Pointenimperialismus

Heute hab ich mir, wie an jedem Dienstagabend, den wöchentlichen Kommentar von Volker Pispers angehört. Die eigentliche Pointe ligt diesmal aber nicht in seinem sonst so pointierten Vortrag:

http://www.youtube.com/watch?v=Ny7Mep3sCIk

Ich mag Pispers sehr, aber der Neuigkeitswert dieser Mitteilung ist äußerst gering. Die Kriege des Westens sind durch ökonomische Interessen angetrieben? Sag bloß! Also bis hierhin noch keine Pointe. Aber gut, dass es mal wieder wer sagt.

Tatsächlich aber scheint das Gesagte für manche doch einen Neuigkeitswert zu haben. Und zwar – und jetzt kommt die dicke Pointe – ausgerechnet für einige so genannte Linke:

Worüber die jW nicht schreibt ist, dass sämtliche Änderungsanträge aus NRW und Hamburg, die die gegenwärtigen Kriege als “neo-imperialistisch” einschätzen, keine Mehrheit gefunden haben. Die Arbeit des BAK Shalom zeigt Wirkung!

…sagt der ein Mitglied des “bak shalom”, einem Subsystem der deutschen Linkspartei.

Ich fasse kurz zusammen:
In dem historischen Moment, in dem der ex-Bundespräsident und der Verteidigungsminister (beide CDU) bestätigen, dass „wir“ eben doch Wirtschaftskriege führen, wollen einige “Linke” den Begriff des Imperialismus verbannen.

DAS ist eine Pointe.

Vorhang. Lang anhaltender Applaus.

Vgl. auch den Kommentar von rhizom.

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Mikropraktiken des Körpers im Kapitalismus. Ein Besuch im Einkaufszentrum

Die Geschichte beginnt relativ harmlos damit, dass ich mir ein neues T-Shirt und Schuhe im Einkaufszentrum am Stadtrand besorgen wollte und letztendlich eine Waschmaschine und noch eine Menge anderen Kram gekauft habe. Es ist noch nicht so lange her, das galt Einkaufen als Arbeit. Zu Recht, denn gegen Mittag wollte ich mich irgendwo gemütlich hinsetzen und was „Richtiges“ essen um anschließend doch noch ein schönes Paar Schuhe zu finden. Da beginnt das Problem: Es gibt im EKZ hauptsächlich Kaffeebars, Kaffeebars, Kaffeebars. Dann noch eine McDonald’s-Filiale und ein paar andere fastfood-Schuppen. Für Vegetarier ist fastfood eher unbefriedigend und Süßkram + Kaffee wollte ich nicht, ich wollte ja rasten, nicht hetzen. Nun ja setz ich mich halt bei so einem komischen lifestyle-fastfood-dings hin, da gibt’s wenigstens Gemüsenudeln.

Die Kennerin sagt natürlich: Zum Essen gehst du doch auch nicht ins Einkaufszentrum. Da gibt’s nix gscheit’s. Ja, aber warum eigentlich? Und da fiel mir was auf. Das ist ja eigentlich konsequent. Alles, was es im EKZ an Kulinarik gibt, weißt irgendwie auf weitergehen und mitnehmen hin. Auf kurze verweildauer. Dazu der ganze Kaffee- und Zuckerkram und das Fastfood: Energielieferanten. Dazu die unbequemen Stühle, die Selbstbedienungs-logik, bei der man noch vor dem Verspeisen der Speisen bezahlt. Natürlich folgt das alles einer bestimmten Konsumlogik. Rumsitzen macht keinen Umsatz. „Richtiges“ Essen muss zubereitet, serviert, verspeist, verdaut werden. Nicht nur dauert das lange, es macht auch den Körper der Konsumentin müde. Die soll aber kaufen, nicht verdauen, nicht rumsitzen. Da ist es doch zweckmäßiger, den Körper mit Koffein und Zucker zu versorgen. Das heißt, die Logik des Konsums im Kapitalismus greift schon bei der Vorauswahl an Speisemöglichkeiten in den Körper der Konsumentin ein, richtet ihn nach ihren (also der Logik des Kapitalismus) Bedürfnissen zu. Trotz Abschaffung der Sklaverei und formaler Freiheit: Unsere Körper gehören uns gar nicht wirklich allein. Sie werden ohne dass wir das bewusst wahrnehmen von der Logik des Konsums bearbeitet, geleitet, geformt. Ich spinne den Gedanken gleich weiter. Und zwar im bezug auf das Bewegen des Körpers durch den Raum und in Bezug auf das Sehen – das gehört uns nämlich auch nicht alleine. Jedenfalls nicht im Einkaufszentrum

Blickführung – Dein Blick gehört uns
Als ich da so sitze am ovalen Tisch am unbequemen Barhocker mit meinen faden überteuerten Nudeln fährt mein unruhiger Blick die kurvigen Linien ab, die die Ladenfronten, die Tischanordnung und die Tischformen selbst, die Wandverkleidungen und die architektonische Gesamtanlage, sogar das Geschirr auf dem meine Nudeln sich winden konstituieren. Von jedem erdenklichen Standpunkt im offenen Bereich des EKZ kann man auf irgendein Mobile blicken: es gibt Rolltreppen und wuselige Wasserfontänen. Dazwischen: Schmale, runde Säulen, deren uninteressante, glatt polierte Oberflächen die Blicke abweisen. Überhaupt: Nirgendwo kann der Blick haften bleiben außer an den Schaufenstern der Geschäfte.
Schon Georg Simmel hat um 1900 formuliert, dass das Sehen ein kultureller Akt ist. Einerseits, weil es von vorgeprägten Schemen angeleitet ist. Andererseits aber – und darauf kommt es hier an – weil die materiale Anordnung etwa der Architektur den Blick lenkt1 und damit die Aufmerksamkeit bündelt. Die kurvigen Linien im EKZ suggerieren eine permanente Bewegung. Man fühlt sich schon beim sitzen „abgestoßen“ zumal die Tische meines Fastfoodladens entlang einer kurvigen Bodenmarkierung angeordnet sind, die den Übergang zwischen „Speisezone“ und „Flanierzone“ suggerieren; bin ich drinnen oder draußen? Der Barhocker: sitze oder stehe ich?
Die Kundinnen müssen zirkulieren, ihre Blicke können sich nur die Warenauslagen und Schaufenster heften. Die Schaufenster sind halbverspiegelt, d.h. man sieht, wenn man durch sie durchblickt sowohl die Waren – ausgelegt oder an Schaufensterpuppen – und gleichzeitig sich selbst. Man steht quasi schon halb in der Umkleidekabine, da man sich selbst sozusagen schon in den Kleidern betrachtet. Denn: Während Buchhandlungen, Kaffeebars, Spielwarenläden und Supermärkte und andere auf breiter Front geöffnet sind gibt es bei Kleidungsageschäften ein fokussiertes Eingangsportal und drumrum sind die eben beschriebenen Scheiben.

