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Pointenimperialismus

Heute hab ich mir, wie an jedem Dienstagabend, den wöchentlichen Kommentar von Volker Pispers angehört. Die eigentliche Pointe ligt diesmal aber nicht in seinem sonst so pointierten Vortrag:

http://www.youtube.com/watch?v=Ny7Mep3sCIk

Ich mag Pispers sehr, aber der Neuigkeitswert dieser Mitteilung ist äußerst gering. Die Kriege des Westens sind durch ökonomische Interessen angetrieben? Sag bloß! Also bis hierhin noch keine Pointe. Aber gut, dass es mal wieder wer sagt.

Tatsächlich aber scheint das Gesagte für manche doch einen Neuigkeitswert zu haben. Und zwar – und jetzt kommt die dicke Pointe – ausgerechnet für einige so genannte Linke:

Worüber die jW nicht schreibt ist, dass sämtliche Änderungsanträge aus NRW und Hamburg, die die gegenwärtigen Kriege als “neo-imperialistisch” einschätzen, keine Mehrheit gefunden haben. Die Arbeit des BAK Shalom zeigt Wirkung!

…sagt der ein Mitglied des „bak shalom“, einem Subsystem der deutschen Linkspartei.

Ich fasse kurz zusammen:
In dem historischen Moment, in dem der ex-Bundespräsident und der Verteidigungsminister (beide CDU) bestätigen, dass „wir“ eben doch Wirtschaftskriege führen, wollen einige „Linke“ den Begriff des Imperialismus verbannen.

DAS ist eine Pointe.

Vorhang. Lang anhaltender Applaus.

Vgl. auch den Kommentar von rhizom.

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SPD – Alles wie gewohnt.

Thilo Sarrazin wird nicht aus der SPD ausgeschlossen. Das große strategische Problem der SPD war der ständige Hitlervergleich. Hitler war zwar ein schlimmer Finger, aber von rechts. Das perlt an Leuten, die sich immer noch irgendwie als links verstehen – und das tun spdler_innen so weit ich weiß immer nich – völlig ab. Stalin wäre besser gewesen. Damit hätten sie ihn gekriegt. Die Angst von Stalin eingeholt zu werden sitzt bei den roten tief. Sarrazin der neue Stalin oder so. Klingt halt bescheuert. Soweit mir bekannt hat sich der stalinistische Terror auch nie durch rassistische Feindesbestimmung ausgezeichnet. Da war Hitler doch naheliegender.

Ist natürlich beides ganz falsch. Es gibt einen anderen großen deutschen Führer, mit dem ich Sarrazin viel eher in Verbindung bringen würde. Moment, ich hab hier paar Zitate aus einschlägigen Seiten rausgefischt:

Das Grundübel in Deutschland ist die soziale Überversorgung

Wir haben… viel zu viele Ausländer hereingeholt

„Die Vorstellung, daß eine moderne Gesellschaft in der Lage sein müßte, sich als multikulturelle Gesellschaft zu etablieren, mit möglichst vielen kulturellen Gruppen, halte ich für abwegig.“

Yo, und der Vorteil ist: Der Urheber dieser Weisheiten ist nicht nur einer der angesehensten Politiker in Deutschland überhaupt, sondern auch noch in der selben Partei wie Thilo! Es handelt sich natürlich um Helmut Schmidt.

Insofern passt ja wieder alles.

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Privileg der Kritik – Der große Gatsby

„Jedes Mal, wenn Du glaubst, jemanden kritisieren zu müssen“, sagte er, „dann erinnere dich daran, dass nicht alle Menschen auf der Welt solche Privilegien wie du gehabt haben.“

F. Scott Fitgerald: Der große Gatsby, gleich auf der ersten Seite.

Ich sag ja: Bei den Amis wird man immer schnell fündig.

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Nacktsein ist gar nicht so dumm! Kommentar zu „Wir Alphamädchen“

Haaf/Streidl/Klingner1 beschreiben unter der Überschrift „Warum wir das Netz erobern müssen“ das scheinbar paradoxe Phänomen, dass ausgerechnet junge Frauen (die doch von allen vorangegangenen Wellen des Feminismus profitiert haben) ausgerechnet im Internet (von dem wir dachten, dass Geschlecht als Ordnungskategorie in hm unwichtig wird) von sich aus gerne mal die Hüllen fallen lassen und – ganz ohne gebieterischen Macker im Hintergrund –geradezu ostentativ ein selbst-objektifizierende, unterwürfige (selbstgemachte Fotos von schräg oben mit tiefem Ausschnitt!) Weiblichkeit 2 zelebrieren. Wie konnte es soweit kommen bei solchen Voraussetzungen?

