Archiv der Kategorie Zweitverwertung

Gedankensammlung zur Kernenergie

„Ich finde an einem solchen Tag darf man nicht einfach sagen unsere Kraftwerke sind sicher. Sie sind sicher.“ (A. Merkel, Brainbug)

Mit dieser völlig sinnlosen Aussage eröffnete Angela Merkel ihr so genanntes „Statement“ zu einer überaus wichtigen Frage: Werden wir alle sterben Wie geht es weiter mit der Atomenergie? Denn obwohl versichert wird, dass letztere ‎“Sicher“ (Merkel) ist , sind nicht alle davon überzeugt. Es ist halt ein bisschen komisch zu behaupten eine Sache sei „sicher“, wenn einem genau diese Sache gerade im selben Moment um die Ohren fliegt. Was machen die Freunde der Sicherheit da? Den Irrtum eingestehen, Kehrtwende? Nein, das nicht, wir sind hier schließlich bei cdu/csu/fdp. Das muss also keinen Sinn ergeben, nur die Stammwählerinnen und Lobbyisten erfreuen. Ich weiß eigentlich nicht viel über die vielbeschworenen Lobbyisten. Aber die vielen merkwürdigen, völlig falschen Formulierungen, die man sich in letzter Zeit (auch früher schon) anhören muss, legen schon den Verdacht nahe, dass da jemand mit Geld nachhilft.

Sicherheit – Risiko – Gefahr

Vielleicht ein kleiner Einschub zur „Sicherheit“. Ist ja so: Die Welt ist voller kleiner und großer und ganz großer Risiken. Kann sein es regnet. Kleine Gefahr. Wenn ich morgens das Haus verlasse und mich entscheide, keinen Regenschirm mitzunehmen geh ich das Risiko ein, nass zu werden.1 Solche Diskussionen entwickeln sich ja oft zu einem angenommenen „Nullpunkt“: „Dann kann ich ja das Haus nicht mehr verlassen, weil es kann ja immer was passieren!“ Stimmt aber nicht ganz, denn: Ich kann ja auch zu Hause bleiben und dann stürzt ein Flugzeug drauf. Das ist die Gefahr! Kann man jetzt lachen über die Absurdität des Beispiels. Ich z.B. kann das nicht, ich habe erst vor kurzem erfahren, dass in meinem Stadtteil in den 90er Jahren ein Flugzeug abgesürzt ist. Kommt hinzu: wenn so was passiert hab ich das Flugzeug nicht gechartert. Ich hab auch überhaupt nicht damit rechnen können. Risiko? Gefahr? Des Einen Risiko ist des anderen Gefahr. Das gilt für nichts mehr als für Atomkraftwerke! Selbst wenn man von einem „nationalen Atomkonsens“2 ausgeht, wie man ihn gerne von Frankreich behauptet (und den es vielleicht auch gibt) – gegen radioaktive Strahlung hilft auch kein Frontex mehr.3

Daraus sollte Folgendes entnommen werden: Den Begriff „Sicherheit“ können wir bitte aus der Debatte streichen. Wer ihn benutzt disqualifiziert sich. Er ist unseriös. Sicher sind ganz wenige Sachen: Dass wir alle irgendwann sterben. Die Frage ist aber: Wann? (Und: wie?)

„Risiko“ ist also ein Begriff mit dem man sich die Zukunft „greifbar“ machen will, besser gesagt: berechenbar machen will. Man kommt auch nicht aus, wie ich gezeigt habe: Eine Risikoentscheidung nicht zu treffen eröffnet ein neues Risiko. Der Risikobegriff hat was mit der Art zu tun wie wir Gesellschaft und Natur in Verhältnis setzen: Grundsätzlich berechenbar. Irgendwie löst das Denken in Risiken – das ja gedanklich die Zukunft unter Kontrolle bringt – eine Kette von Risikominimierungsversuchen aus, an deren Ende das „Restrisiko“ steht. Und das hat’s in sich.

Jetzt: (Rest-?)Risiko?

Risiko wird üblicherweise durch eine einfache Formel errechnet:

Risiko = Schadenswahrscheinlichkeit x Schadenshöhe.

Da im Fall eines Super-GAUs die Schadenshöhe enorm hoch wäre, handelt es sich bei dem sogenannten “Restrisiko” also genau genommen um ein sehr hohes. Ich glaube es ist keine Einzelmeinung, wenn ich das Gefühl habe, die Vorsilbe “Rest” möchte ein gegenteiliges Gefühl erwecken. Keine Journalistin/Juristin/Politikerin sollte sie benutzen. Dass das Risiko sehr hoch ist bezeugt ja auch Unversicherbarkeit. Man kann der Versicherungsbranche sicher einiges vorwerfen, aber dass sie sich ein so “sicheres” (A. Merkel) Geschäft entgehen lässt halte ich für unwahrscheinlich. (s. auch den Beitrag bei Neusprechbolg)

Dumm nur, dass sich dieser „objektive“ Risikobegriff an berechenbaren Wahrscheinlichkeiten orientieren muss. Also die Eintrittswahrscheinlichkeit von Ereignissen berechnet, von deren Eintritt wir nichts wissen – aber wir wissen, dass die Wahrscheinlichkeit besteht. Zeigt sich aber, dass immer wieder Störfälle v on Ereignissen ausgehen, von denen wir nicht mal wissen, dass wir sie nicht wissen. Das ist das prinzipielle Problem, dass m.E. so oft falsch gedeutet wird: Wenn ein Störfall durch etwas „Unvorhersehbares“ induziert wird, darf das ja gerade nicht zur Beruhigung führen, dass wir „ansonsten“ alles unter Kontrolle haben.