Körperlenkung – menschliche Flipperkugeln
Teilweise analog wird mit dem Körper in seiner Bewegung selbst verfahren. Der unbequeme, barhockerähnliche Sessel lädt nicht zum Verweilen ein, wozu auch, man bezahlt ja schon vor dem essen. Das Gefühl ist: das Sitzen hier ist rein funktional fürs essen gedacht, nicht zum Ausruhen, lesen, verweilen. Ein Kaffeekränzchen oder eine Familienfeier hier wäre eine absurde Vorstellung. Die Tische und die Sessel dazu sind regulär auf maximal 3 Personen angelegt, eine ausgedehnte Gesprächsdynamik würde also durch die materielle Anordnung verhindert werden. Das Schema Bewegung-machen geht weiter: Die schon erwähnte kurvige architektonische Anlage und die spärlichen Sitzgelegenheiten im offenen Bereich forcieren den Gang durchs EKZ. Viele Konsumentinnen bewegen sich zwischen den Außenseiten (da wo die Geschäfte an den offenen Bereich anschließen) hin und her. Mit entschlossenem Schritt gerade durch geht kaum jemand. Eher bewegen sich die Leute wie Flipperkugeln zwischen den Ladenfronten hin und her, bis sie einen betreten.
Die innere Ordnung der Läden steht in krassem Kontrast zur geschwungenen Linienführung des äußeren Bereichs, hier herrschen Quadrat- und Rechteckformen vor, in denen Verkaufstische, Kleiderständer, Regale und alles andere angeordnet sind. Dadurch wird eine Ordnung suggeriert, die wiederum die Möglichkeit zum systematisches durchforsten suggeriert (trotzdem findet man: irgendwas, aber erst mal nicht das was man eigentlich wollte).

Schluss
Die Sklaverei und Leibeigenenschaft sind abgeschafft, körperlicher Zwang ist – abgesehen von staatlicher Repression – delegitimiert. Im individualistischen Kapitalismus, so sagt man, sind wir wenigstens Herrinnen und Herren (Daminnen und Damen?) über den eigenen Körper und unsere Sinne. Ich hoffe ich habe diesen weit verbreiteten Irrtum durch ein sehr einfaches Beispiel aus dem Alltag ein wenig angekratzt. Wenn wir „Konsumentin“ sind, sind wir nicht mehr so autonom, wir werden unwillkürlich sinnlich und somatisch typisiert, ohne dass irgendjemand einen direkten Zwang dazu anwenden müsste. Wir werden nicht als Flipperkugeln geboren, wir werden dazu gemacht!

  1. Anderes Beispiel sind die Schnittmuster geschlechtsspezifischer Kleidung, die Personen in unterschiedlicher Reihenfolge wahrnehmen lässt und den Blick auf unterschiedlichen Körperstellen zur Ruhe kommen lässt. Umgekehrt disponiert die Kleidung auch geschlechtsspezifische Körperhaltungen und Bewegungen, aber das ist ein anderes Thema. []

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SPD – Alles wie gewohnt.

Thilo Sarrazin wird nicht aus der SPD ausgeschlossen. Das große strategische Problem der SPD war der ständige Hitlervergleich. Hitler war zwar ein schlimmer Finger, aber von rechts. Das perlt an Leuten, die sich immer noch irgendwie als links verstehen – und das tun spdler_innen so weit ich weiß immer nich – völlig ab. Stalin wäre besser gewesen. Damit hätten sie ihn gekriegt. Die Angst von Stalin eingeholt zu werden sitzt bei den roten tief. Sarrazin der neue Stalin oder so. Klingt halt bescheuert. Soweit mir bekannt hat sich der stalinistische Terror auch nie durch rassistische Feindesbestimmung ausgezeichnet. Da war Hitler doch naheliegender.

Ist natürlich beides ganz falsch. Es gibt einen anderen großen deutschen Führer, mit dem ich Sarrazin viel eher in Verbindung bringen würde. Moment, ich hab hier paar Zitate aus einschlägigen Seiten rausgefischt:

Das Grundübel in Deutschland ist die soziale Überversorgung

Wir haben… viel zu viele Ausländer hereingeholt

„Die Vorstellung, daß eine moderne Gesellschaft in der Lage sein müßte, sich als multikulturelle Gesellschaft zu etablieren, mit möglichst vielen kulturellen Gruppen, halte ich für abwegig.“

Yo, und der Vorteil ist: Der Urheber dieser Weisheiten ist nicht nur einer der angesehensten Politiker in Deutschland überhaupt, sondern auch noch in der selben Partei wie Thilo! Es handelt sich natürlich um Helmut Schmidt.

Insofern passt ja wieder alles.

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Privileg der Kritik – Der große Gatsby

“Jedes Mal, wenn Du glaubst, jemanden kritisieren zu müssen”, sagte er, “dann erinnere dich daran, dass nicht alle Menschen auf der Welt solche Privilegien wie du gehabt haben.”

F. Scott Fitgerald: Der große Gatsby, gleich auf der ersten Seite.

Ich sag ja: Bei den Amis wird man immer schnell fündig.

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Assoziationen zu Edgar Allan Poe: “Der Mann in der Menge”

Urlaub – Lesezeit! Im Gepäck ist ein schönes kleines Buch mit klassischen amerikanischen Erzählerinnen und Erzählern, dass ich mal für 2€ ergattert hab. Ich merke gerade: es ist Gold wert! Drin finden sich Klassiker wie Poe, Fitzgerald, Highsmith, Faulkner usw. Ich kannte noch nichts von denen, aber ich bin begeistert. Also hier mal wild Zusammenfantasiertes zu Poe:

Der Text

…and perhaps it is but one of the great mercies of God that ‘er lasst sich nicht lesen.’ ”

(Letzter Satz aus Poes “Mann in der Menge”. Deutsch im Original.)

Die kurze Geschichte von Edgar A. Poe1 beschreibt eigentlich nur, wie der Ich-Erzähler einen unbekannten älteren Mann über mehrere Stunden durch London verfolgt. Es gibt dafür keinen Anlass, das Interesse des Erzählers wird irgendwie geweckt und er folgt dem fremden. Ergebnis der Sache ist: Der Fremde irrt Stunden lang durch verschiedene Gegenden Londons, geht mal hier mal da rein und kommt wieder raus. Am Ende gibt der Verfolger die Verfolgung auf und endet auf einen Rätselhaften Ausspruch über den rastlosen Spaziergänger.

Ich muss sagen, ich habe diesen Schluss nicht verstanden. Aber der Text weckt bei mir bestimmte Assoziationen. Ich finde ihn deshalb so faszinierend, weil er ein alltägliches Phänomen in Form einer fantastischen Erzählung bearbeitet. In der modernen Großstadt sind die tausenden Fremden, denen wir täglich begegnen eigentlich wie Kulissen: wir wissen nichts über sie, wir nehmen sie kaum war und sie sind doch das, was das Großstadtleben ausmacht. Wir sehen sie nur als Fußgängerinnen/Auto/Fahrradfahrerinnen etc. Aber wir kennen weder ihren Ursprung, noch ihr Ziel. Sie sind nur bewegliche Dauerkulisse. Die Vorstellung, dass alle anderen außer einem selber immer nur rumgehen und sonst keine Funktion haben ist da gar nicht so weit hergeholt. Poes Mann in der Menge ist die abstrahierte Masse der Großstadt. Bewegliche Kulisse. Fremder.

