„Wenn in einer Stadt mit 100 000 Einwohnern nur eine Person arbeitslos ist, dann ist das ihr persönliches Problem, und um ihr zu helfen, müssen wir ihren Charakter, ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten in Betracht ziehen. Wenn aber in einem Volk von 50 Millionen Beschäftigten 15 Millionen arbeitslos sind, dann bezeichnen wir das als allgemeines Geschehen, und wir wissen, daß wir eine Lösung niemals im Rahmen jedes einzelnen Individuums finden können.

Diese Erkenntnis findet sich in Charles Wright Mills‘ Klassiker „The Sociological Imagination“ von 1959 und ich wage mal zu behaupten, dass sie schon damals nicht revolutionär war. Es handelt sich um ein sehr grundsätzlich angelegetes Buch, eine Art Zwischenstand der „soziologischen Methode“ zum Ende der 1950er Jahre. Mills geht es durchaus um Individuen und ihr empfinden angesichts einer sozialen Umgebung, die die individuellen Einflußmöglichkeit bei weitem übersteigt, ohne dass dies den Individuen immer klar ist. Man/frau/sonstige1 könnte sagen, die Soziologie nach Mills hätte unter anderem die Aufgabe, Individuen zu erklären, dass ihr Unbehagen meistens nicht selbst verschuldet ist. To say the least.

Diese Einstellung wiederum ermutigt mich, hier aufzuschreiben, was ich in meiner relativ kurzen Phase (6 Monate) als Arbeitsloser Aufstocker nach dem Studium erlebt habe. Und vielleicht gelingt es mir ja, ein kleines bisschen „soziologischer Imagination“ aufzubringen und vom individuellen Einzelfall wegzukommen, ohne ihn deshalb weniger ernst zu nehmen.

Zunächst mal muss man wissen, dass ich gewissermaßen vermutlich die eher „leichte“ Klientel der Arbeitsagentur (künftig AA) sein dürfte: Guter Studienabschluss, relativ lange Liste an einschlägigen beruflichen Tätigkeiten in verschiedenen Bereichen und zur Zeit, da ich „Arbeitssuchend“ war mit unbefristeter Teilzeitbeschäftigung. Der Grund sich überhaupt Arbeitssuchend zu melden war für mich ein bisschen mehr Geld zu haben und nicht plötzlich nach Studienende die horrenden Krankenversicherungbeiträge zahlen zu müssen. Die hätten mir tatsächlich das Genick brechen können, nachdem ich mich mit meinem Nebenjobs jahrelang ganz gut durchs Studium geschlängelt habe.

Kurzfassung: Was ich bekommen habe: 220€/mtl. + Krankenversicherung vom Amt + kostenlose Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel meiner Heimatstadt. Anders gesagt: das hier wird kein Elendsbericht. Eine interessante Armutsschilderung hat die geschätzte Kollegin rawr_it aka Bodensatz HIER vorgelegt. Ich hatte ein finanziell erträgliches Auskommen auf Studentenniveau. Wobei die Damen und Herren Student_innen, die sich immer echauffieren, dass sie von Hartz-IV-Sätzen nur träumen könnten sich mal ehrlich überlegen sollten, was sie alles an Leistungen an Eltern, Großeltern etc. auslagern: Wäsche Waschen, vollversorgung an Wochenenden und in den Ferien etc. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich will erzählen, wie ich das Prozedere des Amtes und der „Coaching Agentur“ (ich hatte einen eigenen Berater!) erlebt habe.

1. Der Hartz-IV-Antrag

Die Gestaltung der Antragsformulare spricht eine deutliche Sprache: Sie spricht den/die Antragsstellerin* permanent als potenzielle Betrügerin, Sozialschmarotzer verblödete und pflichtvergessene Bittstellerin an. Man/frau/sonstige muss sich wirklich vergegenwärtigen, dass Man/frau/sonstige ja nicht Bittstellerin ist, die bangend und bettelnd auf höhere Gnaden hofft, sondern dass sie hier als Bürgerin auftritt, die ihr Recht auf Unterstützung in Anspruch nimmt. Eine einfache Tatsache, die zu überdecken sich ja ohnehin alle die größtmögliche Mühe geben. Die Agentur selbst macht da keine Ausnahme.
Das andere was auffällt, ist die Informationsgier, die das Amt via Fragebogen an den Tag legt. Alles zu Einkommens- Wohn und Familienverhältnisse. Dutzende Kontoauszüge sind beizubringen. Die wissen alle Bücher, die ich mir im Zeitraum 05/2009 – 10/2009 bei Amazon gekauft habe. Dass Man/frau/sonstige da auch was schwärzen kann habe ich erst später auf inoffiziellem Weg erfahren (und ob das sicher erlaubt ist weiß ich bis heute nicht). Man/frau/sonstige muss keine Verschwörungstheoretikerin sein um sich zu fragen, ob Man/frau/sonstige hier nicht eine ganz bewusste Überwachung einer potenziell revolutionären Klasse der Habenichtse stattfindet. Das hat mich seinerzeit zu der These veranlasst, es gäbe nur noch zwei Instanzen die tatsächlich an die proletarische Revolution glauben: Ein paar ewig gestrige Romantiker aus der DKP und die Arbeitsagentur. Die einen hoffen, die anderen fürchten.

