Vorwort zur Neuauflage
Um den Text gab es ganz schön Wirbel. Ich habe ihn gestern Abend wieder offline gestellt, weil meine größte Befürchtung wahr geworden ist: Jemand hat es so verstanden als würde ich die Theorie gegen feministische Aktivistinnen ausspielen wollen und sozusagen sagen: Ätsch, ihr habt gar keine Ahnung. Mir fällt gerade auf, dass ich genau diesen Eindruck mit der ersten Fußnote verstärkt habe, obwohl diese ihn abschwächen sollte, aber sie war schlampig formuliert. Ich hab sie deshalb entfernt. Durch einige Formulierungen entstand der Eindruck, ich würde feministische Theorie insgesamt kritisieren. Das wollte ich aber genau nicht.
Es geht in dem Text um Gender-Theorie. Ich erzähle in dem Text ja nichts Neues, ich gebe nur Entwicklungen wieder, die vielen eh bekannt sind. Manche finden das vielleicht überflüssig. Aber manche erfahren dadurch scheinbar auch eine Perspektive, die sie so nicht kannten. Deshalb glaube ich, hat der Text seine Berechtigung.

Dass Julia Seeliger sich so stark dadurch angegriffen fühlt, weil ich einen Satz von ihr als Aufhänger benutze, finde ich schade. Allerdings glaube ich nicht, dass es ein (impliziter) Sexismusvorwurf ist, wenn man eine andere theoretische Perspektive auf eine Sache gewinnt. Wenn das so wäre, könnte man ja gar keine Theorie mehr betreiben, ohne das jemand die/der das nicht so sieht, sich angegriffen fühlt. Natürlich: Wenn man sich an einer Debatte beteiligt ist man davon überzeugt eine Perspektive beizutragen, die „richtiger“ ist als die der anderen Teilnehmer_innen. Sonst müßte man nicht an der Debatte teilnehmen. Ich finde, man sollte daraus nicht heftige und schon gar keine persönlichen Vorwürfe ableiten. Ich kann nur sagen, dass ich wirklich niemandem mit diesem Text an’s Bein pinkeln will.

Da der Text ja eh online zu finden ist und an ich an seinem theoretischen Gehalt selbst keine Zweifel habe, stelle ich ihn in einer überarbeiteten Version wieder online. Es gab ja auch Lob für den Text und Rückendeckung, wofür ich mich sehr bedanke. Es ist, wenn man sich äußert, immer die Unsicherheit dabei, das Leute sich angegangen fühlen, die man eigentlich unterstützen will. Das ist jedenfalls meine größte Sorge.1

Vorwort Ende

Geschlecht und Praxis, Geschlecht und Technik und die Kritik an Geschlechtersozialisationstheorien

Julia Seeliger 2
schreibt in einem Blogeintrag Folgendes:

„Frauen haben weniger Muskeln als Männer. Bei gleichem Training können sie weniger aufbauen. So ist das.“

Das ist ein interessanter Satz, bzw. 3 Sätze. Zunächst muss man ja zustimmen: Ja, Frauen und Männer sind halt unterschiedlich, also körperlich jetzt. Aber dann denke ich mir doch: Das ist schon eine sehr spezifische Behauptung.

Ich sage: Der Satz ist schon das Ergebnis einer kulturellen Formation.