Assoziation 1: Georg Simmel und die Moderne
Die erste Assoziation die ich hatte war Georg Simmel. Der Soziologe beschäftigte sich mit der entwicklung von Großstädten und deren Wirkung auf die Bewohnerinnen. Es ist ja ein unterschied ob man in einem prä-modernen Dorf lebt in dem jede jeden kennt und jede Fremde dann umngekehrt ebenso „bekannt“ ist. In der Großstadt sind wir fast nur von Fremden umgeben, die Beziehungen sind zur überwiegenden Mehrheit völlig unpersönlich (nicht zuletzt durch die Geldwirtschaft, die völlig vom Einzelnen abstrahiert ist). Dafür gibt es eine überwältigende Masse ständig wechselnder Eindrücke. Die Masse der anonymen Fremden ist hier der Normalfall. Poe lebte rund 50 Jahre vor Simmel und ich denke, er hat eine ähnliche Beobachtung verarbeitet, nämlich die Fremdheit der Masse. Er bricht deren Selbstverständlichkeit auf, indem er einen Mann aus der Menge herausholt. Aber der Mann ist gar kein Individuum mehr. Er ist auch als Einzelner weiterhin die Verkörperung der vorbeiziehenden Menge.

Assoziation 2: Die beweglichen Kulissen der Truman Show
Die zweite Assoziation springt nochmal gut 150 Jahre nach vorne: In dem Film „Truman Show“ geht es um einen Mann der in einer gigantischen Fernsehshow lebt, ohne davon etwas zu wissen. Er wird rund um die Uhr abgefilmt und lebt in einem eigens für ihn errichteten, riesigen Fernsehstudio. Seine sämtlichen Freunde, verwandten und auch die ihm unbekannten Bewohnerinnen seiner eigens für die Sendung errichteten Stadt sind letztlich nur Schauspielerinnen und Statistinnen.
Im Laufe des Films bekommt Truman eine Ahnung, das etwas merkwürdig ist. Eine Beobachtung die er macht ist, dass die vorbeifahrenden Autos in einem bestimmten Alogrithmus hin- und her fahren. Die Szene bildet für mich die lebendigste Erinnerung im ganzen Film. In diesem Szenario ist die bewegliche Kulisse der anonymen Masse tatsächlich nur bewegliche Masse, aber man kann in unterschied zum Poeschen Text einen „rationalen“ Grund dafür angeben – allein schon weil die Erzählperspektive zu Beginn des Films nicht an den Protagonisten geklammert ist, wie im „Mann in der Menge.“

Beide Fiktionen beschreiben letztlich eine Intuition, die Simmels in seinem wissenschaftlichen Werk rational analysiert. Das Phänomen der Masse und der Fremdheit in modernen Gesellschaften. Wir leben in Umgebungen über die wir immer weniger Wissen und die immer mehr Eindrücke erzeugen, wobei wir gleichzeitig glauben, dass wissenschaftlich-rational immer mehr verstehbar ist. Ich glaube es ist diese Intuition, die Poes Text seinen emotionalen „impact“ verleihen. Ich kann‘s nur empfehlen.

  1. hier auf englisch: http://www.eapoe.org/WORKS/tales/crowdb.htm []

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Geschlecht und Praxis, Geschlecht und Technik und die Kritik an Geschlechtersozialisationstheorien

Vorwort zur Neuauflage
Um den Text gab es ganz schön Wirbel. Ich habe ihn gestern Abend wieder offline gestellt, weil meine größte Befürchtung wahr geworden ist: Jemand hat es so verstanden als würde ich die Theorie gegen feministische Aktivistinnen ausspielen wollen und sozusagen sagen: Ätsch, ihr habt gar keine Ahnung. Mir fällt gerade auf, dass ich genau diesen Eindruck mit der ersten Fußnote verstärkt habe, obwohl diese ihn abschwächen sollte, aber sie war schlampig formuliert. Ich hab sie deshalb entfernt. Durch einige Formulierungen entstand der Eindruck, ich würde feministische Theorie insgesamt kritisieren. Das wollte ich aber genau nicht.
Es geht in dem Text um Gender-Theorie. Ich erzähle in dem Text ja nichts Neues, ich gebe nur Entwicklungen wieder, die vielen eh bekannt sind. Manche finden das vielleicht überflüssig. Aber manche erfahren dadurch scheinbar auch eine Perspektive, die sie so nicht kannten. Deshalb glaube ich, hat der Text seine Berechtigung.

Dass Julia Seeliger sich so stark dadurch angegriffen fühlt, weil ich einen Satz von ihr als Aufhänger benutze, finde ich schade. Allerdings glaube ich nicht, dass es ein (impliziter) Sexismusvorwurf ist, wenn man eine andere theoretische Perspektive auf eine Sache gewinnt. Wenn das so wäre, könnte man ja gar keine Theorie mehr betreiben, ohne das jemand die/der das nicht so sieht, sich angegriffen fühlt. Natürlich: Wenn man sich an einer Debatte beteiligt ist man davon überzeugt eine Perspektive beizutragen, die „richtiger“ ist als die der anderen Teilnehmer_innen. Sonst müßte man nicht an der Debatte teilnehmen. Ich finde, man sollte daraus nicht heftige und schon gar keine persönlichen Vorwürfe ableiten. Ich kann nur sagen, dass ich wirklich niemandem mit diesem Text an’s Bein pinkeln will.

Da der Text ja eh online zu finden ist und an ich an seinem theoretischen Gehalt selbst keine Zweifel habe, stelle ich ihn in einer überarbeiteten Version wieder online. Es gab ja auch Lob für den Text und Rückendeckung, wofür ich mich sehr bedanke. Es ist, wenn man sich äußert, immer die Unsicherheit dabei, das Leute sich angegangen fühlen, die man eigentlich unterstützen will. Das ist jedenfalls meine größte Sorge.1

Vorwort Ende

Geschlecht und Praxis, Geschlecht und Technik und die Kritik an Geschlechtersozialisationstheorien

Julia Seeliger 2
schreibt in einem Blogeintrag Folgendes:

„Frauen haben weniger Muskeln als Männer. Bei gleichem Training können sie weniger aufbauen. So ist das.“

Das ist ein interessanter Satz, bzw. 3 Sätze. Zunächst muss man ja zustimmen: Ja, Frauen und Männer sind halt unterschiedlich, also körperlich jetzt. Aber dann denke ich mir doch: Das ist schon eine sehr spezifische Behauptung.

Ich sage: Der Satz ist schon das Ergebnis einer kulturellen Formation.

