht hat: Geschlecht und Technik. Kadda Rönicke präsentierte in ihrem Vortrag auf der re:publica unter anderem Umfragen, nach denen Frauen das Internet quantitativ weniger nutzen und „weniger technisch“ als Männer. Nun, ich weiß nicht genau, was das „weniger technisch“ in dem Kontext bedeutet. Aber das ist auch nicht so wichtig. Die Referentin erklärte die vorgefundenen Unterschiede mit unterschiedlicher Geschlechtersozialisation. Das ist bis zu einem gewissen Grad sicher so, aber ich glaube, das stimmt nur teilweise.

Das Methodische Problem: Solche quantitativen Befragungen sind unheimlich „weiche“ Daten, wenn es um die gelebte Praxis geht. Die Praxis beim Ausfüllen eines Fragebogens ist: Dasitzen, Lesen, Ankreuzen. Also eine andere Praxis als die, die abgefragt wird. Etwa: wie häufig nutzen sie das Internet? Es geht also nicht um die Beobachtung von Praktiken sondern um Selbstauskünfte und Selbstzuschreibungen. Das heißt, die Befragung hat eigentlich streng genommen das Ergebnis, dass Frauen und Männer unterschiedliche Auskünfte über ihre Online-Praxis geben. – Das wäre das „harte“ Datum der Befragung.
Aus der Technikgeschichte wissen wir, dass es historisch wechselt, was als „Technik“ gilt. Das ist eng mit dem Verknüpft, was als „männlich“ oder „weiblich“ gilt: Technologien (wie übrigens der Computer!) wechseln ihre Geschlechts- und damit Technikzuschreibung. Gleichzeitig hat das hierarchische Effekte zuungunsten der Kategorie „weiblich“. Die frühen Computerprogrammierinnen machten einen wenig angesehenen, nichttechnischen Frauenberuf, Sekretäre hingegen waren mal hochgestellt. Usw.
Wenn wir nun zurück zur Umfrage kommen, liegt meiner Meinung nach ein besseres, oder sagen wir: ergänzendes Argument zur Sozialisation vor. Die befragten Männer und Frauen beschreiben ihr Online-Verhalten in opportun geschlechtlicher Weise. Das ist natürlich auch gelernt, also ansozialisiert. Aber die über-individuellen Zuschreibungen was als „weiblich“ gilt und was nicht, was als „technisch“ gilt und was nicht, sind Effekte gesellschaftlicher Ordnung. Über die tatsächliche Nutzungspraxis können wir aus den erwähnten Umfragen jedenfalls keine sicheren Erkenntnisse ziehen.

  1. @umwerfend1 und @lantzschi haben mich auf einige sehr falsche Formulierungen aufmerksam gemacht. Danke auch hierfür. []
  2. In Seeligers Text geht es aber eigentlich um Cyberfeminismus, dazu sag ich jetzt nix, ich war nicht bei der Veranstaltung. []
  3. Goffman, Erving: Das Arrangement der Geschlechter In: Knoblauch, H. [Hg.]: Interaktion und Geschlecht, Frankfurt a.M.: Campus 2001 [1977], S. 105-158. []
  4. Ja warum eigentlich genau zwei? Das ist eine sehr gute Frage! []
  5. Das Beispiel habe ich von Paula-Irene Villa. []
  6. Wenn ich es mir recht überlege waren es eigentlich nur zwei Leute. Ich will gar niemandem Vorwürfe machen, wenn er/sie den Theoriekram nicht so gut kennt. Ich hoffe das wird hier nur als Ergänzung, nicht als Angriff verstanden! []
  7. Ich bin bei weitem nicht der erste, der das bemerkt. Eine Übersicht findet sich in: Renate Nestvogel: Sozialisationstheorien. In: Becker, Ruth/ Kortendiek, Beate (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. S. 163-164. []

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Nacktsein ist gar nicht so dumm! Kommentar zu „Wir Alphamädchen“

