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Assoziationen zu Edgar Allan Poe: „Der Mann in der Menge“

Urlaub – Lesezeit! Im Gepäck ist ein schönes kleines Buch mit klassischen amerikanischen Erzählerinnen und Erzählern, dass ich mal für 2€ ergattert hab. Ich merke gerade: es ist Gold wert! Drin finden sich Klassiker wie Poe, Fitzgerald, Highsmith, Faulkner usw. Ich kannte noch nichts von denen, aber ich bin begeistert. Also hier mal wild Zusammenfantasiertes zu Poe:

Der Text

…and perhaps it is but one of the great mercies of God that ‘er lasst sich nicht lesen.’ ”

(Letzter Satz aus Poes „Mann in der Menge“. Deutsch im Original.)

Die kurze Geschichte von Edgar A. Poe1 beschreibt eigentlich nur, wie der Ich-Erzähler einen unbekannten älteren Mann über mehrere Stunden durch London verfolgt. Es gibt dafür keinen Anlass, das Interesse des Erzählers wird irgendwie geweckt und er folgt dem fremden. Ergebnis der Sache ist: Der Fremde irrt Stunden lang durch verschiedene Gegenden Londons, geht mal hier mal da rein und kommt wieder raus. Am Ende gibt der Verfolger die Verfolgung auf und endet auf einen Rätselhaften Ausspruch über den rastlosen Spaziergänger.

Ich muss sagen, ich habe diesen Schluss nicht verstanden. Aber der Text weckt bei mir bestimmte Assoziationen. Ich finde ihn deshalb so faszinierend, weil er ein alltägliches Phänomen in Form einer fantastischen Erzählung bearbeitet. In der modernen Großstadt sind die tausenden Fremden, denen wir täglich begegnen eigentlich wie Kulissen: wir wissen nichts über sie, wir nehmen sie kaum war und sie sind doch das, was das Großstadtleben ausmacht. Wir sehen sie nur als Fußgängerinnen/Auto/Fahrradfahrerinnen etc. Aber wir kennen weder ihren Ursprung, noch ihr Ziel. Sie sind nur bewegliche Dauerkulisse. Die Vorstellung, dass alle anderen außer einem selber immer nur rumgehen und sonst keine Funktion haben ist da gar nicht so weit hergeholt. Poes Mann in der Menge ist die abstrahierte Masse der Großstadt. Bewegliche Kulisse. Fremder.

Assoziation 1: Georg Simmel und die Moderne
Die erste Assoziation die ich hatte war Georg Simmel. Der Soziologe beschäftigte sich mit der entwicklung von Großstädten und deren Wirkung auf die Bewohnerinnen. Es ist ja ein unterschied ob man in einem prä-modernen Dorf lebt in dem jede jeden kennt und jede Fremde dann umngekehrt ebenso „bekannt“ ist. In der Großstadt sind wir fast nur von Fremden umgeben, die Beziehungen sind zur überwiegenden Mehrheit völlig unpersönlich (nicht zuletzt durch die Geldwirtschaft, die völlig vom Einzelnen abstrahiert ist). Dafür gibt es eine überwältigende Masse ständig wechselnder Eindrücke. Die Masse der anonymen Fremden ist hier der Normalfall. Poe lebte rund 50 Jahre vor Simmel und ich denke, er hat eine ähnliche Beobachtung verarbeitet, nämlich die Fremdheit der Masse. Er bricht deren Selbstverständlichkeit auf, indem er einen Mann aus der Menge herausholt. Aber der Mann ist gar kein Individuum mehr. Er ist auch als Einzelner weiterhin die Verkörperung der vorbeiziehenden Menge.

Assoziation 2: Die beweglichen Kulissen der Truman Show
Die zweite Assoziation springt nochmal gut 150 Jahre nach vorne: In dem Film „Truman Show“ geht es um einen Mann der in einer gigantischen Fernsehshow lebt, ohne davon etwas zu wissen. Er wird rund um die Uhr abgefilmt und lebt in einem eigens für ihn errichteten, riesigen Fernsehstudio. Seine sämtlichen Freunde, verwandten und auch die ihm unbekannten Bewohnerinnen seiner eigens für die Sendung errichteten Stadt sind letztlich nur Schauspielerinnen und Statistinnen.
Im Laufe des Films bekommt Truman eine Ahnung, das etwas merkwürdig ist. Eine Beobachtung die er macht ist, dass die vorbeifahrenden Autos in einem bestimmten Alogrithmus hin- und her fahren. Die Szene bildet für mich die lebendigste Erinnerung im ganzen Film. In diesem Szenario ist die bewegliche Kulisse der anonymen Masse tatsächlich nur bewegliche Masse, aber man kann in unterschied zum Poeschen Text einen „rationalen“ Grund dafür angeben – allein schon weil die Erzählperspektive zu Beginn des Films nicht an den Protagonisten geklammert ist, wie im „Mann in der Menge.“