Diese Behauptung hat sicher ein paar Leute erschreckt/erbost/wütend gemacht. Aber ich will das erklären. Der Satz von Seeliger macht einige Voraussetzungen: Das gleiche Training. Aber das reicht noch nicht. Es müssen auch individuell gleiche Voraussetzung geschaffen sein, denn manche Frauen setzen z.B. schneller Muskeln an als Männer. Es gibt eine enorme Varianz innerhalb der Geschlechter. Das heißt man müsste also ganz bestimmte „Paarungen“ zum Vergleich bilden, in denen möglichst viele Variablen konstant gehalten werden. Mit anderen Worten: Der obige Satz „ist so“ nur unter sehr spezifischen Bedingungen, quasi unter Laborbedingungen. Diese Laborbedigungen werden dann unter den Tisch fallen gelassen und der Satz wird wie eine Allgemeine Wahrheit behandelt, die uns an „die Unterschiede“ erinnert. Es gibt tausende solcher Sätze, wir begegnen ihnen täglich, dieser ist mir nur gerade aufgefallen. Die Frage ist dann: wieso werden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei aller Varianz innerhalb der Geschlechter so betont? Das war die Frage von Erving Goffman. Goffman ging von einem natürlichen Geschlechterunterschied aus, den man in einer Technozivilisation aber leicht ausgleichen könnte. Stattdessen wird ein enormer Aufwand betrieben, ihn zu verstärken und gesellschaftlich bedeutsam zu machen.
Goffman erklärt ein ähnliches Beispiel3, nämlich die Behauptung, Männer seien im größer als Frauen. Aber woher wissen wir das eigentlich? Wenn wir eine Masse an Leuten vor uns haben, Männer und Frauen (und sonstige) verschiedenen Alters usw. beispielsweise auf einem Platz – da sehen wir das ja gar nicht. Goffman beschreibt nun, dass es kulturelle Normen und ein Wissen um sie gibt, z.B. bei der heterosexuellen Partnerwahl: Der Mann soll größer sein als die Frau. Die Partnerwahl – eine Praxis – wird institutionalisiert in der zweigeschlechtlichen, heterosexuellen Zweipersonenehe4. Der Effekt ist, dass wir überwiegend Paare sehen, bei denen der Mann größer ist als die Frau. Was wiederum – da sind wir am Anfang der Kette – unser Wissen über Männer und Frauen bestätigt. Wissen – Praxis – Institutionen: Goffman nennt diesen Zusammenhang „institutional reflexivity“: Die Praxis bestätigt unser Wissen und wird präformiert durch Institutionen. Das Wissen wiederum wird in Institutionen gespiegelt. Dieses Schema kennt keinen Start- und Endpunkt.

Will Goffman damit die biologischen Unterschiede „wegerklären“? Nein, er will nur zeigen, dass viele dieser „Selbstverständlichkeiten“ über Männer/Frauen Ergebnisse kultureller Konstellationen sind, nicht deren Grundlage. Das Wissen über die Biologie ist kulturell erzeugt, die Biologie gewinnt ihre gesellschaftliche Bedeutung durch einen gesellschaftliche Konstruktionsprozess. Ich will nur sagen, dass man die Unterschiede zwischen den Geschlechtern – auch die Körperlichen! – eben auch erstmal “herbeierklären” muss.
Mit der Körperkraft ist das natürlich ganz ähnlich. Unser Wissen darüber wird institutionell – z.B. in der Wissenschaft unter Laborbedingungen erzeugt, die Praxis sieht unterschiedliches Training für Männer und Frauen vor, in Höflichkeitsregeln gibt es geschlechtliche Zuweisungen die an die unterschiedliche Konstitution erinnern sollen (das ist ihr einziger Zweck! Oder glaubt ihr das Frauen zu schwach sind, eine Tür zu öffnen) usw.

Das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit – oder: Die Kritik der Sozialisationstheorien

Nehmen wir das klassische „Ernährer-Modell“ der Familie. Stellen wir uns das Klischee vor, das es ja so real gelebt wirklich gibt: Sie macht den Haushalt, schleppt Kinder und Einkaufstaschen5 durch die Gegend usw. Er: sitzt sich den Hintern im Büro platt, abends Bier und jede Menge essen. Jetzt: Wer hat mehr Körperkraft? Also ich würde mich nicht trauen, das mit Sicherheit zu entscheiden. Aber wir können fast sicher sein, dass, wenn man die beiden Akteur_innen (und die Kinder) befragt, ein eindeutiges Ergebnis rauskommt: Er ist natürlich viel stärker. Sie haben ja das abstrakte Wissen um die Ordnung der Geschlechter im Kopf und in der Praxis leben sie die entsprechenden Rituale. Nur gerade die Praxis, ich glaube, die unterwandert das dennoch oft ein bisschen. Wenn man seine Vorurteile, also sein Geschlechterwissen ausschaltet sieht man da oft was, was nicht so ganz ins Bild passt.
Ich habe vergangene Woche aber den Eindruck bekommen, dass selbst manche Feminist_innen das übersehen.6 Unterschiede werden dadurch betont und durch „Sozialisation“ erklärt und auch essenzialisiert. Natürlich ist Sozialisation ein erheblicher Faktor beim Geschlecht. Aber auch nicht alles! Ich habe oben darauf hingewiesen: Ich würde Geschlecht, genauer gesagt: Das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit eher als Effekt gesellschaftlicher Ordnung verstehen. Die heterosexuelle Zweigeschlechtlichkeit ist durch scheinbar banales wie Zweier-Sitze im Bus genauso präformiert wie durch spezifische im Labor erzeugte Messergebnisse von DNA-Sequenzen usw. die dann oft populärwissenschaftlich vereinfacht auch in sog. „Qualitätszeitungen“ dargestellt werden und dort in aller Regel unserem Alltagswissen angenehm schmeicheln.
Ich wollte nur sagen: selbst unser banalstes Wissen über Geschlechtskörper, sogar über die Körpergröße, ist in kulturellen Praktiken erzeugt und wird durch sie relevant gemacht. Gleichzeitig ist das Wissen so verfestigt, dass es selbst eklatante Widersprüche es nicht aushebeln. Die Selbstverständlichkeit bleibt. Und leider trägt eine Überbetonung der Sozialisationstheorien dazu bei, das Wissen über die Unterschiede zu verfestigen anstatt es zu hinterfragen.7

Geschlecht und Internet
Ich will noch ein Beispiel geben, das mich erst darauf gebracht hat: Geschlecht und Technik. Kadda Rönicke präsentierte in ihrem Vortrag auf der re:publica unter anderem Umfragen, nach denen Frauen das Internet quantitativ weniger nutzen und „weniger technisch“ als Männer. Nun, ich weiß nicht genau, was das „weniger technisch“ in dem Kontext bedeutet. Aber das ist auch nicht so wichtig. Die Referentin erklärte die vorgefundenen Unterschiede mit unterschiedlicher Geschlechtersozialisation. Das ist bis zu einem gewissen Grad sicher so, aber ich glaube, das stimmt nur teilweise.