Haaf/Streidl/Klingner1 beschreiben unter der Überschrift „Warum wir das Netz erobern müssen“ das scheinbar paradoxe Phänomen, dass ausgerechnet junge Frauen (die doch von allen vorangegangenen Wellen des Feminismus profitiert haben) ausgerechnet im Internet (von dem wir dachten, dass Geschlecht als Ordnungskategorie in hm unwichtig wird) von sich aus gerne mal die Hüllen fallen lassen und – ganz ohne gebieterischen Macker im Hintergrund –geradezu ostentativ ein selbst-objektifizierende, unterwürfige (selbstgemachte Fotos von schräg oben mit tiefem Ausschnitt!) Weiblichkeit 2 zelebrieren. Wie konnte es soweit kommen bei solchen Voraussetzungen?

Meine These ist, dass mit dem zurückgehen klassischer Geschlechternormen seit den 1960er Jahren der Körper als Kriterium der Geschlechterdifferenz umso stärker gemacht wird. Wenn die „Natürlichkeit“ der Geschlechterrollen infrage gestellt wird, wird Konsequenz die Natürlichkeit des „natürlichen Körpers“3 zum Fetischobjekt der geschlechtlichen Ordnungsbildung. Es kommt noch ein Klassenfaktor hinzu: Insbesondere diejenigen, die über wenig soziales, ökonomisches und kulturelles Kapital verfügen, kultivieren aus dem Mangel heraus den eigenen Körper. Die MySpace-Babes sind also gar nicht so „kurzsichtig und dumm“ (135-136), sondern schlau und machen das Beste aus der Not. Mit Bourdieu kann man Geschlechternormen klassenspezifisch denken: Unterschichts-Weiblichkeit und bildungsbürgerliche Weiblichkeit (als Beispiele) funktionieren je unterschiedlich, auch im Hinblick auf die „Zivilisierung“ und Kultivierung des eigenen Körpers. Insofern blicken die Alphamädchen, vermutlich ohne es zu wollen, herab auf eine Weiblichkeit die ihnen fremd ist, und sehen mit ihrem bildungsbürgerlichen Blick – aus ihrer Position heraus auch konsequent – nicht eine schichtspezifische Strategie mit der Not umzugehen, sondern ein antifeministisches Fehlverhalten. Im Klappentext des Buches steht sinngemäß, dass der Feminismus jungen Frauen hilft, den Alltag besser zu meistern. Ja, kann sein. Aber für andere sind es genau diese alltäglichen Konstellationen, die wir als Machtverhältnisse analysieren, die Sicherheit im Alltag geben. Das ist die soziologische Kehrseite einer im weitesten Sinn mit foucaultschen Begriffen betriebenen Machtanalytik, die hier und da und überall – auch bei mir – virulent ist: Die alltäglichen Macht-Wissen-Regime helfen vielen Leuten eben auch, sich zurechtzufinden, sich eine eigene Identität zu konstruieren und sich einen – wenn auch kleinen – Spielraum darin und damit zu schaffen (sagt übrigens Judith Butler auch). Sie sind eben nicht nur einfach brutal unterdrückend, sie produzieren (Foucault!) sehr klare Möglichkeiten die gerade deshalb als solche wahrgenommen werden, weil sie so eng begrenzt sind. Sich selbst an der eigenen Heteronormalisierung zu beteiligen ist aber auf der anderen Seite auch keine Option, die die meisten Leute man nach Lust und Laune verwerfen könnten. Die Konsequenzen sind nämlich mitunter handfest:4 Einsamkeit, verminderte Chancen auf Märkten aller Art (Partner-, Arbeits-, usw.)5. Bis hin zu körperlichen Angriffen. Aber es sind – ich wiederhole mich – eben nicht nur Zwänge, sondern auch Möglichkeiten, vielleicht sollte man eher sagen: die Verlockungen. Die Verlockungen des Normalseins.
Die alltägliche Macht der (Hetero-)Normalisierung besteht also in einem Verhältnis von „Möglichkeit : Beschränkung“ und das ist klassenspezifisch je unterschiedlich. Das erklärt auch die scheinbar paradoxe Tatsache, dass „viele Mädchen nicht einmal einen Chauvinisten dazu brauchen, sie machen sich ganz selbstständig zu leblosen Wichsvorlagen“ (130).