Das Problem der nicht gewussten Gefahren durchzieht das ganze Leben, unvermeidlich. Man kann dagegen auch nichts tun. Man darf auch nicht in Panik verfallen. Man sollte sich nur fragen, ob man eine Grenze ziehen kann, welche Risiken man nicht mehr eingeht. Risikosoziologe Ulrich Beck hat mal eine vorgeschlagen, sie ist auch schon genannt worden: Die Versicherbarkeit…

Das Dilemma der Kernkraft-Befürworter

Spiegel Online schreibt vor ein paar Tagen, dass der Ausstieg aus der Kernenergie soundsoviele Milliarden kostet. Puh, teuer. Aber Wenn ich die Kosten einer Sache angebe aber nicht die Kosten der Alternative, ist das nicht ziemlich unseriös? Spaltbares Material muss beschafft und hinterher entsorgt werden (es gibt aber kein „Endlager“). Was das kostet! Vom „Restrisiko“ des Super-GAUs mal abgesehen. Spiegel macht also, vielleicht unabsichtlich, mal wieder pro-Atomenergie-Propaganda. Und das ist das Ärgerliche – die Befürworter sollen sagen: wir sind dafür, gibt billigen (naja!) Strom für’s Wirtschaftswachstum und unsere Designertrockenhauben. Ist das so schwer? Muss man da erst umständliche Moralkeulen zusammenbasteln?

Am besten hat mir ja das Argument gefallen, man dürfe das jetzt nicht diskutieren, weil es da Opfer in Japan gäbe. Das ist als würde man einen Mordfall aufklären und der Beschuldigte verteidigt sich mit den Worten: „Hier ist ein Mensch zu Tode gekommen und Soe wollen sich mit der Schuldfrage abgeben? Wie pietätlos!“ Dass man das ganze nicht „parteipolitisch instrumentalisieren“ soll ist in einer Parteiendemokratie ein Sprechverbot von Rechts. Schließlich ist die Atomenergie bei den zwei großen4 rechten Parteien zu Hause. Und die haben auch noch gerade eben erst den „Atomausstieg“ ganz abgeschafft. Darf man aber nicht kritisieren, ist ja Parteienpolitik. Das ist das Pietätlose: Die Opfer zu instrumentalisieren um Kritik zum verstummen zu bringen. Es ist halt jemand benennbares „schuld“ am Ausstieg aus dem Ausstieg. Daran ändern die vielen toten in Japan aber nichts. Und nebenbei versuchen die Rechten einmal mehr das, was sie den Linken (und überhaupt allen anderen) immer vorwerfen: Sprech- und Denkverbote zu installieren und Debatten zu unterdrücken.

Vorschlag und neue Risiken

Aber die Tragik geht leider noch weiter: Kernenergie wird steuerlich subventioniert, ist aber nicht versicherbar. Das heißt: Die Betreiberfirmen bekommen von den Steuerzahlerinnen Geld dafür, dass sie ein Risiko eingehen dessen negative Konsequenzen sie nur zu einem ganz geringen Bruchteil selber tragen müssten und für das es nicht mal eine Versicherung gibt. Das ist schon eine ziemlich einseitige Rechnung. Gut, es kommt Strom dabei raus (den wir aber den Betreibern abkaufen müssen, tja). Deshalb wäre meine erste Forderung, wenn es vom Standpunkt der Energieversorgung nicht möglich ist, alle AKW abzuschalten: Alle Betreiber müssen enteignet und die Energieversorgung in öffentliche Hand gelegt werden. Ich bin mir durchaus bewusst, dass eine Verstaatlichung nur halb so viel Spaß macht, wenn man den Staat in seiner gegenwärtigen Form nicht mag. Das ist mein Dilemma.
Außerdem sinkt dadurch natürlich nicht das technische Risiko (Stichwort Tchernobyl), aber man hätte den Lobbyistendruck weg und es gäbe auch keinen Profitanreiz mehr. Angesichts der ungerechten Profit- und Lastenverteilung versteh ich aber grundsätzlich nicht, wieso eine solche Technologie in Privatbesitz ist. Man könnte außerdem die Erlöse bis zur Abschaltung in die Optimierung der Sicherheitssysteme (ich weiß leider gerade kein besseres Wort) und in die Forschung nach alternativen Energien stecken. Aber an dem Punkt tut sich das nächste Dilemma auf, das unter dem Titel „Technological Fix“ firmiert: Die Lösung technisch induzierter (sozialer) Probleme durch neue Technologien. Das hat uns ja erst hierhin gebracht.5

Das bittere an der Sache ist natürlich, dass die Krise der Kernenergie in die Klimakrise Hineinplatzt.