Das Methodische Problem: Solche quantitativen Befragungen sind unheimlich „weiche“ Daten, wenn es um die gelebte Praxis geht. Die Praxis beim Ausfüllen eines Fragebogens ist: Dasitzen, Lesen, Ankreuzen. Also eine andere Praxis als die, die abgefragt wird. Etwa: wie häufig nutzen sie das Internet? Es geht also nicht um die Beobachtung von Praktiken sondern um Selbstauskünfte und Selbstzuschreibungen. Das heißt, die Befragung hat eigentlich streng genommen das Ergebnis, dass Frauen und Männer unterschiedliche Auskünfte über ihre Online-Praxis geben. – Das wäre das „harte“ Datum der Befragung.
Aus der Technikgeschichte wissen wir, dass es historisch wechselt, was als „Technik“ gilt. Das ist eng mit dem Verknüpft, was als „männlich“ oder „weiblich“ gilt: Technologien (wie übrigens der Computer!) wechseln ihre Geschlechts- und damit Technikzuschreibung. Gleichzeitig hat das hierarchische Effekte zuungunsten der Kategorie „weiblich“. Die frühen Computerprogrammierinnen machten einen wenig angesehenen, nichttechnischen Frauenberuf, Sekretäre hingegen waren mal hochgestellt. Usw.
Wenn wir nun zurück zur Umfrage kommen, liegt meiner Meinung nach ein besseres, oder sagen wir: ergänzendes Argument zur Sozialisation vor. Die befragten Männer und Frauen beschreiben ihr Online-Verhalten in opportun geschlechtlicher Weise. Das ist natürlich auch gelernt, also ansozialisiert. Aber die über-individuellen Zuschreibungen was als „weiblich“ gilt und was nicht, was als „technisch“ gilt und was nicht, sind Effekte gesellschaftlicher Ordnung. Über die tatsächliche Nutzungspraxis können wir aus den erwähnten Umfragen jedenfalls keine sicheren Erkenntnisse ziehen.

  1. @umwerfend1 und @lantzschi haben mich auf einige sehr falsche Formulierungen aufmerksam gemacht. Danke auch hierfür. []
  2. In Seeligers Text geht es aber eigentlich um Cyberfeminismus, dazu sag ich jetzt nix, ich war nicht bei der Veranstaltung. []
  3. Goffman, Erving: Das Arrangement der Geschlechter In: Knoblauch, H. [Hg.]: Interaktion und Geschlecht, Frankfurt a.M.: Campus 2001 [1977], S. 105-158. []
  4. Ja warum eigentlich genau zwei? Das ist eine sehr gute Frage! []
  5. Das Beispiel habe ich von Paula-Irene Villa. []
  6. Wenn ich es mir recht überlege waren es eigentlich nur zwei Leute. Ich will gar niemandem Vorwürfe machen, wenn er/sie den Theoriekram nicht so gut kennt. Ich hoffe das wird hier nur als Ergänzung, nicht als Angriff verstanden! []
  7. Ich bin bei weitem nicht der erste, der das bemerkt. Eine Übersicht findet sich in: Renate Nestvogel: Sozialisationstheorien. In: Becker, Ruth/ Kortendiek, Beate (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. S. 163-164. []

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Nacktsein ist gar nicht so dumm! Kommentar zu “Wir Alphamädchen”

Haaf/Streidl/Klingner1 beschreiben unter der Überschrift „Warum wir das Netz erobern müssen“ das scheinbar paradoxe Phänomen, dass ausgerechnet junge Frauen (die doch von allen vorangegangenen Wellen des Feminismus profitiert haben) ausgerechnet im Internet (von dem wir dachten, dass Geschlecht als Ordnungskategorie in hm unwichtig wird) von sich aus gerne mal die Hüllen fallen lassen und – ganz ohne gebieterischen Macker im Hintergrund –geradezu ostentativ ein selbst-objektifizierende, unterwürfige (selbstgemachte Fotos von schräg oben mit tiefem Ausschnitt!) Weiblichkeit 2 zelebrieren. Wie konnte es soweit kommen bei solchen Voraussetzungen?

Meine These ist, dass mit dem zurückgehen klassischer Geschlechternormen seit den 1960er Jahren der Körper als Kriterium der Geschlechterdifferenz umso stärker gemacht wird. Wenn die „Natürlichkeit“ der Geschlechterrollen infrage gestellt wird, wird Konsequenz die Natürlichkeit des „natürlichen Körpers“3 zum Fetischobjekt der geschlechtlichen Ordnungsbildung. Es kommt noch ein Klassenfaktor hinzu: Insbesondere diejenigen, die über wenig soziales, ökonomisches und kulturelles Kapital verfügen, kultivieren aus dem Mangel heraus den eigenen Körper. Die MySpace-Babes sind also gar nicht so „kurzsichtig und dumm“ (135-136), sondern schlau und machen das Beste aus der Not. Mit Bourdieu kann man Geschlechternormen klassenspezifisch denken: Unterschichts-Weiblichkeit und bildungsbürgerliche Weiblichkeit (als Beispiele) funktionieren je unterschiedlich, auch im Hinblick auf die „Zivilisierung“ und Kultivierung des eigenen Körpers. Insofern blicken die Alphamädchen, vermutlich ohne es zu wollen, herab auf eine Weiblichkeit die ihnen fremd ist, und sehen mit ihrem bildungsbürgerlichen Blick – aus ihrer Position heraus auch konsequent – nicht eine schichtspezifische Strategie mit der Not umzugehen, sondern ein antifeministisches Fehlverhalten. Im Klappentext des Buches steht sinngemäß, dass der Feminismus jungen Frauen hilft, den Alltag besser zu meistern. Ja, kann sein. Aber für andere sind es genau diese alltäglichen Konstellationen, die wir als Machtverhältnisse analysieren, die Sicherheit im Alltag geben. Das ist die soziologische Kehrseite einer im weitesten Sinn mit foucaultschen Begriffen betriebenen Machtanalytik, die hier und da und überall – auch bei mir – virulent ist: Die alltäglichen Macht-Wissen-Regime helfen vielen Leuten eben auch, sich zurechtzufinden, sich eine eigene Identität zu konstruieren und sich einen – wenn auch kleinen – Spielraum darin und damit zu schaffen (sagt übrigens Judith Butler auch). Sie sind eben nicht nur einfach brutal unterdrückend, sie produzieren (Foucault!) sehr klare Möglichkeiten die gerade deshalb als solche wahrgenommen werden, weil sie so eng begrenzt sind. Sich selbst an der eigenen Heteronormalisierung zu beteiligen ist aber auf der anderen Seite auch keine Option, die die meisten Leute man nach Lust und Laune verwerfen könnten. Die Konsequenzen sind nämlich mitunter handfest:4 Einsamkeit, verminderte Chancen auf Märkten aller Art (Partner-, Arbeits-, usw.)5. Bis hin zu körperlichen Angriffen. Aber es sind – ich wiederhole mich – eben nicht nur Zwänge, sondern auch Möglichkeiten, vielleicht sollte man eher sagen: die Verlockungen. Die Verlockungen des Normalseins.
Die alltägliche Macht der (Hetero-)Normalisierung besteht also in einem Verhältnis von „Möglichkeit : Beschränkung“ und das ist klassenspezifisch je unterschiedlich. Das erklärt auch die scheinbar paradoxe Tatsache, dass „viele Mädchen nicht einmal einen Chauvinisten dazu brauchen, sie machen sich ganz selbstständig zu leblosen Wichsvorlagen“ (130).