Meine These ist, dass mit dem zurückgehen klassischer Geschlechternormen seit den 1960er Jahren der Körper als Kriterium der Geschlechterdifferenz umso stärker gemacht wird. Wenn die „Natürlichkeit“ der Geschlechterrollen infrage gestellt wird, wird Konsequenz die Natürlichkeit des „natürlichen Körpers“3 zum Fetischobjekt der geschlechtlichen Ordnungsbildung. Es kommt noch ein Klassenfaktor hinzu: Insbesondere diejenigen, die über wenig soziales, ökonomisches und kulturelles Kapital verfügen, kultivieren aus dem Mangel heraus den eigenen Körper. Die MySpace-Babes sind also gar nicht so „kurzsichtig und dumm“ (135-136), sondern schlau und machen das Beste aus der Not. Mit Bourdieu kann man Geschlechternormen klassenspezifisch denken: Unterschichts-Weiblichkeit und bildungsbürgerliche Weiblichkeit (als Beispiele) funktionieren je unterschiedlich, auch im Hinblick auf die „Zivilisierung“ und Kultivierung des eigenen Körpers. Insofern blicken die Alphamädchen, vermutlich ohne es zu wollen, herab auf eine Weiblichkeit die ihnen fremd ist, und sehen mit ihrem bildungsbürgerlichen Blick – aus ihrer Position heraus auch konsequent – nicht eine schichtspezifische Strategie mit der Not umzugehen, sondern ein antifeministisches Fehlverhalten. Im Klappentext des Buches steht sinngemäß, dass der Feminismus jungen Frauen hilft, den Alltag besser zu meistern. Ja, kann sein. Aber für andere sind es genau diese alltäglichen Konstellationen, die wir als Machtverhältnisse analysieren, die Sicherheit im Alltag geben. Das ist die soziologische Kehrseite einer im weitesten Sinn mit foucaultschen Begriffen betriebenen Machtanalytik, die hier und da und überall – auch bei mir – virulent ist: Die alltäglichen Macht-Wissen-Regime helfen vielen Leuten eben auch, sich zurechtzufinden, sich eine eigene Identität zu konstruieren und sich einen – wenn auch kleinen – Spielraum darin und damit zu schaffen (sagt übrigens Judith Butler auch). Sie sind eben nicht nur einfach brutal unterdrückend, sie produzieren (Foucault!) sehr klare Möglichkeiten die gerade deshalb als solche wahrgenommen werden, weil sie so eng begrenzt sind. Sich selbst an der eigenen Heteronormalisierung zu beteiligen ist aber auf der anderen Seite auch keine Option, die die meisten Leute man nach Lust und Laune verwerfen könnten. Die Konsequenzen sind nämlich mitunter handfest:4 Einsamkeit, verminderte Chancen auf Märkten aller Art (Partner-, Arbeits-, usw.)5. Bis hin zu körperlichen Angriffen. Aber es sind – ich wiederhole mich – eben nicht nur Zwänge, sondern auch Möglichkeiten, vielleicht sollte man eher sagen: die Verlockungen. Die Verlockungen des Normalseins.
Die alltägliche Macht der (Hetero-)Normalisierung besteht also in einem Verhältnis von „Möglichkeit : Beschränkung“ und das ist klassenspezifisch je unterschiedlich. Das erklärt auch die scheinbar paradoxe Tatsache, dass „viele Mädchen nicht einmal einen Chauvinisten dazu brauchen, sie machen sich ganz selbstständig zu leblosen Wichsvorlagen“ (130).

Die Begriffe „Lookismus“ und „Bodismus“ sind, soweit ich sie verstehe, dazu angetreten, den affirmativen Umgang mit körperlichen Differenzen zu kritisieren, analog zu Rassismus6 etwa. Letzterer hat ja eine ähnliche Geschichte: Die Biologisierung und Naturalisierung einer hierarchischen Differenz in Folge des Auftretens formaler Gleichheitsnormen mit der Aufklärung. Ich würde behaupten, dass biologistische Theorien der Geschlechterdifferenz weniger wissenschaftlich, d.h. als Erklärung und/oder Beschreibung, sondern als Anleitung und Bestätigung der eigenen Praxis (die Alphamädchen sehen das mit der Bestätigung auch so übrigens) gelesen werden.

Einen anderen Abschnitt überschreiben sie mit „Gilt immer noch: Mein Bauch gehört mir“ (77) – also DAS denken sich die Fastnacktmädchen von MySpace (ja, die sind immer noch auf MySpace – Klasseneffekt würd ich sagen) ganz sicher auch! Das ist ja die Pointe: Dass das Selbstbestimmungs-Narrativ sich so hervorragend in ein Selbst-Regierungs-Regime einpasst – „Mein Bauch gehört mir, ich kann Fettabsaugen, ihn piercen und ins Internet stellen so viel ich will.“7 Die Alphamädchen meinen, das seien Pubertäts-Späßchen, die es schon früher gab, aber eben nicht ins Internet gestellt wurden, wo sie ihrer Meinung nicht hingehören. Stimmt auch, greift meiner Ansicht nach aber zu kurz (siehe oben). Die Vermutung liegt nahe, dass die einen (bornierte Unterschicht) das eher auf ihre Körper, die bornierte Mittelschicht (das sind „wir“!) dieses Selbst-Regierungs-Regime eher auf ihre Arbeitsmoral anwenden. Letzteres ist ja umfangreich beschrieben worden, Stichwort Chiapello/Boltanski: „Neuer Geist des Kapitalismus“. Und viele andere mehr.

Heißt: Die von den „Alphamädchen“ beschriebenen Beobachtungen sind nicht falsch, ich möchte sie nur in einen größeren Rahmen stellen. Sie schreiben auch, dass die Frauen mitschuld seien, wenn sie sich selbst objektifizieren und rufen dazu auf, es anders zu machen. Ja, stimmt auch irgendwie. Aber bei individualistischen Aufrufen und voluntaristischen Vorstellungen über „einfach mal anders machen“ wird mir immer ein wenig unbehaglich. Ich hoffe, meine obigen Andeutungen über die größeren Zusammenhänge erklären dieses Unbehagen vielleicht ein wenig.

 

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VERANSTALTUNGSHINWEIS
Zu einem ganz ähnlichen Thema diskutieren am 13.04. auf der Re:Publica interessante Leute, u.a. die Alphamädchen-Autorin Meredith Haaf, unter dem Titel „Guck mal, wer da spricht
Wieviel Pluralismus kann die deutsche Blogosphäre?“

Das wird, soweit ich weiß, auch gestreamt. Details: hier klicken.

 

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  1. Haaf, M./ Klingner, S. / Streidl, B. 2008: Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht. Blanvalent Verlag, München. []
  2. Den Boom der halbnackten Mucki-Pics bei jungen Männern ignorieren sie. Kann man aber, glaub ich zusammenfassen. []
  3. Ich hab mir sagen lassen, unter jungen Frauen gilt Körperbehaarung bei Männern als unsexy. Es gehört also ein enormes kulturelles Wissen dazu, welche Körper gerade der heterosexuellen Natur entsprechen. Den Bart hab ich mir abrasiert, man tut ja was man kann. []
  4. Hier muss ich den Soziologinnen und Soziologen einen Vorwurf machen, die das vielzitierte „Suchen nach Sicherheit“ entweder als Spielerei, die aber doch irgendwie angenehm ist, oder aber als anthropologische Eigenschaft darstellen. Nein, es handelt sich um eine Überlebensmaßnahme innerhalb eines Machtgefüges und ist einer sozialen Notwendigkeit geschuldet! Das erfahren Mittelschichtsangehörige, die nicht irgendwelche Behinderungen oder sonstige „Stigma“ tragen nur selten in dieser Intensität, vermute ich. []
  5. Auch so ein Aspekt der beim Lesen Unbehagen bereitet: Die Alphamädchen unterstellen die meiste Zeit eine Leserin, die auf diesen Märkten bereits einigermaßen integriert ist und nun vor den bekannten Wahlmöglichkeiten steht: Familie oder Karriere. Das ist eine relevante Perspektive, ohne Frage, aber eben eine sehr partikulare. Das wissen sie aber durchaus selber, also das ist jetzt kein Vorwurf. []
  6. vgl. Mark Terkessidis: Psychologie des Rassismus []
  7. Den Gedanken habe ich von Paule Irene Villa, ich glaube er steht ausgeführt in dem von ihr herausgegebenen Band „Schön Normal“. []

