Man muß Figuren wie Kristina Schröder im Grunde dankbar sein. Sie nehmen gesellschaftlich relevante Diskurse in sich auf und geben sie pointiert wieder. Das tun sie natürlich aus populistischen Gründen. Aber der Vorteil für mich ist: ich muß hier (wie schon im letzten Blogbeitrag) nicht umfangreiche Materialsammlungen anlegen um meine These zu illustrieren, es reichen einige Zitate der Ministerin. Es geht also nicht ausschließlich um das, was in der Birne von der Ministerin da so rumspukt – und das wär allein schon gruselig genug – sondern um ein gesellschaftlich verbreitetes Muster von Argumentationen, die bestimmte Wirklichkeitsvorstellungen zum Ausdruck bringen. Um Diskurse anders gesagt, und die sind bekanntlich überindividuell. Schröder ist also ein Beispiel, nicht die Ursache. Aber genug der methodologischen Schwafelei.

Ich möchte einfach zeigen, wie in den Äußerungen der Ministerin zu Fragen des Sexismus und der Geschlechterungleichheit eine hegemoniale Deutung zum Ausdruck kommt, die a) falsch ist und b) bestimmten Herrschafts- oder besser Dominanzinteressen dient. Also folglich ideologisch ist. Zu ihren Äußerungen im Bezug auf die Frauenbewegung etc. ist bereits sehr viel Richtiges geschrieben worden (bei der Mädchenmannschaft zum Beispiel), dazu kann ich nichts mehr hinzufügen (mein Kurzkommentar: hier.)

Rassifizierung

Mit Rassifizierung meine ich, dass Geschlechterungleichheit unterschiedlich gedeutet wird, je nach dem, wem sie als Urheber zugeschrieben wird.
Die erste Deutung, die Schröder vor wenigen Wochen zum Ausdruck gebracht hat, war die eines migrantischen, genauer gesagt islamischen machismo. Stichwort: „Deutsche Schlampe“ in rechtspopulistischer (bis –radikaler) Verknüpfung mit dem angeblichen Tatbestand der „Deutschenfeindlichkeit“. Ich denke wir erinnern uns alle.

Im unlängst veröffentlichten Spiegel-Interview mit Schröder geht es wieder um seinen sexistischen Tatbestand. Nämlich, dass Frauen weniger verdienen als Männer. HIER! Nicht in Islamien oder sonstwo. Deutscher Machismo ist da am Werk, müßte sie folgerichtig unterstellen. Die westlichen Werte, die Frauen gegenüber Männern benachteiligen – wir müssen sie bekämpfen. Oder? Nicht ganz:

Gleichzeitig wies sie den Frauen eine Mitschuld daran zu, dass sie oft weniger verdienen als Männer. „Die Wahrheit sieht doch so aus: Viele Frauen studieren gern Germanistik und Geisteswissenschaften, Männer dagegen Elektrotechnik – und das hat eben auch Konsequenzen beim Gehalt. Wir können den Unternehmen nicht verbieten, Elektrotechniker besser zu bezahlen als Germanisten.“
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,727648,00.html

Ich fasse zusammen: Sexismus im Islam: Kultur ist schuld. Sexismus in Europa: Frau ist selber schuld.

Die Ministerin ist in diesem Punkt übrigens näher an ihrer vermeintlichen Gegnerin Alice Schwarzer als sie selbst das vielleicht glaubt (jedenfalls als sie es darstellt.) Und das nicht erst seit gestern. Existiert doch in der „Emma“ seit geraumer Zeit eine Rubrik des Titels „Pascha des Monats“, in der durchaus einheimische Sexismen irgendwie als „Fremd“, und zwar orientalisch etikettiert werden. Der Subtext: Die schlimmen Sachen hier, die sind gar nicht wirklich von hier. Eigentlich ist es hier richtig und wenn es hier falsch ist, ist es wie woanders.
Das war die Rassifizierung. Die letzte Behauptung über die Frauen, die einfach falsch studieren, bringt uns zum zweiten Punkt.

Individualisierung

Dabei wäre es doch hier naheliegend, sich mal zu fragen woran das liegen könnte, dass Frauen überwiegend Studienfächer wählen, die weniger Geld einbringen. Oder aber andersrum: Wieso das, was Frauen studieren anschließend schlechter bezahlt wird.

Wenn es eine signifikant höhere Männerquote in technischen und naturwissenschaftlichen, und eine signifikant höhere Frauenquote in sozial- und geisteswissenschaftlichen Studienrichtungen gibt, wovon wir jetzt hier mal ausgehen können auch ohne genaue Zahlen, wird es schwer, die These von der rein individuellen Entscheidung aufrechtzuerhalten. Signifikante quantitative Unterschiede in der Fächerwahl sind offensichtlich ein sozialstrukturelles Phänomen und es wäre unplausibel, solches auf „individuelle Entscheidung“ letztgültig zurückzuführen. Um nicht zu sagen: esoterisch. Aber so ein Fehler kann einem schon mal passieren. Schließlich ist Schröder ja keine promovierte Soziologin. Beziehungsweise: au weia.

Wenn man jetzt noch in Betracht zieht, dass mindestens 80% der Soziologie-Lehrstühle in Deutschland mit Männern besetzt sind, aber mehr als die Hälfte der Studienanfängerinnen Frauen sind. Wenn man sich historisch klar macht, dass Berufsbilder Geschlecht und Prestige wechseln können. Zum Beispiel, dass Computerprogrammierin anfangs ein wenig angesehener Frauenberuf war, der dann im Ansehen stieg, während in derselben Zeit Männer ihre Kolleginnen verdrängten. Oder der angesehene Sekrätersberuf, der mit seiner „verweiblichung“ massiv an Ansehen verlor (man muss nur mal Kafka lesen um sich klar zu machen, wer da die Sekretäre waren und welche Position sie hatten). Wenn man sich also das alles überlegt, dann sollte jedenfalls eins klar werden: dass „individuelle Entscheidung“ hier überhaupt keine sinnvolle Kategorie sein kann. Sie erklärt gar nichts auf der Ebene der Sozialstruktur, nicht mal ein klitzekleines bisschen, sondern ist umgekehrt selber zu erklärende Variable. Berufs- und Studienwahl haben – das ist die äußerst banale Erkenntnis – vor allem was mit der kulturellen Ordnung und Sozialstruktur zu tun.

Und wenn man diese eigentlich sehr banale Tatsache, die ich hier übertrieben wortreich – wofür ich mich entschuldigen möchte – beschrieben habe, noch dazu als gelernte Soziologin in Ministerposten, ignoriert, dann kann das nur einen Grund haben: einen ideologischen. Rassifizierung und Individualisierung helfen jedenfalls, die Schuld an einem Zustand, den offiziell tatsächlich keiner haben will, abzuschieben auf die Betroffenen einerseits und irgendwelche fremden andererseits und geben eine Begründung, diesen Zustand nicht zu ändern. Schließlich haben wir es ja auch mit einer konservativen Politikerin zu tun.