Diese Behauptung hat sicher ein paar Leute erschreckt/erbost/wütend gemacht. Aber ich will das erklären. Der Satz von Seeliger macht einige Voraussetzungen: Das gleiche Training. Aber das reicht noch nicht. Es müssen auch individuell gleiche Voraussetzung geschaffen sein, denn manche Frauen setzen z.B. schneller Muskeln an als Männer. Es gibt eine enorme Varianz innerhalb der Geschlechter. Das heißt man müsste also ganz bestimmte „Paarungen“ zum Vergleich bilden, in denen möglichst viele Variablen konstant gehalten werden. Mit anderen Worten: Der obige Satz „ist so“ nur unter sehr spezifischen Bedingungen, quasi unter Laborbedingungen. Diese Laborbedigungen werden dann unter den Tisch fallen gelassen und der Satz wird wie eine Allgemeine Wahrheit behandelt, die uns an „die Unterschiede“ erinnert. Es gibt tausende solcher Sätze, wir begegnen ihnen täglich, dieser ist mir nur gerade aufgefallen. Die Frage ist dann: wieso werden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei aller Varianz innerhalb der Geschlechter so betont? Das war die Frage von Erving Goffman. Goffman ging von einem natürlichen Geschlechterunterschied aus, den man in einer Technozivilisation aber leicht ausgleichen könnte. Stattdessen wird ein enormer Aufwand betrieben, ihn zu verstärken und gesellschaftlich bedeutsam zu machen.
Goffman erklärt ein ähnliches Beispiel3, nämlich die Behauptung, Männer seien im größer als Frauen. Aber woher wissen wir das eigentlich? Wenn wir eine Masse an Leuten vor uns haben, Männer und Frauen (und sonstige) verschiedenen Alters usw. beispielsweise auf einem Platz – da sehen wir das ja gar nicht. Goffman beschreibt nun, dass es kulturelle Normen und ein Wissen um sie gibt, z.B. bei der heterosexuellen Partnerwahl: Der Mann soll größer sein als die Frau. Die Partnerwahl – eine Praxis – wird institutionalisiert in der zweigeschlechtlichen, heterosexuellen Zweipersonenehe4. Der Effekt ist, dass wir überwiegend Paare sehen, bei denen der Mann größer ist als die Frau. Was wiederum – da sind wir am Anfang der Kette – unser Wissen über Männer und Frauen bestätigt. Wissen – Praxis – Institutionen: Goffman nennt diesen Zusammenhang „institutional reflexivity“: Die Praxis bestätigt unser Wissen und wird präformiert durch Institutionen. Das Wissen wiederum wird in Institutionen gespiegelt. Dieses Schema kennt keinen Start- und Endpunkt.

Will Goffman damit die biologischen Unterschiede „wegerklären“? Nein, er will nur zeigen, dass viele dieser „Selbstverständlichkeiten“ über Männer/Frauen Ergebnisse kultureller Konstellationen sind, nicht deren Grundlage. Das Wissen über die Biologie ist kulturell erzeugt, die Biologie gewinnt ihre gesellschaftliche Bedeutung durch einen gesellschaftliche Konstruktionsprozess. Ich will nur sagen, dass man die Unterschiede zwischen den Geschlechtern – auch die Körperlichen! – eben auch erstmal „herbeierklären“ muss.
Mit der Körperkraft ist das natürlich ganz ähnlich. Unser Wissen darüber wird institutionell – z.B. in der Wissenschaft unter Laborbedingungen erzeugt, die Praxis sieht unterschiedliches Training für Männer und Frauen vor, in Höflichkeitsregeln gibt es geschlechtliche Zuweisungen die an die unterschiedliche Konstitution erinnern sollen (das ist ihr einziger Zweck! Oder glaubt ihr das Frauen zu schwach sind, eine Tür zu öffnen) usw.

Das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit – oder: Die Kritik der Sozialisationstheorien

Nehmen wir das klassische „Ernährer-Modell“ der Familie. Stellen wir uns das Klischee vor, das es ja so real gelebt wirklich gibt: Sie macht den Haushalt, schleppt Kinder und Einkaufstaschen5 durch die Gegend usw. Er: sitzt sich den Hintern im Büro platt, abends Bier und jede Menge essen. Jetzt: Wer hat mehr Körperkraft? Also ich würde mich nicht trauen, das mit Sicherheit zu entscheiden. Aber wir können fast sicher sein, dass, wenn man die beiden Akteur_innen (und die Kinder) befragt, ein eindeutiges Ergebnis rauskommt: Er ist natürlich viel stärker. Sie haben ja das abstrakte Wissen um die Ordnung der Geschlechter im Kopf und in der Praxis leben sie die entsprechenden Rituale. Nur gerade die Praxis, ich glaube, die unterwandert das dennoch oft ein bisschen. Wenn man seine Vorurteile, also sein Geschlechterwissen ausschaltet sieht man da oft was, was nicht so ganz ins Bild passt.
Ich habe vergangene Woche aber den Eindruck bekommen, dass selbst manche Feminist_innen das übersehen.6 Unterschiede werden dadurch betont und durch „Sozialisation“ erklärt und auch essenzialisiert. Natürlich ist Sozialisation ein erheblicher Faktor beim Geschlecht. Aber auch nicht alles! Ich habe oben darauf hingewiesen: Ich würde Geschlecht, genauer gesagt: Das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit eher als Effekt gesellschaftlicher Ordnung verstehen. Die heterosexuelle Zweigeschlechtlichkeit ist durch scheinbar banales wie Zweier-Sitze im Bus genauso präformiert wie durch spezifische im Labor erzeugte Messergebnisse von DNA-Sequenzen usw. die dann oft populärwissenschaftlich vereinfacht auch in sog. „Qualitätszeitungen“ dargestellt werden und dort in aller Regel unserem Alltagswissen angenehm schmeicheln.
Ich wollte nur sagen: selbst unser banalstes Wissen über Geschlechtskörper, sogar über die Körpergröße, ist in kulturellen Praktiken erzeugt und wird durch sie relevant gemacht. Gleichzeitig ist das Wissen so verfestigt, dass es selbst eklatante Widersprüche es nicht aushebeln. Die Selbstverständlichkeit bleibt. Und leider trägt eine Überbetonung der Sozialisationstheorien dazu bei, das Wissen über die Unterschiede zu verfestigen anstatt es zu hinterfragen.7