Die Begriffe „Lookismus“ und „Bodismus“ sind, soweit ich sie verstehe, dazu angetreten, den affirmativen Umgang mit körperlichen Differenzen zu kritisieren, analog zu Rassismus6 etwa. Letzterer hat ja eine ähnliche Geschichte: Die Biologisierung und Naturalisierung einer hierarchischen Differenz in Folge des Auftretens formaler Gleichheitsnormen mit der Aufklärung. Ich würde behaupten, dass biologistische Theorien der Geschlechterdifferenz weniger wissenschaftlich, d.h. als Erklärung und/oder Beschreibung, sondern als Anleitung und Bestätigung der eigenen Praxis (die Alphamädchen sehen das mit der Bestätigung auch so übrigens) gelesen werden.

Einen anderen Abschnitt überschreiben sie mit „Gilt immer noch: Mein Bauch gehört mir“ (77) – also DAS denken sich die Fastnacktmädchen von MySpace (ja, die sind immer noch auf MySpace – Klasseneffekt würd ich sagen) ganz sicher auch! Das ist ja die Pointe: Dass das Selbstbestimmungs-Narrativ sich so hervorragend in ein Selbst-Regierungs-Regime einpasst – „Mein Bauch gehört mir, ich kann Fettabsaugen, ihn piercen und ins Internet stellen so viel ich will.“7 Die Alphamädchen meinen, das seien Pubertäts-Späßchen, die es schon früher gab, aber eben nicht ins Internet gestellt wurden, wo sie ihrer Meinung nicht hingehören. Stimmt auch, greift meiner Ansicht nach aber zu kurz (siehe oben). Die Vermutung liegt nahe, dass die einen (bornierte Unterschicht) das eher auf ihre Körper, die bornierte Mittelschicht (das sind „wir“!) dieses Selbst-Regierungs-Regime eher auf ihre Arbeitsmoral anwenden. Letzteres ist ja umfangreich beschrieben worden, Stichwort Chiapello/Boltanski: „Neuer Geist des Kapitalismus“. Und viele andere mehr.

Heißt: Die von den „Alphamädchen“ beschriebenen Beobachtungen sind nicht falsch, ich möchte sie nur in einen größeren Rahmen stellen. Sie schreiben auch, dass die Frauen mitschuld seien, wenn sie sich selbst objektifizieren und rufen dazu auf, es anders zu machen. Ja, stimmt auch irgendwie. Aber bei individualistischen Aufrufen und voluntaristischen Vorstellungen über „einfach mal anders machen“ wird mir immer ein wenig unbehaglich. Ich hoffe, meine obigen Andeutungen über die größeren Zusammenhänge erklären dieses Unbehagen vielleicht ein wenig.

 

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VERANSTALTUNGSHINWEIS
Zu einem ganz ähnlichen Thema diskutieren am 13.04. auf der Re:Publica interessante Leute, u.a. die Alphamädchen-Autorin Meredith Haaf, unter dem Titel „Guck mal, wer da spricht
Wieviel Pluralismus kann die deutsche Blogosphäre?“

Das wird, soweit ich weiß, auch gestreamt. Details: hier klicken.