2. Die Arbeitsagentur

Jede erzählt mehr oder weniger dieselbe Geschichte: Man/frau/sonstige vereinbart einen Termin am Nachmittag in ein paar Tagen. Dann kommt ein Anruf vom Amt, es sei kurzfristig ein Termin am nächsten oder übernächsten Tag um 8.00 Uhr morgens freigeworden. Klar, billiger Test. Frühaufsteher etc. Sarrazin etc. pp. Kennen wir.
Meine Betreuerin war nur wenige Jahre jünger als ich, von meinem Studienfach hatte sie offenbar noch nie etwas gehört, weshalb sie mich auch vorwiegend über meinen bisherigen Nebenjob befragte. Den sie zwar auch nicht verstand. Aber immerhin brachte der mir offensichtlich einen relativ hohen Stundenlohn (siehe oben). Pragmatisch gedacht, aber mir ein bisschen zu langweilig. Was ich interessant fand war, dass während der „Beratungsgespräche“ (die null gebracht haben) alle Türen offen waren und teilweise sensible Daten von Büro zu Büro gebrüllt wurden. Das war ein Punkt wo ich ärgerlich wurde, muss ich sagen. Ich war froh, wochenlang nichts von dem Laden zu hören. Jobangebote kamen eh keine, aber damit habe ich auch nicht gerechnet. Ich suchte und schrieb einige Bewerbungen. Das war okay. Irgendwann wurde ich leider doch wieder eingeladen und an eine Coaching-Agentur „a4e“ (Action for Employment) weitergereicht.

3. Begrüßung bei der Coachingagentur

Wer wissen wohl, wo „seine Steuergelder“ in Sachen Hartz 4 wirklich bleiben, der/die sollte sich mal so eine Coaching Agentur anschauen. Mein Eindruck ist: der praktische Nutzen ist mau. Da diese Agenturen mehr „Berater“ haben, ist hier eine bessere Kontrolle der Klientel möglich. Außerdem bekommt Man/frau/sonstige Briefumschläge mit Sichtfenstern für die Bewerbung. Immerhin.
Was es wirklich in sich hatte war die Begrüßungsrede (Anwesenheitspflicht, selbstredend – was lässt Man/frau/sonstige nicht alles für einen Stumpfsinn für 200€ über sich ergehen). ´Konferenzraum, ca. 25 Klient_innen, Zwei Angestellte. Einer davon ein Klischeehafter BWL-Schnösel mit hellblauem Hemd und Gelfrisur. Die Klientel: überwiegend Arbeitslose ab 40, einfache Leute ohne höhere Bildung, teilw. wenig Deutschkenntnisse, teilweise schwer gesundheitlich angeschlagen auf der suche nach einfachen Tätigkeiten: Portier, Wachdienst, Putzen. Ich als einziger Akademiker. Wie das wohl gekommen ist? Jedenfalls, BWL-Schnösel hebt an zum Eröffnungsmonolog, etwa so: „Guten Tag mein name ist [name], zu meiner Person: ich bin 31 und habe in [imponierort] Betriebswirtschaft studiert und schon während des Studiums eine kleine Firma gegründet, die schnell auf ein Budget von 40.000€ und 5 Mitarbeiter anwuchs. Mit 27 übernahm ich eine Stelle mit einem Budget von 600.000€ und 30 Mitarbeitern. Aber dann wollte ich etwas anderes machen und Menschen helfen und Beraten, so bin ich hier her gekommen.“ Etc.
Man/frau/sonstige erinnere sich: Portiere, Putzfrauen, Wachleute. Aber kann ja nicht schaden, den Leuten noch mal kurz zu vergegenwärtigen, wie Scheisse sie sind und wie geil andere Leute sind. Abgesehen davon: kann ein anfang-30-BWL-Schnösel einer durchschnittlich 15-20 Jahre älteren Klientel wirklich irgendwelche Ratschläge zur Jobsuche geben? Wer die Show ernst nimmt, muss sich ja quasi mies fühlen. Aber das ist wahrscheinlich Teil der Strategie. Oder Verblödung. Oder präzis ausgedrückt: Was soll Man/frau/sonstige in einem derart unsinnigen Job auch sonst tun?