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Gedankensammlung zur Kernenergie

„Ich finde an einem solchen Tag darf man nicht einfach sagen unsere Kraftwerke sind sicher. Sie sind sicher.“ (A. Merkel, Brainbug)

Mit dieser völlig sinnlosen Aussage eröffnete Angela Merkel ihr so genanntes „Statement“ zu einer überaus wichtigen Frage: Werden wir alle sterben Wie geht es weiter mit der Atomenergie? Denn obwohl versichert wird, dass letztere ‎“Sicher“ (Merkel) ist , sind nicht alle davon überzeugt. Es ist halt ein bisschen komisch zu behaupten eine Sache sei „sicher“, wenn einem genau diese Sache gerade im selben Moment um die Ohren fliegt. Was machen die Freunde der Sicherheit da? Den Irrtum eingestehen, Kehrtwende? Nein, das nicht, wir sind hier schließlich bei cdu/csu/fdp. Das muss also keinen Sinn ergeben, nur die Stammwählerinnen und Lobbyisten erfreuen. Ich weiß eigentlich nicht viel über die vielbeschworenen Lobbyisten. Aber die vielen merkwürdigen, völlig falschen Formulierungen, die man sich in letzter Zeit (auch früher schon) anhören muss, legen schon den Verdacht nahe, dass da jemand mit Geld nachhilft.

Sicherheit – Risiko – Gefahr

Vielleicht ein kleiner Einschub zur „Sicherheit“. Ist ja so: Die Welt ist voller kleiner und großer und ganz großer Risiken. Kann sein es regnet. Kleine Gefahr. Wenn ich morgens das Haus verlasse und mich entscheide, keinen Regenschirm mitzunehmen geh ich das Risiko ein, nass zu werden.1 Solche Diskussionen entwickeln sich ja oft zu einem angenommenen „Nullpunkt“: „Dann kann ich ja das Haus nicht mehr verlassen, weil es kann ja immer was passieren!“ Stimmt aber nicht ganz, denn: Ich kann ja auch zu Hause bleiben und dann stürzt ein Flugzeug drauf. Das ist die Gefahr! Kann man jetzt lachen über die Absurdität des Beispiels. Ich z.B. kann das nicht, ich habe erst vor kurzem erfahren, dass in meinem Stadtteil in den 90er Jahren ein Flugzeug abgesürzt ist. Kommt hinzu: wenn so was passiert hab ich das Flugzeug nicht gechartert. Ich hab auch überhaupt nicht damit rechnen können. Risiko? Gefahr? Des Einen Risiko ist des anderen Gefahr. Das gilt für nichts mehr als für Atomkraftwerke! Selbst wenn man von einem „nationalen Atomkonsens“2 ausgeht, wie man ihn gerne von Frankreich behauptet (und den es vielleicht auch gibt) – gegen radioaktive Strahlung hilft auch kein Frontex mehr.3

Daraus sollte Folgendes entnommen werden: Den Begriff „Sicherheit“ können wir bitte aus der Debatte streichen. Wer ihn benutzt disqualifiziert sich. Er ist unseriös. Sicher sind ganz wenige Sachen: Dass wir alle irgendwann sterben. Die Frage ist aber: Wann? (Und: wie?)

„Risiko“ ist also ein Begriff mit dem man sich die Zukunft „greifbar“ machen will, besser gesagt: berechenbar machen will. Man kommt auch nicht aus, wie ich gezeigt habe: Eine Risikoentscheidung nicht zu treffen eröffnet ein neues Risiko. Der Risikobegriff hat was mit der Art zu tun wie wir Gesellschaft und Natur in Verhältnis setzen: Grundsätzlich berechenbar. Irgendwie löst das Denken in Risiken – das ja gedanklich die Zukunft unter Kontrolle bringt – eine Kette von Risikominimierungsversuchen aus, an deren Ende das „Restrisiko“ steht. Und das hat’s in sich.

Jetzt: (Rest-?)Risiko?

Risiko wird üblicherweise durch eine einfache Formel errechnet:

Risiko = Schadenswahrscheinlichkeit x Schadenshöhe.

Da im Fall eines Super-GAUs die Schadenshöhe enorm hoch wäre, handelt es sich bei dem sogenannten “Restrisiko” also genau genommen um ein sehr hohes. Ich glaube es ist keine Einzelmeinung, wenn ich das Gefühl habe, die Vorsilbe “Rest” möchte ein gegenteiliges Gefühl erwecken. Keine Journalistin/Juristin/Politikerin sollte sie benutzen. Dass das Risiko sehr hoch ist bezeugt ja auch Unversicherbarkeit. Man kann der Versicherungsbranche sicher einiges vorwerfen, aber dass sie sich ein so “sicheres” (A. Merkel) Geschäft entgehen lässt halte ich für unwahrscheinlich. (s. auch den Beitrag bei Neusprechbolg)

Dumm nur, dass sich dieser „objektive“ Risikobegriff an berechenbaren Wahrscheinlichkeiten orientieren muss. Also die Eintrittswahrscheinlichkeit von Ereignissen berechnet, von deren Eintritt wir nichts wissen – aber wir wissen, dass die Wahrscheinlichkeit besteht. Zeigt sich aber, dass immer wieder Störfälle v on Ereignissen ausgehen, von denen wir nicht mal wissen, dass wir sie nicht wissen. Das ist das prinzipielle Problem, dass m.E. so oft falsch gedeutet wird: Wenn ein Störfall durch etwas „Unvorhersehbares“ induziert wird, darf das ja gerade nicht zur Beruhigung führen, dass wir „ansonsten“ alles unter Kontrolle haben.