 

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  1. Haaf, M./ Klingner, S. / Streidl, B. 2008: Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht. Blanvalent Verlag, München. []
  2. Den Boom der halbnackten Mucki-Pics bei jungen Männern ignorieren sie. Kann man aber, glaub ich zusammenfassen. []
  3. Ich hab mir sagen lassen, unter jungen Frauen gilt Körperbehaarung bei Männern als unsexy. Es gehört also ein enormes kulturelles Wissen dazu, welche Körper gerade der heterosexuellen Natur entsprechen. Den Bart hab ich mir abrasiert, man tut ja was man kann. []
  4. Hier muss ich den Soziologinnen und Soziologen einen Vorwurf machen, die das vielzitierte „Suchen nach Sicherheit“ entweder als Spielerei, die aber doch irgendwie angenehm ist, oder aber als anthropologische Eigenschaft darstellen. Nein, es handelt sich um eine Überlebensmaßnahme innerhalb eines Machtgefüges und ist einer sozialen Notwendigkeit geschuldet! Das erfahren Mittelschichtsangehörige, die nicht irgendwelche Behinderungen oder sonstige „Stigma“ tragen nur selten in dieser Intensität, vermute ich. []
  5. Auch so ein Aspekt der beim Lesen Unbehagen bereitet: Die Alphamädchen unterstellen die meiste Zeit eine Leserin, die auf diesen Märkten bereits einigermaßen integriert ist und nun vor den bekannten Wahlmöglichkeiten steht: Familie oder Karriere. Das ist eine relevante Perspektive, ohne Frage, aber eben eine sehr partikulare. Das wissen sie aber durchaus selber, also das ist jetzt kein Vorwurf. []
  6. vgl. Mark Terkessidis: Psychologie des Rassismus []
  7. Den Gedanken habe ich von Paule Irene Villa, ich glaube er steht ausgeführt in dem von ihr herausgegebenen Band „Schön Normal“. []

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Die Ideologie des to-go-Kaffeebechers

Nach einer Woche voller wissenschaftlicher Detailhuberei wird es Zeit, mal eine steile These und Gesamtdiagnose des Weltenzustandes rauszuhauen. Also!

Ausgangspunkt ist folgende Beobachtung, die mir von einer Berliner Öko-Aktivistin mitgeteilt wurde: Man habe versucht, in einer Mensa einen Aufpreis für to-go-Becher einzuführen, denn die Entwicklung geht dahin, dass immer mehr Kundinnen und Kunden solche Becher anstatt traditioneller Tassen wählen und das, obwohl sie anschließend vor Ort bleiben und ihren Kaffee austrinken. Pappbecher mit Plastikdeckel to-sit quasi.

Aber das ist nun interessant: wem bringt das was? Beim derzeitigen Umfrageboom der Grünen – noch dazu im studentischen Millieu – drängt sich der Verdacht auf, dass diejenigen, die sinnloserweise to-go-Becher wählen dieselben sind, die so gerne ihr Kreuzchen bei den Grünen machen.

Aber was will uns die zunehmende Prädominanz des Kaffeebechers sagen? Die ideologische Botschaft des Kaffeebechers lautet: „Seid wie die Becher – flexibel und to-go!“ Meine These ist, dass die Objekte, mit denen wir uns alltäglich umgeben die Funktion einer „ausgelagerten verinnerlichten Ideologie“ annehmen.  Das funktioniert mit Kaffeebechern so gut, weil man sie sich gerade nicht aneignet: Man wirft sie ja sofort wieder weg. Ich kann also quasi die ideologische Anrufung „sei mobil, flexibel etc.“ „umleiten“ auf ein Wegwerfobjekt und zeige mir selbst und anderen aber dabei noch an, dass ich meinen Pflichten als „flexibler Mensch“ (Sennett) nachkomme – und das im Sitzen!

Daraus kann man auf eine Paradoxie der Fexibilitäts-Ideologie schließen: wie soll man sie sich denn überhaupt aneignen? –  Flexibilität besteht ja gerade darin, sich nichts dauerhaft anzueignen. Ich glaube auch nicht, dass viele Leute diese Flexibilitäts-Nummer wirklich wollen, geschweige denn praktizieren, oder die Möglichkeiten dazu hätten, selbst wenn sie es wollten. Und das ist die Ideologie, besser gesagt: die ideologische Funktion des Wegwerfkaffeebechers, dessen Botschaft gleichzeitig als Entlastung von ihr dient: Wenn der Becher flexibel ist, muss ich es nicht mehr sein.

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