Die ganze Form des Vortrags inkl. Der Frisur des Vortragenden sprach eine völlig andere Sprache als die demonstrative, ins esoterische gleitende Zuversichts-Botschaft, die in der Coaching-Agentur von allen Wänden strahl. Es wirkt wie eine Mischung aus Scientology und neoliberaler Motivational-Poster-Galerie. Die Story der britischen Firmengründerin ist voller Zuversicht, Menschenliebe und Tatkraft und natürlich fern jeglichen Profitinteresses. Ihr Bild hängt mehrfach an den Wänden der Agentur. Ich hätte nicht gedacht, dass es solche Klischeebuden auf europäischem Boden wirklich gibt. Umso lustiger, dass die Angestellten dort permanent Fehler gemacht haben: Kein Bargeld für die Fahrtkostenerstattung da, Bewerbungsunterlagen falsch frankiert (war deren Aufgabe) etc.

Resümee: Ideologie und Repression beim Arbeitsamt

Ich könnte jetzt noch was über die Berater-Sessions erzählen, aber das bringt wenig neuen Erkenntnisgewinn. Meine These ist ja nur die, dass es sich bei Hartz4, den Arbeits- und Coaching-Agenturen (und sicher auch bei den berüchtigen „Fortbildungen“) um Herrschaftsinstrumnente, genauer gesagt Repressions-, Ideologie- und Kontrollapparate handelt. Ich weiß, dass das keine neue Erkenntnis ist, aber es ist doch eine besonderes Erlebnis, diese unzähligen kleinen, mittleren und großen Praktiken und Rhetoriken am eigenen Leib zu erleben.

Louis Althusser hatte in seinem Aufsatz „Ideologie und ideologische Staatsapparate“ die Unterscheidung gemacht zwischen ideologischen und repressiven Staatsapparaten. Die Repressionsdimension in Hartz-IV ist offensichtlich: Kürzung/Streichung der Bezüge. Aber es kommt noch die Demütigung dazu, die immer atmosphärisch im Raum schwebt. Als Hartz-IV Bezieherin ist man/frau/sonstige unter einem permanenten Rechtfertigungsdruck. Damit sind wir schon bei der ideologischen Dimension. Für Althusser ist Ideologie keine abstrakte Ansammlung von Glaubenssätzen die mehr oder weniger wahr sind und irgendwem nutzen. Für ihn ist Ideologie in erster Linie ein Modus der Anrufung: Durch sie werden wir zu bewussten, handelnden Subjekten, wobei dem Handeln gleichzeitig enge Grenzen gezogen – je nachdem, als was wir angerufen werden. Wenn Man/frau/sonstige 2010 als „Arbeitslose_r“ angerufen wird, kommt Man/frau/sonstige in einen sehr merkwürdigen Zwiespalt aus (behaupteter)Handlungsfähigkeit bei gleichzeitigem staatlichem Zwang und einem mehr oder weniger bewußten Wissen von der Sozialstrukturellen Lage am Arbeitsmarkt – Das eingangs erwähne Zitat von Mills scheint zwar banal zu sein, für die Coaches und Berater zählt die faktische Arbeitslosenrate jedoch nichts und auch der Hartz-IV-Antragsbogen kennt nur das (zu wenig bemüht) Handelnde Individuum, das an seiner Lage selbst schuld ist und mit jedem weiteren Tag der Arbeitslosigkeit immer schuldiger wird. Die neoliberale Vorstellung vom autonomen Subjekt, das kann, wenn es nur will wird merkwürdig konterkariert von den Zwangsapparaten und Droh-Rhetoriken, die allenthalben aufgefahren werden. Ich fühlte mich mitunter an den paradoxen Ausspruch meines Mathelehrers erinnert: „Ihr seid jetzt alt genug um selber zu entscheiden was ihr tut, ALSO MACHT GEFÄLLIGST EURE HAUSAUFGABEN ODER ES SETZT WAS!“

Das Paradox ist aber auflösbar. Gerade weil der neoliberale Arbeitsmarkt für Individuen unbeeinflussbar ist, muss der Staat zu seiner Legitimation immer schwerere Geschütze auffahren. Der neoliberale Staat ist ein starker nach unten und ein schwacher nach oben. Er putzt sozusagen unten weg, was oben nicht mehr gebraucht wird. Der französische Soziologe Loic Wacquant hat in den letzten 10 Jahren nichts anderes getan, als das zu zeigen. Wie in der westlichen Welt die Unteren Klassen immer mehr zum Objekt staatlicher Repression werden mit steigenden Gefangenenquoten etc. Die Prozeduren der „sozialen Sicherung“ sind nichts anderes als die andere Seite der Gefängnisse.

  1. Da es anstrengend ist, überall genau auf geschlechtergerechte Sprache zu achten, wirft die Autorin verschiedene Varianten durcheinander und weicht im Zweifelsfall auf das generische Femininum aus. []