Das Problem der nicht gewussten Gefahren durchzieht das ganze Leben, unvermeidlich. Man kann dagegen auch nichts tun. Man darf auch nicht in Panik verfallen. Man sollte sich nur fragen, ob man eine Grenze ziehen kann, welche Risiken man nicht mehr eingeht. Risikosoziologe Ulrich Beck hat mal eine vorgeschlagen, sie ist auch schon genannt worden: Die Versicherbarkeit…

Das Dilemma der Kernkraft-Befürworter

Spiegel Online schreibt vor ein paar Tagen, dass der Ausstieg aus der Kernenergie soundsoviele Milliarden kostet. Puh, teuer. Aber Wenn ich die Kosten einer Sache angebe aber nicht die Kosten der Alternative, ist das nicht ziemlich unseriös? Spaltbares Material muss beschafft und hinterher entsorgt werden (es gibt aber kein „Endlager“). Was das kostet! Vom „Restrisiko“ des Super-GAUs mal abgesehen. Spiegel macht also, vielleicht unabsichtlich, mal wieder pro-Atomenergie-Propaganda. Und das ist das Ärgerliche – die Befürworter sollen sagen: wir sind dafür, gibt billigen (naja!) Strom für’s Wirtschaftswachstum und unsere Designertrockenhauben. Ist das so schwer? Muss man da erst umständliche Moralkeulen zusammenbasteln?

Am besten hat mir ja das Argument gefallen, man dürfe das jetzt nicht diskutieren, weil es da Opfer in Japan gäbe. Das ist als würde man einen Mordfall aufklären und der Beschuldigte verteidigt sich mit den Worten: „Hier ist ein Mensch zu Tode gekommen und Soe wollen sich mit der Schuldfrage abgeben? Wie pietätlos!“ Dass man das ganze nicht „parteipolitisch instrumentalisieren“ soll ist in einer Parteiendemokratie ein Sprechverbot von Rechts. Schließlich ist die Atomenergie bei den zwei großen4 rechten Parteien zu Hause. Und die haben auch noch gerade eben erst den „Atomausstieg“ ganz abgeschafft. Darf man aber nicht kritisieren, ist ja Parteienpolitik. Das ist das Pietätlose: Die Opfer zu instrumentalisieren um Kritik zum verstummen zu bringen. Es ist halt jemand benennbares „schuld“ am Ausstieg aus dem Ausstieg. Daran ändern die vielen toten in Japan aber nichts. Und nebenbei versuchen die Rechten einmal mehr das, was sie den Linken (und überhaupt allen anderen) immer vorwerfen: Sprech- und Denkverbote zu installieren und Debatten zu unterdrücken.

Vorschlag und neue Risiken

Aber die Tragik geht leider noch weiter: Kernenergie wird steuerlich subventioniert, ist aber nicht versicherbar. Das heißt: Die Betreiberfirmen bekommen von den Steuerzahlerinnen Geld dafür, dass sie ein Risiko eingehen dessen negative Konsequenzen sie nur zu einem ganz geringen Bruchteil selber tragen müssten und für das es nicht mal eine Versicherung gibt. Das ist schon eine ziemlich einseitige Rechnung. Gut, es kommt Strom dabei raus (den wir aber den Betreibern abkaufen müssen, tja). Deshalb wäre meine erste Forderung, wenn es vom Standpunkt der Energieversorgung nicht möglich ist, alle AKW abzuschalten: Alle Betreiber müssen enteignet und die Energieversorgung in öffentliche Hand gelegt werden. Ich bin mir durchaus bewusst, dass eine Verstaatlichung nur halb so viel Spaß macht, wenn man den Staat in seiner gegenwärtigen Form nicht mag. Das ist mein Dilemma.
Außerdem sinkt dadurch natürlich nicht das technische Risiko (Stichwort Tchernobyl), aber man hätte den Lobbyistendruck weg und es gäbe auch keinen Profitanreiz mehr. Angesichts der ungerechten Profit- und Lastenverteilung versteh ich aber grundsätzlich nicht, wieso eine solche Technologie in Privatbesitz ist. Man könnte außerdem die Erlöse bis zur Abschaltung in die Optimierung der Sicherheitssysteme (ich weiß leider gerade kein besseres Wort) und in die Forschung nach alternativen Energien stecken. Aber an dem Punkt tut sich das nächste Dilemma auf, das unter dem Titel „Technological Fix“ firmiert: Die Lösung technisch induzierter (sozialer) Probleme durch neue Technologien. Das hat uns ja erst hierhin gebracht.5

Das bittere an der Sache ist natürlich, dass die Krise der Kernenergie in die Klimakrise Hineinplatzt.

Letztendlich braucht es einen teilweisen Ausstieg aus dem Energieverbrauch.

  1. Das Beispiel wie auch die Unterscheidung Risiko/Gefahr stammt von Niklas Luhmann. Den muß man nicht mögen, aber das spielt jetzt mal keine Rolle. []
  2. Übrigens irritiert mich der Sprachgebrauch mit „Atom“ immer stark: Ist ein „Atomkonsens“ nicht der Konsens darüber, dass alles aus Atomen besteht? Da wär ich evtl. dabei. Ich hab jetzt auch keine grundsätzliche Angst vor Atomen um sich. Ich glaub die Spaltung ist das Problem. Also ob man grundsätzlich aus den Atomen ausstiegen kann, da bin ich mir auch nicht ganz sicher. Aber ich bin kein Physiker. []
  3. In diesem Zusammenhang ist es übrigens interessant zu erfahren, dass es national unterschiedliche Wege zur Kernenergie gab. Der deutsche Weg ist durch einen „Push-Effekt“ gekennzeichnet: Als man mit der Planung deutscher Kernkraftwerke begann gab es keinen objektiven Bedarf dafür, aber einerseits das Gefühl, es könnte ihn bald geben, andererseits die Hoffnung, zum Exporteur von Kernreaktoren in die sog. 3. Welt zu werden. (vgl. J. Radkau 1992: Die Kerntechnik als historisches Individuum und als Paradigma. In: Technik und Gesellschaft, Jahrbuch 6. S. 79f.) []
  4. okay, eine große. eine inzwischen bedeutungslose, die aber durch einen dummen zufall ein paar witzminister ins kabinett geschmuggelt hat. []
  5. Naiver Anhänger dieser Variante ist übrigens Arnold Schwarzenegger, der will nicht die SUV genannten Freizeitpanzer verbannen, sondern Umweltfreundlichere Freizeitpanzer. Naja, dafür gibt’s in Österreich keine AKWs. In Kalifornien schon. []

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Über lausige Plagiate und ein paar Anmerkungen zum aktuellen Fall Guttenberg.