Die Begriffe „Lookismus“ und „Bodismus“ sind, soweit ich sie verstehe, dazu angetreten, den affirmativen Umgang mit körperlichen Differenzen zu kritisieren, analog zu Rassismus6 etwa. Letzterer hat ja eine ähnliche Geschichte: Die Biologisierung und Naturalisierung einer hierarchischen Differenz in Folge des Auftretens formaler Gleichheitsnormen mit der Aufklärung. Ich würde behaupten, dass biologistische Theorien der Geschlechterdifferenz weniger wissenschaftlich, d.h. als Erklärung und/oder Beschreibung, sondern als Anleitung und Bestätigung der eigenen Praxis (die Alphamädchen sehen das mit der Bestätigung auch so übrigens) gelesen werden.

Einen anderen Abschnitt überschreiben sie mit „Gilt immer noch: Mein Bauch gehört mir“ (77) – also DAS denken sich die Fastnacktmädchen von MySpace (ja, die sind immer noch auf MySpace – Klasseneffekt würd ich sagen) ganz sicher auch! Das ist ja die Pointe: Dass das Selbstbestimmungs-Narrativ sich so hervorragend in ein Selbst-Regierungs-Regime einpasst – „Mein Bauch gehört mir, ich kann Fettabsaugen, ihn piercen und ins Internet stellen so viel ich will.“7 Die Alphamädchen meinen, das seien Pubertäts-Späßchen, die es schon früher gab, aber eben nicht ins Internet gestellt wurden, wo sie ihrer Meinung nicht hingehören. Stimmt auch, greift meiner Ansicht nach aber zu kurz (siehe oben). Die Vermutung liegt nahe, dass die einen (bornierte Unterschicht) das eher auf ihre Körper, die bornierte Mittelschicht (das sind „wir“!) dieses Selbst-Regierungs-Regime eher auf ihre Arbeitsmoral anwenden. Letzteres ist ja umfangreich beschrieben worden, Stichwort Chiapello/Boltanski: „Neuer Geist des Kapitalismus“. Und viele andere mehr.

Heißt: Die von den „Alphamädchen“ beschriebenen Beobachtungen sind nicht falsch, ich möchte sie nur in einen größeren Rahmen stellen. Sie schreiben auch, dass die Frauen mitschuld seien, wenn sie sich selbst objektifizieren und rufen dazu auf, es anders zu machen. Ja, stimmt auch irgendwie. Aber bei individualistischen Aufrufen und voluntaristischen Vorstellungen über „einfach mal anders machen“ wird mir immer ein wenig unbehaglich. Ich hoffe, meine obigen Andeutungen über die größeren Zusammenhänge erklären dieses Unbehagen vielleicht ein wenig.

 

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VERANSTALTUNGSHINWEIS
Zu einem ganz ähnlichen Thema diskutieren am 13.04. auf der Re:Publica interessante Leute, u.a. die Alphamädchen-Autorin Meredith Haaf, unter dem Titel „Guck mal, wer da spricht
Wieviel Pluralismus kann die deutsche Blogosphäre?“

Das wird, soweit ich weiß, auch gestreamt. Details: hier klicken.

 

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  1. Haaf, M./ Klingner, S. / Streidl, B. 2008: Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht. Blanvalent Verlag, München. []
  2. Den Boom der halbnackten Mucki-Pics bei jungen Männern ignorieren sie. Kann man aber, glaub ich zusammenfassen. []
  3. Ich hab mir sagen lassen, unter jungen Frauen gilt Körperbehaarung bei Männern als unsexy. Es gehört also ein enormes kulturelles Wissen dazu, welche Körper gerade der heterosexuellen Natur entsprechen. Den Bart hab ich mir abrasiert, man tut ja was man kann. []
  4. Hier muss ich den Soziologinnen und Soziologen einen Vorwurf machen, die das vielzitierte „Suchen nach Sicherheit“ entweder als Spielerei, die aber doch irgendwie angenehm ist, oder aber als anthropologische Eigenschaft darstellen. Nein, es handelt sich um eine Überlebensmaßnahme innerhalb eines Machtgefüges und ist einer sozialen Notwendigkeit geschuldet! Das erfahren Mittelschichtsangehörige, die nicht irgendwelche Behinderungen oder sonstige „Stigma“ tragen nur selten in dieser Intensität, vermute ich. []
  5. Auch so ein Aspekt der beim Lesen Unbehagen bereitet: Die Alphamädchen unterstellen die meiste Zeit eine Leserin, die auf diesen Märkten bereits einigermaßen integriert ist und nun vor den bekannten Wahlmöglichkeiten steht: Familie oder Karriere. Das ist eine relevante Perspektive, ohne Frage, aber eben eine sehr partikulare. Das wissen sie aber durchaus selber, also das ist jetzt kein Vorwurf. []
  6. vgl. Mark Terkessidis: Psychologie des Rassismus []
  7. Den Gedanken habe ich von Paule Irene Villa, ich glaube er steht ausgeführt in dem von ihr herausgegebenen Band „Schön Normal“. []

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Gedankensammlung zur Kernenergie

“Ich finde an einem solchen Tag darf man nicht einfach sagen unsere Kraftwerke sind sicher. Sie sind sicher.” (A. Merkel, Brainbug)

Mit dieser völlig sinnlosen Aussage eröffnete Angela Merkel ihr so genanntes „Statement“ zu einer überaus wichtigen Frage: Werden wir alle sterben Wie geht es weiter mit der Atomenergie? Denn obwohl versichert wird, dass letztere ‎”Sicher” (Merkel) ist , sind nicht alle davon überzeugt. Es ist halt ein bisschen komisch zu behaupten eine Sache sei „sicher“, wenn einem genau diese Sache gerade im selben Moment um die Ohren fliegt. Was machen die Freunde der Sicherheit da? Den Irrtum eingestehen, Kehrtwende? Nein, das nicht, wir sind hier schließlich bei cdu/csu/fdp. Das muss also keinen Sinn ergeben, nur die Stammwählerinnen und Lobbyisten erfreuen. Ich weiß eigentlich nicht viel über die vielbeschworenen Lobbyisten. Aber die vielen merkwürdigen, völlig falschen Formulierungen, die man sich in letzter Zeit (auch früher schon) anhören muss, legen schon den Verdacht nahe, dass da jemand mit Geld nachhilft.

