Selten blöde Plagiatsversuche
Mir sind in meiner bisherigen Tätigkeit1 folgende Plagiatvarianten aufgefallen, die ich mal auflisten möchte, weil sie einen gewissen Unterhaltungswert haben:

1. Plump bis zum Gehtnichtmehr: Ein Student hatte Wikipediatexte komplett ohne Veränderung übernommen. Also auch sämtliche Fußnoten, ohne aber den Fußnotentext zu übernehmen. Sprich: Auf Seite zwei einer vierseitigen Arbeit taucht auf einmal die Fußnote „32“ auf. Das macht natürlich die Korrektorin stutzig. Muss einem das nicht selber auffallen? Vielleicht geht man davon aus, dass die Sachen eh nie von irgendwem gelesen werden? Ich weiß es nicht.

2. Die Plagiatsoftware verarschen: Die Plagiatssoftware mit der ich gearbeitet habe funktioniert nach einem einfachen Schema: Sie durchsucht eine Datenbank nach gleichlautenden Textabschnitten, die zwischen zwei Satzzeichen stehen. Ein Student schien das System zu kennen, und baute einfach in seinen zusammengekleisterten Aufsatz viele Tippfehler ein und streute nach Zufallsprinzip – grammatisch natürlich völlig sinnlose – Kommas ein. Gleichzeitig waren die Seminarteilnehmerinnen aber angehalten, eine ausgedruckte Version abzugeben. Diese war grammatisch korrekt. Der Mensch hatte also vorsätzlich „seinen“ Text verschandelt, um die Software zu täuschen. Dumm nur dass ich gerade dadurch drauf gekommen bin.

3. Genre-Mashup: Jemand legt einen „Text“ vor, der diese Bezeichnung nicht verdient: Nur unvollständige Sätze, meist ohne Prädikat. Googlesuche ergibt sofort, dass es sich um ein Plagiat einer Powerpoint-Präsentation handelt. Die „Autorin“ hatte bei den einzelnen Stichpunkten einfach die Zeilenumbrüche weggemacht und Punkte eingefügt um seinen zusammenhängenden Prosatext zu simulieren. Das funktioniert halt nur so gar nicht.

4. Wer sagt jetzt was? Mitten im Text wandelt sich der Stil, und nicht nur ein bisschen. Auf eine grammatisch einwandfreie, stilistisch geschliffene Passage folgt eine „Meinungsäußerung“ in der das Wort „und“ nicht verwendet wird sondern nur „&“ – der Inhalt ist entsprechend „lässig“. Das könnte man ja nicht mal annehmen, wenn es komplette Eigenleistung wäre. Vor allem aber muss doch klar sein, dass die Korrektorinnen stutzig werden bei solchen augenfälligen Brüchen.
Lustig auch, wenn in einem holprig formulierten deutschen Text plötzlich Begriffe wie „3 Mk.“ „Chambre syndicale de fleurs et des plumes“, „Dessins für Atlasfond, Ripscrême“ u.v.a.m. auftauchen. Der Autor hatte Stellen aus dem über 100 Jahre alten Quelltext von Werner Sombart ohne Kennzeichnung in seine eigenen Sätze „eingebaut“. Liest sich lustig und gibt nicht den geringsten Sinn. Das ist natürlich Unfähigkeit und Unwissenheit und kein intendiertes Plagiat, mi Effekt bleibt es aber gleich.

Ich habe eine Vermutung, wieso dieses phantasielose Plagiieren so weit verbreitet ist: Bachelorstudentinnen bekommen permanent von der Hochschulleitung, von der Politik und weiß Gott vom wem noch erzählt, ihr Studium sei „praktisch“, „berufsbezogen“ oder „Praxisnah“ usw. Inwiefern soll aber die Auseinandersetzung mit Theorietexten „Praxis“ sein? Praktisch ist es aber durchaus, die zur Verfügung stehenden technischen Mittel zu verwenden um möglichst aufwandslos an den Titel zu gelangen, der zur Berufstätigkeit befähigen soll. Es sollte lieber „Bachelor of Googlesearch & Copypastry“ heißen. Es ist übrigens erstaunlich, wie viel Rückendeckung Plagiatoren in einer österreichischen Universitätsverwaltung und auch bei manchen Lehrenden erhalten. Dabei ist die Duldung von Plagiaten keineswegs „studierendenfreundlich“. Eher stößt man solche Studierende vor den Kopf, die nicht plagiieren um an einen Abschluss zu kommen.

Zu zu Guttenberg2

Unterdessen wittert der rechte, akademisch tendenziell eher unterbelichtete (Wagner!) Fanblock von offizieller CSU bis Bild-„Zeitung“ eine „politisch motivierte Kampagne“: „CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt kommentierte die Angriffe mit den Worten: ‚Deutschland hat eine geistvollere Opposition verdient als SPD und Grüne, die sich mit dem Abzählen von Fußnoten und Anführungszeichen in juristischen Dissertationen abmühen.‘“ (in der Welt.) Allerdings sind die paar fehlenden Anführungszeichen jetzt doch ein paar sehr viele geworden, wie man hier nachlesen kann.

Es ist ja sehr lustig, dass ausgerechnet die CSU-Leute sich über die Ordnungsverliebtheit von Guttenbergs Kritikerinnen mokieren. Sollte die CSU als Law-and-Order-Partei nicht besonders auf die Einhaltung von wissenschaftlichen Regeln und Urheberrechten pochen? Aber bei ihrem Star sind der CSU Gesetz und Ordnung völlig wurscht. Kritiker sind kleinkariert und politisch motiviert. Wenn das mal nicht eine politisch von rechts motivierte Verharmlosung von Urheberrechtsverletzungen ist!

Beruflich mach ich mir um Gutti aber keine Sorgen. Er ist ja jetzt quasi perfekt qualifiziert um in Bayern Wissenschaftsminister zu werden. Justizminister ginge auch noch. (Wer das jetzt für Quatsch hält, die erinnere ich an Otto Wiesheu und Wolfgang Schäuble.)

  1. Sie ist einschlägig, mehr sag ich hier nicht. Nehmt es mir bitte nicht übel, dass ich mich nicht genau über mein Blog identifizierbar sein möchte. []
  2. Gute Zusammenfassung der Vorfälle so far und das Wort „Frisurenbruder“ finden sich beim kotzenden Einhorn. Außerdem erinnert uns das Einhorn an den Fall Kristina Schröder. Da finde ich es allerdings am merkwürdigsten, dass ihre Diss so gar nicht einschlägig zu ihrem Arbeitsfeld ist. Jedenfalls ist sie weder familien- noch religionssoziologisch. []