Selten blöde Plagiatsversuche
Mir sind in meiner bisherigen Tätigkeit1 folgende Plagiatvarianten aufgefallen, die ich mal auflisten möchte, weil sie einen gewissen Unterhaltungswert haben:

1. Plump bis zum Gehtnichtmehr: Ein Student hatte Wikipediatexte komplett ohne Veränderung übernommen. Also auch sämtliche Fußnoten, ohne aber den Fußnotentext zu übernehmen. Sprich: Auf Seite zwei einer vierseitigen Arbeit taucht auf einmal die Fußnote „32“ auf. Das macht natürlich die Korrektorin stutzig. Muss einem das nicht selber auffallen? Vielleicht geht man davon aus, dass die Sachen eh nie von irgendwem gelesen werden? Ich weiß es nicht.

2. Die Plagiatsoftware verarschen: Die Plagiatssoftware mit der ich gearbeitet habe funktioniert nach einem einfachen Schema: Sie durchsucht eine Datenbank nach gleichlautenden Textabschnitten, die zwischen zwei Satzzeichen stehen. Ein Student schien das System zu kennen, und baute einfach in seinen zusammengekleisterten Aufsatz viele Tippfehler ein und streute nach Zufallsprinzip – grammatisch natürlich völlig sinnlose – Kommas ein. Gleichzeitig waren die Seminarteilnehmerinnen aber angehalten, eine ausgedruckte Version abzugeben. Diese war grammatisch korrekt. Der Mensch hatte also vorsätzlich „seinen“ Text verschandelt, um die Software zu täuschen. Dumm nur dass ich gerade dadurch drauf gekommen bin.

3. Genre-Mashup: Jemand legt einen „Text“ vor, der diese Bezeichnung nicht verdient: Nur unvollständige Sätze, meist ohne Prädikat. Googlesuche ergibt sofort, dass es sich um ein Plagiat einer Powerpoint-Präsentation handelt. Die „Autorin“ hatte bei den einzelnen Stichpunkten einfach die Zeilenumbrüche weggemacht und Punkte eingefügt um seinen zusammenhängenden Prosatext zu simulieren. Das funktioniert halt nur so gar nicht.

4. Wer sagt jetzt was? Mitten im Text wandelt sich der Stil, und nicht nur ein bisschen. Auf eine grammatisch einwandfreie, stilistisch geschliffene Passage folgt eine „Meinungsäußerung“ in der das Wort „und“ nicht verwendet wird sondern nur „&“ – der Inhalt ist entsprechend „lässig“. Das könnte man ja nicht mal annehmen, wenn es komplette Eigenleistung wäre. Vor allem aber muss doch klar sein, dass die Korrektorinnen stutzig werden bei solchen augenfälligen Brüchen.
Lustig auch, wenn in einem holprig formulierten deutschen Text plötzlich Begriffe wie „3 Mk.“ „Chambre syndicale de fleurs et des plumes“, „Dessins für Atlasfond, Ripscrême“ u.v.a.m. auftauchen. Der Autor hatte Stellen aus dem über 100 Jahre alten Quelltext von Werner Sombart ohne Kennzeichnung in seine eigenen Sätze „eingebaut“. Liest sich lustig und gibt nicht den geringsten Sinn. Das ist natürlich Unfähigkeit und Unwissenheit und kein intendiertes Plagiat, mi Effekt bleibt es aber gleich.

Ich habe eine Vermutung, wieso dieses phantasielose Plagiieren so weit verbreitet ist: Bachelorstudentinnen bekommen permanent von der Hochschulleitung, von der Politik und weiß Gott vom wem noch erzählt, ihr Studium sei „praktisch“, „berufsbezogen“ oder „Praxisnah“ usw. Inwiefern soll aber die Auseinandersetzung mit Theorietexten „Praxis“ sein? Praktisch ist es aber durchaus, die zur Verfügung stehenden technischen Mittel zu verwenden um möglichst aufwandslos an den Titel zu gelangen, der zur Berufstätigkeit befähigen soll. Es sollte lieber „Bachelor of Googlesearch & Copypastry“ heißen. Es ist übrigens erstaunlich, wie viel Rückendeckung Plagiatoren in einer österreichischen Universitätsverwaltung und auch bei manchen Lehrenden erhalten. Dabei ist die Duldung von Plagiaten keineswegs „studierendenfreundlich“. Eher stößt man solche Studierende vor den Kopf, die nicht plagiieren um an einen Abschluss zu kommen.

Zu zu Guttenberg2

Unterdessen wittert der rechte, akademisch tendenziell eher unterbelichtete (Wagner!) Fanblock von offizieller CSU bis Bild-„Zeitung“ eine „politisch motivierte Kampagne“: „CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt kommentierte die Angriffe mit den Worten: ‚Deutschland hat eine geistvollere Opposition verdient als SPD und Grüne, die sich mit dem Abzählen von Fußnoten und Anführungszeichen in juristischen Dissertationen abmühen.‘“ (in der Welt.) Allerdings sind die paar fehlenden Anführungszeichen jetzt doch ein paar sehr viele geworden, wie man hier nachlesen kann.

Es ist ja sehr lustig, dass ausgerechnet die CSU-Leute sich über die Ordnungsverliebtheit von Guttenbergs Kritikerinnen mokieren. Sollte die CSU als Law-and-Order-Partei nicht besonders auf die Einhaltung von wissenschaftlichen Regeln und Urheberrechten pochen? Aber bei ihrem Star sind der CSU Gesetz und Ordnung völlig wurscht. Kritiker sind kleinkariert und politisch motiviert. Wenn das mal nicht eine politisch von rechts motivierte Verharmlosung von Urheberrechtsverletzungen ist!