Sicherheit – Risiko – Gefahr

Vielleicht ein kleiner Einschub zur „Sicherheit“. Ist ja so: Die Welt ist voller kleiner und großer und ganz großer Risiken. Kann sein es regnet. Kleine Gefahr. Wenn ich morgens das Haus verlasse und mich entscheide, keinen Regenschirm mitzunehmen geh ich das Risiko ein, nass zu werden.1 Solche Diskussionen entwickeln sich ja oft zu einem angenommenen „Nullpunkt“: „Dann kann ich ja das Haus nicht mehr verlassen, weil es kann ja immer was passieren!“ Stimmt aber nicht ganz, denn: Ich kann ja auch zu Hause bleiben und dann stürzt ein Flugzeug drauf. Das ist die Gefahr! Kann man jetzt lachen über die Absurdität des Beispiels. Ich z.B. kann das nicht, ich habe erst vor kurzem erfahren, dass in meinem Stadtteil in den 90er Jahren ein Flugzeug abgesürzt ist. Kommt hinzu: wenn so was passiert hab ich das Flugzeug nicht gechartert. Ich hab auch überhaupt nicht damit rechnen können. Risiko? Gefahr? Des Einen Risiko ist des anderen Gefahr. Das gilt für nichts mehr als für Atomkraftwerke! Selbst wenn man von einem „nationalen Atomkonsens“2 ausgeht, wie man ihn gerne von Frankreich behauptet (und den es vielleicht auch gibt) – gegen radioaktive Strahlung hilft auch kein Frontex mehr.3

Daraus sollte Folgendes entnommen werden: Den Begriff „Sicherheit“ können wir bitte aus der Debatte streichen. Wer ihn benutzt disqualifiziert sich. Er ist unseriös. Sicher sind ganz wenige Sachen: Dass wir alle irgendwann sterben. Die Frage ist aber: Wann? (Und: wie?)

„Risiko“ ist also ein Begriff mit dem man sich die Zukunft „greifbar“ machen will, besser gesagt: berechenbar machen will. Man kommt auch nicht aus, wie ich gezeigt habe: Eine Risikoentscheidung nicht zu treffen eröffnet ein neues Risiko. Der Risikobegriff hat was mit der Art zu tun wie wir Gesellschaft und Natur in Verhältnis setzen: Grundsätzlich berechenbar. Irgendwie löst das Denken in Risiken – das ja gedanklich die Zukunft unter Kontrolle bringt – eine Kette von Risikominimierungsversuchen aus, an deren Ende das „Restrisiko“ steht. Und das hat’s in sich.

Jetzt: (Rest-?)Risiko?

Risiko wird üblicherweise durch eine einfache Formel errechnet:

Risiko = Schadenswahrscheinlichkeit x Schadenshöhe.

Da im Fall eines Super-GAUs die Schadenshöhe enorm hoch wäre, handelt es sich bei dem sogenannten “Restrisiko” also genau genommen um ein sehr hohes. Ich glaube es ist keine Einzelmeinung, wenn ich das Gefühl habe, die Vorsilbe “Rest” möchte ein gegenteiliges Gefühl erwecken. Keine Journalistin/Juristin/Politikerin sollte sie benutzen. Dass das Risiko sehr hoch ist bezeugt ja auch Unversicherbarkeit. Man kann der Versicherungsbranche sicher einiges vorwerfen, aber dass sie sich ein so “sicheres” (A. Merkel) Geschäft entgehen lässt halte ich für unwahrscheinlich. (s. auch den Beitrag bei Neusprechbolg)

Dumm nur, dass sich dieser „objektive“ Risikobegriff an berechenbaren Wahrscheinlichkeiten orientieren muss. Also die Eintrittswahrscheinlichkeit von Ereignissen berechnet, von deren Eintritt wir nichts wissen – aber wir wissen, dass die Wahrscheinlichkeit besteht. Zeigt sich aber, dass immer wieder Störfälle v on Ereignissen ausgehen, von denen wir nicht mal wissen, dass wir sie nicht wissen. Das ist das prinzipielle Problem, dass m.E. so oft falsch gedeutet wird: Wenn ein Störfall durch etwas „Unvorhersehbares“ induziert wird, darf das ja gerade nicht zur Beruhigung führen, dass wir „ansonsten“ alles unter Kontrolle haben.

Das Problem der nicht gewussten Gefahren durchzieht das ganze Leben, unvermeidlich. Man kann dagegen auch nichts tun. Man darf auch nicht in Panik verfallen. Man sollte sich nur fragen, ob man eine Grenze ziehen kann, welche Risiken man nicht mehr eingeht. Risikosoziologe Ulrich Beck hat mal eine vorgeschlagen, sie ist auch schon genannt worden: Die Versicherbarkeit…

Das Dilemma der Kernkraft-Befürworter

Spiegel Online schreibt vor ein paar Tagen, dass der Ausstieg aus der Kernenergie soundsoviele Milliarden kostet. Puh, teuer. Aber Wenn ich die Kosten einer Sache angebe aber nicht die Kosten der Alternative, ist das nicht ziemlich unseriös? Spaltbares Material muss beschafft und hinterher entsorgt werden (es gibt aber kein „Endlager“). Was das kostet! Vom „Restrisiko“ des Super-GAUs mal abgesehen. Spiegel macht also, vielleicht unabsichtlich, mal wieder pro-Atomenergie-Propaganda. Und das ist das Ärgerliche – die Befürworter sollen sagen: wir sind dafür, gibt billigen (naja!) Strom für’s Wirtschaftswachstum und unsere Designertrockenhauben. Ist das so schwer? Muss man da erst umständliche Moralkeulen zusammenbasteln?

Am besten hat mir ja das Argument gefallen, man dürfe das jetzt nicht diskutieren, weil es da Opfer in Japan gäbe. Das ist als würde man einen Mordfall aufklären und der Beschuldigte verteidigt sich mit den Worten: “Hier ist ein Mensch zu Tode gekommen und Soe wollen sich mit der Schuldfrage abgeben? Wie pietätlos!“ Dass man das ganze nicht „parteipolitisch instrumentalisieren“ soll ist in einer Parteiendemokratie ein Sprechverbot von Rechts. Schließlich ist die Atomenergie bei den zwei großen4 rechten Parteien zu Hause. Und die haben auch noch gerade eben erst den „Atomausstieg“ ganz abgeschafft. Darf man aber nicht kritisieren, ist ja Parteienpolitik. Das ist das Pietätlose: Die Opfer zu instrumentalisieren um Kritik zum verstummen zu bringen. Es ist halt jemand benennbares „schuld“ am Ausstieg aus dem Ausstieg. Daran ändern die vielen toten in Japan aber nichts. Und nebenbei versuchen die Rechten einmal mehr das, was sie den Linken (und überhaupt allen anderen) immer vorwerfen: Sprech- und Denkverbote zu installieren und Debatten zu unterdrücken.

Vorschlag und neue Risiken

Aber die Tragik geht leider noch weiter: Kernenergie wird steuerlich subventioniert, ist aber nicht versicherbar. Das heißt: Die Betreiberfirmen bekommen von den Steuerzahlerinnen Geld dafür, dass sie ein Risiko eingehen dessen negative Konsequenzen sie nur zu einem ganz geringen Bruchteil selber tragen müssten und für das es nicht mal eine Versicherung gibt. Das ist schon eine ziemlich einseitige Rechnung. Gut, es kommt Strom dabei raus (den wir aber den Betreibern abkaufen müssen, tja). Deshalb wäre meine erste Forderung, wenn es vom Standpunkt der Energieversorgung nicht möglich ist, alle AKW abzuschalten: Alle Betreiber müssen enteignet und die Energieversorgung in öffentliche Hand gelegt werden. Ich bin mir durchaus bewusst, dass eine Verstaatlichung nur halb so viel Spaß macht, wenn man den Staat in seiner gegenwärtigen Form nicht mag. Das ist mein Dilemma.
Außerdem sinkt dadurch natürlich nicht das technische Risiko (Stichwort Tchernobyl), aber man hätte den Lobbyistendruck weg und es gäbe auch keinen Profitanreiz mehr. Angesichts der ungerechten Profit- und Lastenverteilung versteh ich aber grundsätzlich nicht, wieso eine solche Technologie in Privatbesitz ist. Man könnte außerdem die Erlöse bis zur Abschaltung in die Optimierung der Sicherheitssysteme (ich weiß leider gerade kein besseres Wort) und in die Forschung nach alternativen Energien stecken. Aber an dem Punkt tut sich das nächste Dilemma auf, das unter dem Titel „Technological Fix“ firmiert: Die Lösung technisch induzierter (sozialer) Probleme durch neue Technologien. Das hat uns ja erst hierhin gebracht.5

Das bittere an der Sache ist natürlich, dass die Krise der Kernenergie in die Klimakrise Hineinplatzt.