Beide Fiktionen beschreiben letztlich eine Intuition, die Simmels in seinem wissenschaftlichen Werk rational analysiert. Das Phänomen der Masse und der Fremdheit in modernen Gesellschaften. Wir leben in Umgebungen über die wir immer weniger Wissen und die immer mehr Eindrücke erzeugen, wobei wir gleichzeitig glauben, dass wissenschaftlich-rational immer mehr verstehbar ist. Ich glaube es ist diese Intuition, die Poes Text seinen emotionalen „impact“ verleihen. Ich kann‘s nur empfehlen.

  1. hier auf englisch: http://www.eapoe.org/WORKS/tales/crowdb.htm []

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Wie Uli Edel mir mal die RAF schmackhaft gemacht hat

„Der Baader Meinhof Komplex“ (D, 2008 R: Uli Edel) ist ein reaktionärer Film. Eine für deutsche Verhältnisse relativ groß und nach Hollywoodregeln produzierte, fast zweieinhalbstündige Werbeanzeige für einen ordentlichen Staat. Ich will darauf gar nicht so sehr eingehen, wer an diesem Punkt anderer Meinung ist, braucht nicht weiter zu lesen, das will ich gar nicht mehr diskutieren. Interessanter ist, dass Edel genau in der Anwendung der Regeln für „ordentliches“ Filmemachen aus Versehen einen Subtext produziert, der die Idee RAF als utopisches Projekt anerkennt. Das klingt vielleicht ziemlich hanebüchen im ersten Moment, aber lass mich diese steile These erläutern.

Genau wie bei „Das Leben der Anderen“ handelt es sich beim „Baader Meinhof Komplex“ um keine Kritik eines Missstandes (sei es der RAF-Terror oder die Überwachung der DDR), sondern um Propaganda für die gegenwärtige Ordnung, für die RAF/DDR in ihrer Eigenschaft als allgemein anerkannte Schweinereien als Folie herhalten müssen. Zu Beginn des Films erfahren wir zwar noch was über hungernde Kinder in der dritten Welt und die Grausamkeiten der US-Armee in Vietnam. Aber nachdem diese Nebensächlichkeiten pflichtschuldig abgehakt sind, konzentriert man sich auf die Protagonistinnen und Protagonisten der RAF, insbesondere auf Andreas Baader (Moritz Bleibtreu). Und hier geht’s los, dass es eine reine Freude ist. Nicht lange nach Beginn des Films sehen wir, wie Baader in Italien binnen weniger Filmsekunden Horst Mahler mittels machohafter Sprüche zum Beklauen einer alten Dame animiert, Italiener als „Spaghettifresser“ beschimpft und Frauen sexistisch anbrüllt. Später wird er auf allerlei Kritik höchst aggressiv reagieren, sich über „Schwuchtelaktionen“ lustig machen und unliebsame Weggefährten brutal aus dem Weg räumen und einen erniedrigenden Stegreifvortrag gegen die Frauenemanzipation halten. Und für Leute die es dann immer noch nicht geschnallt haben, spricht, bzw. brüllt Baader noch diverse Male diverse Frauen als „Fotze“ an. Das ganze gespielt von Moritz Bleibtreu in genau dem Stil, in dem er eben alles spielt: pendelnd zwischen arrogant-genervter Coolness und unkontrolliertem Aufbrausen, immer mit dieser dauergenervten Bleibtreufresse, so dass ich zwischendurch das Gefühl hatte, in der soundsovielten Wiederholung von „Das Experiment“ oder „Solino“ gelandet zu sein. Also die Besetzung stimmt jedenfalls. Die Mitglieder der RAF, das lernen wir daraus, sind Charakterschweine und verraten sämtliche linken Ideale. Die nicht-gewalttätige Protestbewegung der damaligen Zeit kriegt auch einige wenige Szenen spendiert: Nach einer Rede von Dutschke wir „ho ho ho chi minh“ mit gereckter Faust im Chor gebrüllt. Später rottet sich eine linke Meute im Dunkeln mit Fackeln bewaffnet vorm Springer-Gebäude zusammen, Glas splittert wie Kristall in der Nacht, Druckwerk wird verbrannt. Diese Ikonografie kann nun wirklich jeder und jede Deutsche lesen.1 Kurz: BMK ist eine nicht gerade subtil verfilmte „Extremismus-These“.