Beruflich mach ich mir um Gutti aber keine Sorgen. Er ist ja jetzt quasi perfekt qualifiziert um in Bayern Wissenschaftsminister zu werden. Justizminister ginge auch noch. (Wer das jetzt für Quatsch hält, die erinnere ich an Otto Wiesheu und Wolfgang Schäuble.)

  1. Sie ist einschlägig, mehr sag ich hier nicht. Nehmt es mir bitte nicht übel, dass ich mich nicht genau über mein Blog identifizierbar sein möchte. []
  2. Gute Zusammenfassung der Vorfälle so far und das Wort „Frisurenbruder“ finden sich beim kotzenden Einhorn. Außerdem erinnert uns das Einhorn an den Fall Kristina Schröder. Da finde ich es allerdings am merkwürdigsten, dass ihre Diss so gar nicht einschlägig zu ihrem Arbeitsfeld ist. Jedenfalls ist sie weder familien- noch religionssoziologisch. []

Kommunismus – Nachtrag

Jetzt hab ich beim letzten Text vergessen das aufzuschreiben, was der ursprüngliche Anlass desselbigen war. Naja, so was kommt vor. Aber kann man ja nachtragen.

Ich bin ja jetzt nicht so wahnsinnig am „Kommunismus“ interessiert (wie man im letzten Post vielleicht ein wenig rauslesen konnte), sondern an Gesellschafts- und Kulturdiagnosen. Trotzdem ein paar Worte zur „Kommunismus-Debatte“: Diese ist ja ziemlich von semantischen Fragen durchdrungen. Dabei ist die einfache, bzw. komplizierte, aber grundlegende Frage: Was will die politische Linke? Vielleicht kann man sich drauf einigen: Was anderes als jetzt. Sprich: Veränderung der gegenwärtigen Verhältnisse. Das könnte man als Definitionsmerkmal der Linken heranziehen. Wenn sie bestehende Verhältnisse behalten würde, würde man sie schließlich als „konservativ“, und wenn sie sich bestehende Verhältnisse zusammenphantasieren würde als „liberal“ bezeichnen. Ich bevorzuge ja den Ausdruck „progressiv“ gegenüber „links“. Progressiv beinhaltet die Bewegung (Marx!) weg vom jetzt und gleichzeitig nach „vorne“ – was ja wichtig ist, denn reaktikonäre wollen auch Veränderung.1 Die Frage, ob man dieses angestrebte Andere „Kommunismus“ nennt oder anders ist dann eine semantische und eine strategische – schreckt der Begriff ab? Und wenn ja, will man Leute abschrecken? Als sesselfurzender Theorielinker wie ich will man das vielleicht wirklich. Aber wenn wirklich was passieren soll, muss eine progressive Bewegung populistisch sein. Geheimwissen nicht weiterzuverbreiten ist eine lustige Sache, aber man wird das kaum als Politik bezeichnen können. Mir ist Politik eh fremd, ich geh abends ungern aus dem Haus. Aber ich würde zu bedenken geben, dass die Verwendung solcher Begriff eine strategische Angelegenheit ist. Oder anders: Antje Schrupp hat glaub ich mal gesagt, sie verwendet das Label „Feminismus“, wenn sie glaubt, dass es irgendwelche Türen öffnet. Kann man das mit „Kommunismus“ nicht genau so halten?

  1. Die öffnung von Möglichkeitsräumen ist also nicht per se fortschrittlich, Frau Butler! []

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Aufruf zur sozialdemokratischen Revolution

Wer wenn nicht ausgewählte Vertreter12 einer geographisch noch zu definierenden Verwaltungseinheit?
Wann wenn nicht zum nächstmöglichen Zeitpunkt, heute jedoch nicht?
Warum wenn nicht teils aus Tradition, teils aus einer Anzahl aktueller Anlässe3?

Die Revolution muss in unseren Köpfen stattfinden. Und zwar ausschließlich dort.

  1. Auf weibliche Formen wird zugunsten besserer Lesbarkeit verzichtet. Gemeint sind selbstverständlich auch Sozialdemokratinnen. []
  2. Keine Moslems. Bitte Gentest mitbringen. []
  3. Vgl. Anhang []

Die Fefesierung der Diplomatie: Sechs Thesen zu Wikileaks

1. Die Reaktionen auf die Wikileaks-Enthüllungen stellen altbekannte Frontlinien wieder her

Die gute alte Frontlinie Bürger vs. „System“ (Regierung + Medien) ist wiederhergestellt, jedenfalls auf der Ebene des Klischees. Diverse PolitikerInnen (z.B. Hillary Clinton) und Journalisten (Hans Leyendecker –Au weia) eifrig dran, das nochmal allen klarzumachen und haben darin vermutlich mehr Erfolg als jeder oldschoolige linksradikale Agitator das haben könnte. Man kann geteilter Meinung sein, ob es auch in demokratischen Staaten Geheimhaltungszonen geben soll. Aber die Reaktionen vieler „westlicher“ Regierungen sprechen einfach die Sprache: Was wir hier Wichtiges tun geht das Volk nichts an. Transparenz des Regierungshandelns ist „Angriff auf die internationale Gemeinschaft“ (H. Clinton). Die teilweise drakonischen Strafforderungen von Regierungsseiten wirken alles andere als volksnah oder auch nur besonnen. Eher wie Schuldeingeständnisse und Panikreaktionen.

2. Die Wikileaks-Enthüllungen stempeln neoliberale „Transatlantiker_innen“ endgültig zu den Depp_innen der jüngeren Geschichte

Die kriecherischen so genannten „Transatlantiker_innen“ stehen nun endgültig als die Deppen der jüngeren europäischen Geschichte da. Schönstes Beispiel: die FDP, welche wie sich zeigt von den USA mittels eines Top-Informanten in den höchsten Kreisen ausspioniert wird, obwohl sie sich wie kaum eine andere Gruppierung den USA völlig willenlos andient, bzw. das seit geraumer Zeit versucht. Ironie der Geschichte: Diese Leute werden von ihren großen Vorbildern genauso wenig ernst genommen wie von allen anderen denkenden Menschen.