Geschlecht und Internet
Ich will noch ein Beispiel geben, das mich erst darauf gebracht hat: Geschlecht und Technik. Kadda Rönicke präsentierte in ihrem Vortrag auf der re:publica unter anderem Umfragen, nach denen Frauen das Internet quantitativ weniger nutzen und „weniger technisch“ als Männer. Nun, ich weiß nicht genau, was das „weniger technisch“ in dem Kontext bedeutet. Aber das ist auch nicht so wichtig. Die Referentin erklärte die vorgefundenen Unterschiede mit unterschiedlicher Geschlechtersozialisation. Das ist bis zu einem gewissen Grad sicher so, aber ich glaube, das stimmt nur teilweise.

Das Methodische Problem: Solche quantitativen Befragungen sind unheimlich „weiche“ Daten, wenn es um die gelebte Praxis geht. Die Praxis beim Ausfüllen eines Fragebogens ist: Dasitzen, Lesen, Ankreuzen. Also eine andere Praxis als die, die abgefragt wird. Etwa: wie häufig nutzen sie das Internet? Es geht also nicht um die Beobachtung von Praktiken sondern um Selbstauskünfte und Selbstzuschreibungen. Das heißt, die Befragung hat eigentlich streng genommen das Ergebnis, dass Frauen und Männer unterschiedliche Auskünfte über ihre Online-Praxis geben. – Das wäre das „harte“ Datum der Befragung.
Aus der Technikgeschichte wissen wir, dass es historisch wechselt, was als „Technik“ gilt. Das ist eng mit dem Verknüpft, was als „männlich“ oder „weiblich“ gilt: Technologien (wie übrigens der Computer!) wechseln ihre Geschlechts- und damit Technikzuschreibung. Gleichzeitig hat das hierarchische Effekte zuungunsten der Kategorie „weiblich“. Die frühen Computerprogrammierinnen machten einen wenig angesehenen, nichttechnischen Frauenberuf, Sekretäre hingegen waren mal hochgestellt. Usw.
Wenn wir nun zurück zur Umfrage kommen, liegt meiner Meinung nach ein besseres, oder sagen wir: ergänzendes Argument zur Sozialisation vor. Die befragten Männer und Frauen beschreiben ihr Online-Verhalten in opportun geschlechtlicher Weise. Das ist natürlich auch gelernt, also ansozialisiert. Aber die über-individuellen Zuschreibungen was als „weiblich“ gilt und was nicht, was als „technisch“ gilt und was nicht, sind Effekte gesellschaftlicher Ordnung. Über die tatsächliche Nutzungspraxis können wir aus den erwähnten Umfragen jedenfalls keine sicheren Erkenntnisse ziehen.

  1. @umwerfend1 und @lantzschi haben mich auf einige sehr falsche Formulierungen aufmerksam gemacht. Danke auch hierfür. []
  2. In Seeligers Text geht es aber eigentlich um Cyberfeminismus, dazu sag ich jetzt nix, ich war nicht bei der Veranstaltung. []
  3. Goffman, Erving: Das Arrangement der Geschlechter In: Knoblauch, H. [Hg.]: Interaktion und Geschlecht, Frankfurt a.M.: Campus 2001 [1977], S. 105-158. []
  4. Ja warum eigentlich genau zwei? Das ist eine sehr gute Frage! []
  5. Das Beispiel habe ich von Paula-Irene Villa. []
  6. Wenn ich es mir recht überlege waren es eigentlich nur zwei Leute. Ich will gar niemandem Vorwürfe machen, wenn er/sie den Theoriekram nicht so gut kennt. Ich hoffe das wird hier nur als Ergänzung, nicht als Angriff verstanden! []
  7. Ich bin bei weitem nicht der erste, der das bemerkt. Eine Übersicht findet sich in: Renate Nestvogel: Sozialisationstheorien. In: Becker, Ruth/ Kortendiek, Beate (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. S. 163-164. []