Ich bin nicht ganz aktuell, okay, der Film Moon von Duncan Jones ist, wenn ich mich recht erinnere, im Englischsprachigen Raum bereits 2009 angelaufen. Aber ich muss das jetzt nachtragen, da ich mir dachte: Wenn du mal einen Blog aufmachst, dann wird das unbedingt der erste Beitrag. Hat auch nicht ganz gereicht. Egal, dann halt jetzt.

Unter avancierten Filmemacher_innen innerhalb von Hollywood hat sich ein gewisser Standard der Gesellschafts- bzw. Kapitalismuskritik eingefahren, um den man dankbar sein sollte, der aber auch Magenschmerzen macht. Bekanntes Beispiel ist – in einem plakativen Sinn – Wall Street von Oliver Stone, in einem weniger plakativen Modus Jaws von Spielberg. Bei allen Unterschieden (Jaws hat einen widerlich antifeministischen Unterton, den man aber auch als „Rückzugsgefecht“ deuten könnte. Zu beiden vgl. Ryan/Kellner1*) ist diesen und vielen anderen gemein, dass sie das „Big Business America“ zugunsten eines „family Business America“ (partriarchale Familienstruktur, ick hör dir trappsen) zurückweisen. Halbe Kapitalismuskritik, guter Kapitalismus, böser Kapitalismus etc. – das kennen wir ja alle. Auf formaler Ebene werden aber keine Experimente gewagt – kurz: Es handelt sich um Populismus. Wen Wall Street doch nur etwas polemischer wäre… ich war ja enttäuscht beim anschauen vor einigen Monaten. Dass die Gier nicht funktioniert, das wissen wir ja nun auch nicht erst seit gestern. Immerhin: Der Film entstand zu Zeiten der Reaganomics und des Thatcherismus. Da mußte man schon für wenig dankbar sein.

Whatsoever. Fredric Jameson hat mal geschrieben, dass in jedem noch so plumpen Stück Propaganda eine Utopie eingebaut ist, irgendwo muss sie sein, mal mehr, mal weniger gut versteckt. Und vielleicht sind unambitionierte Geldmach-Projekte sogar die witzigeren Utopie-Träger, als ambitionierte Werke der Kritik, die dann aber doch oft an ihrer Halbherzigkeit scheitern. Und: Wenn schon dagegen, warum dann nicht gleich Das Kapital (also das Buch von Marx, nicht die Sache) verfilmen?
Ich würde behaupten: Duncan Jones hat das getan.


Auf einer Raumstation ereignen sich merkwürdige Vorfälle…

Ich setze hier mal voraus dass man/frau/sonstige den Film kennt. Den Plot kann man hier nachlesen.
Zunächst einmal legt Jones dankenswerter Weise seine Referenzen offen, Referenzen die im ambitionierten Science-Fiction-Genre ohnehin nicht ignoriert werden können. Wir sehen einen Bordcomputer, personifiziert durch einen digitalen variablen Smiley, der den Protagonisten Sam auf Schritt und Tritt begleitet und sachen sagt wie „I can’t let you go outside, Sam“ und uns schon mal beunruhigt (Referenz: 2001). Sam sieht relativ zu Beginn des Films eine Halluzinazionen einer Frau (Referenz: Solaris). Besser gebildete Cineast_innen werden sicher noch mehr entdecken. Es handelt sich also um ein schönes Beispiel für einen postmodernen Film im Sinne von Fredric Jameson: eine „blanke Parodie“, also eine ohne Humor, ein Pastiche von Versatzstücken, kein bloßes Zitat, kein Plagiat, keine Verarsche. Von allem etwas. Die Zwischenüberschrift über diesem Absatz macht vielleicht klar, dass die Möglichkeiten, einen SF-Film anzulegen, begrenzt sind, wenn man nicht ins experimentelle und damit unverständliche abdriften will. Das SF-Genre ist hochgradig konventionalisiert.2 Und Jones – der frisch von der Filmschule kommt und sein Debut abliefert – hält sich fast punktgenau an die ästhetischen Konventionen und das Genre wird auch nirgends verletzt. Dafür ist die Erzählung durchaus überraschend. Jedenfalls bleibt die Technikkritik aus, wenn sich herausstellt, dass der Computer insofern loyal zu Sam ist, als er ihn unterstützt, den Schwindel herauszufinden, als dieser sich aus seiner Ahnungslosigkeit befreien will.