3. Die USA regieren nicht mehr die Welt

Die USA regieren nicht die Welt, sonst hätten die Diplomaten sicher Interessanteres zu berichten als das was man in einheimischen Medien eh nachlesen, bzw. sich selber denken kann (Merkel, Westerwelle, Niebel können nix, die Grünen sind global gesehen unwichtig und, und, und). Das zur sicheren Enttäuschung von Anti-amerika-Verschwörungstheoretikern und US-Patrioten und -Fans gleichermaßen. Deise teilen übrigens eh mehr oder weniger dasselbe Weltbild: Amerika-Hasser: USA=Weltmacht=Weltregierung=müssen wir bekämpfen und Amerika-Fans: USA=Weltmacht=Weltregierung=müssen wir uns ranschleimen.

4. Die Konzentration von Wikileaks auf die USA ist berechtigt, Kritik daran ideologisch und durchsichtig

Die Konzentration auf Enthüllungen der USA als „antiamerikanisch“ zu brandmarken ist falsch und durchsichtig ideologisch. Die Enthüllungen düpieren mindestens genauso auch Russen, Araber etc. als moralbefreite Opportunisten der Macht. Dass letztere böse sind wissen wir eh schon alle, das kann man auch überall (Springerpresse, Spiegel etc.) nachlesen oder sich vom Stammtisch seiner Wahl nacherzählen lassen. Die USA sind insofern das richtige „Zielobjekt“, weil sie ihre politischen Aktionen mit Vorliebe als Menschenfreundlichkeit ausgeben. JedeR weiß, dass das Blödsinn ist. Außenpolitik ist Machterhaltung und –Erweiterung. Abgesehen davon sind die USA immer noch globaler Hegemon (wenn auch nicht mehr so ganz stark wie einst, s. These 3). Es ist also völlig richtig, das Augenmerk besonders auf die USA zu legen.

5. Der Verbreitungsmechanismus der Leaks und deren Inhalte legen den Blick auf die Absurdität des Mediensystems frei.

Die Banalität der überwiegenden Mehrheit der Depeschen zeigt die Absurdität der globalen Informationsmaschinerie auf: Medien produzieren Meinungen -> Diplomaten
nehmen diese auf reproduzieren sie in ihren Depeschen -> Medien veröffentlichen diese Depeschen und reproduzieren damit ihre eigenen vorher produzierten Meinungen. Wir erfahren ja fast nichts wirklich Neues. Überraschend an den „Einsichten“ der Diplomaten ist ja nur, dass wir es nun nur Schwarz auf Weiß haben, dass sie nicht überraschend sind.

Dieser Pointe setzte Zeit-Online am Sonntagabend noch ein Krönchen auf: Dort durften gleich zwei JournalistInnen im Live-Ticker drüber schreiben, was sie bei Spiegel Online gerade so lasen. Ich möchte das als „Journalistische Logik des Spätkapitalismus“ etikettieren.

6. US-Diplomaten haben ein ähnliches Weltbild wie fefe

Man muss sich das mal klar machen: dass US-Diplomaten scheinbar ein ganz ähnliches Weltbild pflegen wie Verschwörungs-Guru fefe. Letzterer beömmelt sich auf seinem Blog seit der Veröffentlichung der Leaks fast ununterbrochen. Und er hat Recht!1. Ist das nicht unterhaltsam? Ich habe selten über „politische Verwicklungen“ so gelacht wie in den letzten zweieinhalb Tagen. Und es soll ja noch weiter gehen! Popcorn!

So, jetzt Musik:

Update: Au Weia, merke gerade, dass These 4 ein wenig eurozentrsich gedacht ist. Lesen ja auch nicht-Europäer_innen. Insofern wäre kompromittierendes Material über Diktaturen natürlich dringend geboten.
Die Veröffentlichung von kritischem Material über westliche Staatsapparate ist deshalb natürlich nicht weniger notwendig.

  1. Ich finde das ja eh toll, wie fefe in guten Momenten die Mythen der großen und kleinen Politik in guten Momenten einfach weiter- und umspinnt anstatt sich lang mit deren Dekonstruktion aufzuhalten. Aber das ist ein Thema, dass ich mal gesondert abhandeln möchte. []

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Wie Uli Edel mir mal die RAF schmackhaft gemacht hat

„Der Baader Meinhof Komplex“ (D, 2008 R: Uli Edel) ist ein reaktionärer Film. Eine für deutsche Verhältnisse relativ groß und nach Hollywoodregeln produzierte, fast zweieinhalbstündige Werbeanzeige für einen ordentlichen Staat. Ich will darauf gar nicht so sehr eingehen, wer an diesem Punkt anderer Meinung ist, braucht nicht weiter zu lesen, das will ich gar nicht mehr diskutieren. Interessanter ist, dass Edel genau in der Anwendung der Regeln für „ordentliches“ Filmemachen aus Versehen einen Subtext produziert, der die Idee RAF als utopisches Projekt anerkennt. Das klingt vielleicht ziemlich hanebüchen im ersten Moment, aber lass mich diese steile These erläutern.

Genau wie bei „Das Leben der Anderen“ handelt es sich beim „Baader Meinhof Komplex“ um keine Kritik eines Missstandes (sei es der RAF-Terror oder die Überwachung der DDR), sondern um Propaganda für die gegenwärtige Ordnung, für die RAF/DDR in ihrer Eigenschaft als allgemein anerkannte Schweinereien als Folie herhalten müssen. Zu Beginn des Films erfahren wir zwar noch was über hungernde Kinder in der dritten Welt und die Grausamkeiten der US-Armee in Vietnam. Aber nachdem diese Nebensächlichkeiten pflichtschuldig abgehakt sind, konzentriert man sich auf die Protagonistinnen und Protagonisten der RAF, insbesondere auf Andreas Baader (Moritz Bleibtreu). Und hier geht’s los, dass es eine reine Freude ist. Nicht lange nach Beginn des Films sehen wir, wie Baader in Italien binnen weniger Filmsekunden Horst Mahler mittels machohafter Sprüche zum Beklauen einer alten Dame animiert, Italiener als „Spaghettifresser“ beschimpft und Frauen sexistisch anbrüllt. Später wird er auf allerlei Kritik höchst aggressiv reagieren, sich über „Schwuchtelaktionen“ lustig machen und unliebsame Weggefährten brutal aus dem Weg räumen und einen erniedrigenden Stegreifvortrag gegen die Frauenemanzipation halten. Und für Leute die es dann immer noch nicht geschnallt haben, spricht, bzw. brüllt Baader noch diverse Male diverse Frauen als „Fotze“ an. Das ganze gespielt von Moritz Bleibtreu in genau dem Stil, in dem er eben alles spielt: pendelnd zwischen arrogant-genervter Coolness und unkontrolliertem Aufbrausen, immer mit dieser dauergenervten Bleibtreufresse, so dass ich zwischendurch das Gefühl hatte, in der soundsovielten Wiederholung von „Das Experiment“ oder „Solino“ gelandet zu sein. Also die Besetzung stimmt jedenfalls. Die Mitglieder der RAF, das lernen wir daraus, sind Charakterschweine und verraten sämtliche linken Ideale. Die nicht-gewalttätige Protestbewegung der damaligen Zeit kriegt auch einige wenige Szenen spendiert: Nach einer Rede von Dutschke wir „ho ho ho chi minh“ mit gereckter Faust im Chor gebrüllt. Später rottet sich eine linke Meute im Dunkeln mit Fackeln bewaffnet vorm Springer-Gebäude zusammen, Glas splittert wie Kristall in der Nacht, Druckwerk wird verbrannt. Diese Ikonografie kann nun wirklich jeder und jede Deutsche lesen.1 Kurz: BMK ist eine nicht gerade subtil verfilmte „Extremismus-These“.

