Haaf/Streidl/Klingner1 beschreiben unter der Überschrift „Warum wir das Netz erobern müssen“ das scheinbar paradoxe Phänomen, dass ausgerechnet junge Frauen (die doch von allen vorangegangenen Wellen des Feminismus profitiert haben) ausgerechnet im Internet (von dem wir dachten, dass Geschlecht als Ordnungskategorie in hm unwichtig wird) von sich aus gerne mal die Hüllen fallen lassen und – ganz ohne gebieterischen Macker im Hintergrund –geradezu ostentativ ein selbst-objektifizierende, unterwürfige (selbstgemachte Fotos von schräg oben mit tiefem Ausschnitt!) Weiblichkeit 2 zelebrieren. Wie konnte es soweit kommen bei solchen Voraussetzungen?

Meine These ist, dass mit dem zurückgehen klassischer Geschlechternormen seit den 1960er Jahren der Körper als Kriterium der Geschlechterdifferenz umso stärker gemacht wird. Wenn die „Natürlichkeit“ der Geschlechterrollen infrage gestellt wird, wird Konsequenz die Natürlichkeit des „natürlichen Körpers“3 zum Fetischobjekt der geschlechtlichen Ordnungsbildung. Es kommt noch ein Klassenfaktor hinzu: Insbesondere diejenigen, die über wenig soziales, ökonomisches und kulturelles Kapital verfügen, kultivieren aus dem Mangel heraus den eigenen Körper. Die MySpace-Babes sind also gar nicht so „kurzsichtig und dumm“ (135-136), sondern schlau und machen das Beste aus der Not. Mit Bourdieu kann man Geschlechternormen klassenspezifisch denken: Unterschichts-Weiblichkeit und bildungsbürgerliche Weiblichkeit (als Beispiele) funktionieren je unterschiedlich, auch im Hinblick auf die „Zivilisierung“ und Kultivierung des eigenen Körpers. Insofern blicken die Alphamädchen, vermutlich ohne es zu wollen, herab auf eine Weiblichkeit die ihnen fremd ist, und sehen mit ihrem bildungsbürgerlichen Blick – aus ihrer Position heraus auch konsequent – nicht eine schichtspezifische Strategie mit der Not umzugehen, sondern ein antifeministisches Fehlverhalten. Im Klappentext des Buches steht sinngemäß, dass der Feminismus jungen Frauen hilft, den Alltag besser zu meistern. Ja, kann sein. Aber für andere sind es genau diese alltäglichen Konstellationen, die wir als Machtverhältnisse analysieren, die Sicherheit im Alltag geben. Das ist die soziologische Kehrseite einer im weitesten Sinn mit foucaultschen Begriffen betriebenen Machtanalytik, die hier und da und überall – auch bei mir – virulent ist: Die alltäglichen Macht-Wissen-Regime helfen vielen Leuten eben auch, sich zurechtzufinden, sich eine eigene Identität zu konstruieren und sich einen – wenn auch kleinen – Spielraum darin und damit zu schaffen (sagt übrigens Judith Butler auch). Sie sind eben nicht nur einfach brutal unterdrückend, sie produzieren (Foucault!) sehr klare Möglichkeiten die gerade deshalb als solche wahrgenommen werden, weil sie so eng begrenzt sind. Sich selbst an der eigenen Heteronormalisierung zu beteiligen ist aber auf der anderen Seite auch keine Option, die die meisten Leute man nach Lust und Laune verwerfen könnten. Die Konsequenzen sind nämlich mitunter handfest:4 Einsamkeit, verminderte Chancen auf Märkten aller Art (Partner-, Arbeits-, usw.)5. Bis hin zu körperlichen Angriffen. Aber es sind – ich wiederhole mich – eben nicht nur Zwänge, sondern auch Möglichkeiten, vielleicht sollte man eher sagen: die Verlockungen. Die Verlockungen des Normalseins.
Die alltägliche Macht der (Hetero-)Normalisierung besteht also in einem Verhältnis von „Möglichkeit : Beschränkung“ und das ist klassenspezifisch je unterschiedlich. Das erklärt auch die scheinbar paradoxe Tatsache, dass „viele Mädchen nicht einmal einen Chauvinisten dazu brauchen, sie machen sich ganz selbstständig zu leblosen Wichsvorlagen“ (130).