Einmal Tragödie – Tausendmal Farce

Damit wären wir mittendrin. Die Story, die Sam aufgetischt bekommt, um bei Laune zu bleiben ist sozusagen das Kernstück der Arbeitsorganisation auf der Raumstation: Sie überdeckt die wahren Verhältnisse und suggeriert Sam, dass es in seinem eigenen interesse liegt, keine Fragen zu stellen und brav seinen Job zu tun. In marxistischer Terminologie: Ideologie. Sams Arbeitstage gleichen einander, das geht bis hin zu dem Song, der jeden Morgen aus dem Radiowecker tönt: „I am the one and only“ (die Kulturindustrie stützt das falsche Bewusstsein des Arbeiters.)

Als Sam durch einen blöden Webfehler in der Organisation der Arbeit seinen Klon trifft, kommt es zunächst zu einer kontraproduktiven Konkurrenzsitutaion. Die beiden gleichen arbeiten unsinnigerweise gegeneinander. Es dauert etwas, bis die beiden Solidarität entwickeln und zusammenarbeiten. Erst dann ist es ihnen überhaupt erst möglich, ihre eigentliche Situation zu erkennen. Die Realität der Raumstation sieht ja so aus, dass Sam nach Ablauf seiner 3-jährigen Dienstzeit getötet und durch einen von Tausenden Klonen – einer Art industrieller Reservearmee – ersetzt wird. Aber mehr noch. Um sich zu befreien müssen sie sich die Produktionsmittel aneignen indem sie die Route der Harvester (Referenz: Dune fällt mir gerade auf ) umprogrammieren um die Störsender zu zerstören und so den Live-Feed zur Erde ermöglichen. Damit setzen sie der Ausbeutung der Klone ein Ende und machen ihre Geschichte selber.

Natürlich ist das eine Lesart für „Eingeweihte“. Jones selber hat bevor es Film studierte einen Abschluss in Philosophie gemacht, es ist also nicht anzunehmen, dass die präsentierte Lesart ein Zufallsprodukt ist, aber darauf kommt’s eh nicht an. Das verstörende Element ist vielleicht, dass die brutale Ausbeutungsgeschichte mit „sauberer Energiegewinnung“ verknüpft wird. Das könnte man als Reaktionär deuten, aber ich glaube das wäre überzogen. Entscheidender scheint mir, dass gleich zu beginn durch einen fiktiven Werbetrailer der Betreiberfirma klar gemacht wird, dass es sich um eine Privatwirtschafts-Dystopie handelt. Nicht, dass eine Staatsappart-Dystopie irgendwie besser wäre – der Gegensatz Staat – Privatwirtschaft ist eh eine ideologische Konstruktion.
Man kann das vielleicht vergleichen mit einem ähnlich angelegten Szenario: Matrix. Dann wird vielleicht klar, um wie viel präziser Jones‘ Analyse der „Verblendungsverhältnisse“ ist, weil er nicht vom Kapitalismus abstrahiert wie die Wachowski-Brüder. Matrix wird oft eine „philosophische“ Dimension nachgesagt, was aber im Grunde nichts anderes benennt, als eben diese Abstraktion von Machtverhältnissen: Sind wir nicht alle irgendwie gefangen? – Nein, nicht nur „irgendwie“ und nein, nicht alle gleichermaßen.

So, und jetzt Musik.

  1. Douglas Kellner/ Michael Ryan (1990): Camera politica: the politics and ideology of contemporary Hollywood film. Indiana Univ. Press []
  2. Der Satz ist ein hübscher Pleonasmus, bringt doch der Begriff „Genre“ nichts anderes als einen hohen Grad der Konventionalisierung zum Ausdruck []