Der Witz und das unabsichtlich Utopische liegt aber genau in dieser Personalisierungs-Strategien der Figur Baaders: Denn was ist das eigentlich für ein Argument „Die RAFler haben doch ihre Ideale verraten“? Legt das nicht die Lesart nahe, dass der eigentliche Geist der RAF gegen Unterdrückung und für Emanzipation war? Dass diese Ideale von Charakterschweinen wie Baader pervertiert wurden? Und dass die Ziele der RAF eigentlich richtig waren. Denn verraten kann man ja nur Ideale, die was taugen. Edel kapituliert argumentativ vor der RAF-Ideologie, ja glorifiziert sie (vermutlich 😉 ) unfreiwillig, wenn er immer aufs verkommene Individuum Baader ausweichen muss, um seine „Kritik“ am RAF-Terror zu belegen. Muss ich daraus nicht lesen, dass aufgeklärte, gütige Terroristen „guten Terror“ (Robespierre) gemacht hätten? Für die Menschen! In der neoliberalen Ideologie steht und fällt halt alles mit dem Individuellen Einsatz und der individuellen Integrität.

Ich würde aber noch eine Pointe draufsetzen: Edel bedient sich bei seiner Feindbildkonstruktion einer Technik, die man gerade von intellektuell eher einfach gestrickten Alt-68erInnen lernen konnte und kann und die vielen heutigen Linken mit gutem Grund suspekt ist. Nämlich dass die Kritik am kapitalistischen System in seiner Abstraktheit auf einzelne Personen umgemünzt wird. Auf „Bonzenschweine“ zum Beispiel – scheiß auf die „Charaktermasken“ (Marx). Angesichts der zahlreichen in den 60ern und 70ern noch aktiven Nazis in wichtigen Posten waren die Vorlagen für diese Strategie nicht schwer zu finden und sie war populistisch. Deshalb – so wohl das Kalkül Edels – funktioniert es auch für einen groß angelegten Film über die RAF. Und so sieht er sich gezwungen zumindest Baader als Person als Scheusal zu inszenieren. Als „Terroristenschwein“ eben.2
Das Problem, dass sich aufmerksamen Zuseherinnen eine andere als die intendierte Lesart aufdrängt liegt vielleicht daran, dass Edel der gesamten Linken die Legitimität abspricht und nicht nur den gewalttätigen RAFlern. Als einzige Alternative bekommt man nur die eine angeboten, die keine ist: Der Staat mit seinen Vertretern, die doch eh so verständnisvoll sind. Die die „Gründe“ des Terrors (Armut, Hunger, Unterdrückung) kennen und benennen und bekämpfen wollen. Alle Weisheit ist schon in unseren Staatsapparaten! Opposition ist also immer Mist. Wir wissen doch um die Probleme, ja es gibt sie, keiner leugnet das, wir arbeiten dran… Für die Menschen!

Gus van Sant hat das in „Milk“ geschickter gemacht: Radikale tauchen hier auch auf und dürfen ihre Argumente vortragen. Aber letztendlich lernen wir: der gemäßigte, die staatlichen Instanzen akzeptierende Weg ist der richtige und effektive – und: Lächeln und Anzug tragen – es sieht auch gut aus bei Sean Penn! Wenigstens darf Harvey Milk in seinem Film doch ein bisschen oppositionell sein. Edel schränkt die Auswahl an politisch Vernünftigem so sehr ein, dass man schon aus Trotz zu den Terroristen hält.

Bleibt noch die Frage, warum ausgerechnet im Jahr 2008 so ein Projekt mit der ersten Riege deutscher FilmschauspielerInnen aufgezogen wird? Man ist angesichts der gegenwärtigen Terrorpanik versucht, die ganz billige Erklärung heranzuziehen. Denn Rasterfahndung und Großeinsätze der Polizei nickt der Film en passant als wirksame und unproblematische Verfahren ab. Hm, nicht so überraschend, oder? Interessanter vielleicht die Frage, wieso man 144 Minuten braucht, um das zu sagen? Ich weiß es auch nicht, aber Edel war sich wohl bewusst, dass diese Länge ein ziemliches Problem sein könnte. Und deshalb schweift der Blick des Betrachters immer dann wenn die Langeweile übermächtig zu werden droht (und das ist nicht selten) über die straffen Brüste der RAF-Actiongirls oder begafft sie sie mit dicken Wummen in der Hand posierend. Lechz. Man könnte fast meinen, Baader – so wie er im Film charakterisiert wird3– hätte persönlich Regie geführt.

  1. Wo ich schon bei alternativen Lesarten bin: Ist das nicht eine Verharmlosung des 3. Reichs? []
  2. bei den Frauen klappt das nicht so, dazu sind auch die Schauspielerinnen zu sehr „Hot Chicks“ – ich komme drauf zurück – sie werden erst gegen Ende als hysterische Spinnerinnen abgearbeitet. []
  3. Diesen kleinen Gag auf Twitter konnte ich mir nicht verkneifen []

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