Die Begriffe „Lookismus“ und „Bodismus“ sind, soweit ich sie verstehe, dazu angetreten, den affirmativen Umgang mit körperlichen Differenzen zu kritisieren, analog zu Rassismus6 etwa. Letzterer hat ja eine ähnliche Geschichte: Die Biologisierung und Naturalisierung einer hierarchischen Differenz in Folge des Auftretens formaler Gleichheitsnormen mit der Aufklärung. Ich würde behaupten, dass biologistische Theorien der Geschlechterdifferenz weniger wissenschaftlich, d.h. als Erklärung und/oder Beschreibung, sondern als Anleitung und Bestätigung der eigenen Praxis (die Alphamädchen sehen das mit der Bestätigung auch so übrigens) gelesen werden.

Einen anderen Abschnitt überschreiben sie mit „Gilt immer noch: Mein Bauch gehört mir“ (77) – also DAS denken sich die Fastnacktmädchen von MySpace (ja, die sind immer noch auf MySpace – Klasseneffekt würd ich sagen) ganz sicher auch! Das ist ja die Pointe: Dass das Selbstbestimmungs-Narrativ sich so hervorragend in ein Selbst-Regierungs-Regime einpasst – „Mein Bauch gehört mir, ich kann Fettabsaugen, ihn piercen und ins Internet stellen so viel ich will.“7 Die Alphamädchen meinen, das seien Pubertäts-Späßchen, die es schon früher gab, aber eben nicht ins Internet gestellt wurden, wo sie ihrer Meinung nicht hingehören. Stimmt auch, greift meiner Ansicht nach aber zu kurz (siehe oben). Die Vermutung liegt nahe, dass die einen (bornierte Unterschicht) das eher auf ihre Körper, die bornierte Mittelschicht (das sind „wir“!) dieses Selbst-Regierungs-Regime eher auf ihre Arbeitsmoral anwenden. Letzteres ist ja umfangreich beschrieben worden, Stichwort Chiapello/Boltanski: „Neuer Geist des Kapitalismus“. Und viele andere mehr.

Heißt: Die von den „Alphamädchen“ beschriebenen Beobachtungen sind nicht falsch, ich möchte sie nur in einen größeren Rahmen stellen. Sie schreiben auch, dass die Frauen mitschuld seien, wenn sie sich selbst objektifizieren und rufen dazu auf, es anders zu machen. Ja, stimmt auch irgendwie. Aber bei individualistischen Aufrufen und voluntaristischen Vorstellungen über „einfach mal anders machen“ wird mir immer ein wenig unbehaglich. Ich hoffe, meine obigen Andeutungen über die größeren Zusammenhänge erklären dieses Unbehagen vielleicht ein wenig.

 

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VERANSTALTUNGSHINWEIS
Zu einem ganz ähnlichen Thema diskutieren am 13.04. auf der Re:Publica interessante Leute, u.a. die Alphamädchen-Autorin Meredith Haaf, unter dem Titel „Guck mal, wer da spricht
Wieviel Pluralismus kann die deutsche Blogosphäre?“

Das wird, soweit ich weiß, auch gestreamt. Details: hier klicken.

 

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  1. Haaf, M./ Klingner, S. / Streidl, B. 2008: Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht. Blanvalent Verlag, München. []
  2. Den Boom der halbnackten Mucki-Pics bei jungen Männern ignorieren sie. Kann man aber, glaub ich zusammenfassen. []
  3. Ich hab mir sagen lassen, unter jungen Frauen gilt Körperbehaarung bei Männern als unsexy. Es gehört also ein enormes kulturelles Wissen dazu, welche Körper gerade der heterosexuellen Natur entsprechen. Den Bart hab ich mir abrasiert, man tut ja was man kann. []
  4. Hier muss ich den Soziologinnen und Soziologen einen Vorwurf machen, die das vielzitierte „Suchen nach Sicherheit“ entweder als Spielerei, die aber doch irgendwie angenehm ist, oder aber als anthropologische Eigenschaft darstellen. Nein, es handelt sich um eine Überlebensmaßnahme innerhalb eines Machtgefüges und ist einer sozialen Notwendigkeit geschuldet! Das erfahren Mittelschichtsangehörige, die nicht irgendwelche Behinderungen oder sonstige „Stigma“ tragen nur selten in dieser Intensität, vermute ich. []
  5. Auch so ein Aspekt der beim Lesen Unbehagen bereitet: Die Alphamädchen unterstellen die meiste Zeit eine Leserin, die auf diesen Märkten bereits einigermaßen integriert ist und nun vor den bekannten Wahlmöglichkeiten steht: Familie oder Karriere. Das ist eine relevante Perspektive, ohne Frage, aber eben eine sehr partikulare. Das wissen sie aber durchaus selber, also das ist jetzt kein Vorwurf. []
  6. vgl. Mark Terkessidis: Psychologie des Rassismus []
  7. Den Gedanken habe ich von Paule Irene Villa, ich glaube er steht ausgeführt in dem von ihr herausgegebenen Band „Schön Normal“. []