Der Witz und das unabsichtlich Utopische liegt aber genau in dieser Personalisierungs-Strategien der Figur Baaders: Denn was ist das eigentlich für ein Argument „Die RAFler haben doch ihre Ideale verraten“? Legt das nicht die Lesart nahe, dass der eigentliche Geist der RAF gegen Unterdrückung und für Emanzipation war? Dass diese Ideale von Charakterschweinen wie Baader pervertiert wurden? Und dass die Ziele der RAF eigentlich richtig waren. Denn verraten kann man ja nur Ideale, die was taugen. Edel kapituliert argumentativ vor der RAF-Ideologie, ja glorifiziert sie (vermutlich 😉 ) unfreiwillig, wenn er immer aufs verkommene Individuum Baader ausweichen muss, um seine „Kritik“ am RAF-Terror zu belegen. Muss ich daraus nicht lesen, dass aufgeklärte, gütige Terroristen „guten Terror“ (Robespierre) gemacht hätten? Für die Menschen! In der neoliberalen Ideologie steht und fällt halt alles mit dem Individuellen Einsatz und der individuellen Integrität.

Ich würde aber noch eine Pointe draufsetzen: Edel bedient sich bei seiner Feindbildkonstruktion einer Technik, die man gerade von intellektuell eher einfach gestrickten Alt-68erInnen lernen konnte und kann und die vielen heutigen Linken mit gutem Grund suspekt ist. Nämlich dass die Kritik am kapitalistischen System in seiner Abstraktheit auf einzelne Personen umgemünzt wird. Auf „Bonzenschweine“ zum Beispiel – scheiß auf die „Charaktermasken“ (Marx). Angesichts der zahlreichen in den 60ern und 70ern noch aktiven Nazis in wichtigen Posten waren die Vorlagen für diese Strategie nicht schwer zu finden und sie war populistisch. Deshalb – so wohl das Kalkül Edels – funktioniert es auch für einen groß angelegten Film über die RAF. Und so sieht er sich gezwungen zumindest Baader als Person als Scheusal zu inszenieren. Als „Terroristenschwein“ eben.2
Das Problem, dass sich aufmerksamen Zuseherinnen eine andere als die intendierte Lesart aufdrängt liegt vielleicht daran, dass Edel der gesamten Linken die Legitimität abspricht und nicht nur den gewalttätigen RAFlern. Als einzige Alternative bekommt man nur die eine angeboten, die keine ist: Der Staat mit seinen Vertretern, die doch eh so verständnisvoll sind. Die die „Gründe“ des Terrors (Armut, Hunger, Unterdrückung) kennen und benennen und bekämpfen wollen. Alle Weisheit ist schon in unseren Staatsapparaten! Opposition ist also immer Mist. Wir wissen doch um die Probleme, ja es gibt sie, keiner leugnet das, wir arbeiten dran… Für die Menschen!

Gus van Sant hat das in „Milk“ geschickter gemacht: Radikale tauchen hier auch auf und dürfen ihre Argumente vortragen. Aber letztendlich lernen wir: der gemäßigte, die staatlichen Instanzen akzeptierende Weg ist der richtige und effektive – und: Lächeln und Anzug tragen – es sieht auch gut aus bei Sean Penn! Wenigstens darf Harvey Milk in seinem Film doch ein bisschen oppositionell sein. Edel schränkt die Auswahl an politisch Vernünftigem so sehr ein, dass man schon aus Trotz zu den Terroristen hält.

Bleibt noch die Frage, warum ausgerechnet im Jahr 2008 so ein Projekt mit der ersten Riege deutscher FilmschauspielerInnen aufgezogen wird? Man ist angesichts der gegenwärtigen Terrorpanik versucht, die ganz billige Erklärung heranzuziehen. Denn Rasterfahndung und Großeinsätze der Polizei nickt der Film en passant als wirksame und unproblematische Verfahren ab. Hm, nicht so überraschend, oder? Interessanter vielleicht die Frage, wieso man 144 Minuten braucht, um das zu sagen? Ich weiß es auch nicht, aber Edel war sich wohl bewusst, dass diese Länge ein ziemliches Problem sein könnte. Und deshalb schweift der Blick des Betrachters immer dann wenn die Langeweile übermächtig zu werden droht (und das ist nicht selten) über die straffen Brüste der RAF-Actiongirls oder begafft sie sie mit dicken Wummen in der Hand posierend. Lechz. Man könnte fast meinen, Baader – so wie er im Film charakterisiert wird3– hätte persönlich Regie geführt.

  1. Wo ich schon bei alternativen Lesarten bin: Ist das nicht eine Verharmlosung des 3. Reichs? []
  2. bei den Frauen klappt das nicht so, dazu sind auch die Schauspielerinnen zu sehr „Hot Chicks“ – ich komme drauf zurück – sie werden erst gegen Ende als hysterische Spinnerinnen abgearbeitet. []
  3. Diesen kleinen Gag auf Twitter konnte ich mir nicht verkneifen []

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