Letztendlich braucht es einen teilweisen Ausstieg aus dem Energieverbrauch.

  1. Das Beispiel wie auch die Unterscheidung Risiko/Gefahr stammt von Niklas Luhmann. Den muß man nicht mögen, aber das spielt jetzt mal keine Rolle. []
  2. Übrigens irritiert mich der Sprachgebrauch mit „Atom“ immer stark: Ist ein „Atomkonsens“ nicht der Konsens darüber, dass alles aus Atomen besteht? Da wär ich evtl. dabei. Ich hab jetzt auch keine grundsätzliche Angst vor Atomen um sich. Ich glaub die Spaltung ist das Problem. Also ob man grundsätzlich aus den Atomen ausstiegen kann, da bin ich mir auch nicht ganz sicher. Aber ich bin kein Physiker. []
  3. In diesem Zusammenhang ist es übrigens interessant zu erfahren, dass es national unterschiedliche Wege zur Kernenergie gab. Der deutsche Weg ist durch einen „Push-Effekt“ gekennzeichnet: Als man mit der Planung deutscher Kernkraftwerke begann gab es keinen objektiven Bedarf dafür, aber einerseits das Gefühl, es könnte ihn bald geben, andererseits die Hoffnung, zum Exporteur von Kernreaktoren in die sog. 3. Welt zu werden. (vgl. J. Radkau 1992: Die Kerntechnik als historisches Individuum und als Paradigma. In: Technik und Gesellschaft, Jahrbuch 6. S. 79f.) []
  4. okay, eine große. eine inzwischen bedeutungslose, die aber durch einen dummen zufall ein paar witzminister ins kabinett geschmuggelt hat. []
  5. Naiver Anhänger dieser Variante ist übrigens Arnold Schwarzenegger, der will nicht die SUV genannten Freizeitpanzer verbannen, sondern Umweltfreundlichere Freizeitpanzer. Naja, dafür gibt’s in Österreich keine AKWs. In Kalifornien schon. []

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„_innen“ ist der/die Haneke der deutschen Sprache.

Da ich im moment mit zwei längeren Blogtexten, die ich eigentlich mal bringen wollte, feststecke, dokumentiere ich hier drei Kommentare, die ich unter dem sehr guten Text Sprache und Geschlecht von Adrian Lang gemacht habe.

1.

ich finde texte, in denen kein _innen vorkommt sehr schwer und unangenehm zu lesen, weil ich es mir dann immer dazudenken muss. Das fehlende _innen unterbricht so massiv den Lesefluß.

2.

zum thema lesefluß/Ästhetik

Ist schon mal jemand in den Sinn gekommen, dass das unterbrechen des Leseflußes genau der sinn der Sache sin könnte?

Gerade weil die eingeschliffenen Foramlia texte so konsumierbar machen, und damit die normierung die darin stattfindet dadurch sichtbar gemacht werden sollen, ist es zweckmäßg, die formalästhetischen Konventionen zu verletzen.

Wie bei einem Film von Michael Haneke, in dem die gewohnten konventionen über Einstellungslängen und Kamerabewegungen, die wir hauptsächlich aus hollywood kennen, verletzt werden. damit macht er sichtbar, wie gewalt konsumierbar wird (hanekes filme beinhalten nicht mehr gewalt als ein beliebiger actionfilm, wenn überhaupt so viel).

Ich würde sagen genau das was ästheten an _innen kritisieren. Das „_innen“ ist die Haneke der Sprache!

Was @mspro meint ist in seiner formalen feststellung richtig: ist halt unpopulistisch. Aber daraus ein Sollen ableiten ist schwierig. umso weniger versteh ich warum er auf twitter schreibt, dass die Feministinnen (ausgerechnet!) damit irgendwem was vorschreiben wollen. Es sind ja die gängigen Sprachnormen die – wie der Name schon sagt – normieren.

3.

kleine Ergänzung:

Ästhetische Formen sind bekanntlich konventionell. man muss sie kennen um sie zu verstehen. wenn man zu stark von ihnen abweicht, wird man gar nicht mehr verstanden.

Fiske und Hartley stellen in “Reading television” eine recht simple Regel auf (auswendig zitiert – nicht wörtl.): The more conventionalised a programme the more popular it is.” [trifft auf geschriebene texte genauso zu wie fernsehen.]

Das mag trivial klingen, aber wenn man es auf die feministische sprache und sprachkritik anwendet, sieht man, dass eine populistische kritik konventionalisierter Formen nicht geht. da müßte man(mensch) auf genau diese formen zurückgreifen, die kritisiert werden sollen. das haut nicht hin…

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