Letztendlich braucht es einen teilweisen Ausstieg aus dem Energieverbrauch.

  1. Das Beispiel wie auch die Unterscheidung Risiko/Gefahr stammt von Niklas Luhmann. Den muß man nicht mögen, aber das spielt jetzt mal keine Rolle. []
  2. Übrigens irritiert mich der Sprachgebrauch mit „Atom“ immer stark: Ist ein „Atomkonsens“ nicht der Konsens darüber, dass alles aus Atomen besteht? Da wär ich evtl. dabei. Ich hab jetzt auch keine grundsätzliche Angst vor Atomen um sich. Ich glaub die Spaltung ist das Problem. Also ob man grundsätzlich aus den Atomen ausstiegen kann, da bin ich mir auch nicht ganz sicher. Aber ich bin kein Physiker. []
  3. In diesem Zusammenhang ist es übrigens interessant zu erfahren, dass es national unterschiedliche Wege zur Kernenergie gab. Der deutsche Weg ist durch einen „Push-Effekt“ gekennzeichnet: Als man mit der Planung deutscher Kernkraftwerke begann gab es keinen objektiven Bedarf dafür, aber einerseits das Gefühl, es könnte ihn bald geben, andererseits die Hoffnung, zum Exporteur von Kernreaktoren in die sog. 3. Welt zu werden. (vgl. J. Radkau 1992: Die Kerntechnik als historisches Individuum und als Paradigma. In: Technik und Gesellschaft, Jahrbuch 6. S. 79f.) []
  4. okay, eine große. eine inzwischen bedeutungslose, die aber durch einen dummen zufall ein paar witzminister ins kabinett geschmuggelt hat. []
  5. Naiver Anhänger dieser Variante ist übrigens Arnold Schwarzenegger, der will nicht die SUV genannten Freizeitpanzer verbannen, sondern Umweltfreundlichere Freizeitpanzer. Naja, dafür gibt’s in Österreich keine AKWs. In Kalifornien schon. []

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Über lausige Plagiate und ein paar Anmerkungen zum aktuellen Fall Guttenberg.

Selten blöde Plagiatsversuche
Mir sind in meiner bisherigen Tätigkeit1 folgende Plagiatvarianten aufgefallen, die ich mal auflisten möchte, weil sie einen gewissen Unterhaltungswert haben:

1. Plump bis zum Gehtnichtmehr: Ein Student hatte Wikipediatexte komplett ohne Veränderung übernommen. Also auch sämtliche Fußnoten, ohne aber den Fußnotentext zu übernehmen. Sprich: Auf Seite zwei einer vierseitigen Arbeit taucht auf einmal die Fußnote „32“ auf. Das macht natürlich die Korrektorin stutzig. Muss einem das nicht selber auffallen? Vielleicht geht man davon aus, dass die Sachen eh nie von irgendwem gelesen werden? Ich weiß es nicht.

2. Die Plagiatsoftware verarschen: Die Plagiatssoftware mit der ich gearbeitet habe funktioniert nach einem einfachen Schema: Sie durchsucht eine Datenbank nach gleichlautenden Textabschnitten, die zwischen zwei Satzzeichen stehen. Ein Student schien das System zu kennen, und baute einfach in seinen zusammengekleisterten Aufsatz viele Tippfehler ein und streute nach Zufallsprinzip – grammatisch natürlich völlig sinnlose – Kommas ein. Gleichzeitig waren die Seminarteilnehmerinnen aber angehalten, eine ausgedruckte Version abzugeben. Diese war grammatisch korrekt. Der Mensch hatte also vorsätzlich „seinen“ Text verschandelt, um die Software zu täuschen. Dumm nur dass ich gerade dadurch drauf gekommen bin.

3. Genre-Mashup: Jemand legt einen „Text“ vor, der diese Bezeichnung nicht verdient: Nur unvollständige Sätze, meist ohne Prädikat. Googlesuche ergibt sofort, dass es sich um ein Plagiat einer Powerpoint-Präsentation handelt. Die „Autorin“ hatte bei den einzelnen Stichpunkten einfach die Zeilenumbrüche weggemacht und Punkte eingefügt um seinen zusammenhängenden Prosatext zu simulieren. Das funktioniert halt nur so gar nicht.

4. Wer sagt jetzt was? Mitten im Text wandelt sich der Stil, und nicht nur ein bisschen. Auf eine grammatisch einwandfreie, stilistisch geschliffene Passage folgt eine „Meinungsäußerung“ in der das Wort „und“ nicht verwendet wird sondern nur „&“ – der Inhalt ist entsprechend „lässig“. Das könnte man ja nicht mal annehmen, wenn es komplette Eigenleistung wäre. Vor allem aber muss doch klar sein, dass die Korrektorinnen stutzig werden bei solchen augenfälligen Brüchen.
Lustig auch, wenn in einem holprig formulierten deutschen Text plötzlich Begriffe wie „3 Mk.“ „Chambre syndicale de fleurs et des plumes“, „Dessins für Atlasfond, Ripscrême“ u.v.a.m. auftauchen. Der Autor hatte Stellen aus dem über 100 Jahre alten Quelltext von Werner Sombart ohne Kennzeichnung in seine eigenen Sätze „eingebaut“. Liest sich lustig und gibt nicht den geringsten Sinn. Das ist natürlich Unfähigkeit und Unwissenheit und kein intendiertes Plagiat, mi Effekt bleibt es aber gleich.

Ich habe eine Vermutung, wieso dieses phantasielose Plagiieren so weit verbreitet ist: Bachelorstudentinnen bekommen permanent von der Hochschulleitung, von der Politik und weiß Gott vom wem noch erzählt, ihr Studium sei „praktisch“, „berufsbezogen“ oder „Praxisnah“ usw. Inwiefern soll aber die Auseinandersetzung mit Theorietexten „Praxis“ sein? Praktisch ist es aber durchaus, die zur Verfügung stehenden technischen Mittel zu verwenden um möglichst aufwandslos an den Titel zu gelangen, der zur Berufstätigkeit befähigen soll. Es sollte lieber „Bachelor of Googlesearch & Copypastry“ heißen. Es ist übrigens erstaunlich, wie viel Rückendeckung Plagiatoren in einer österreichischen Universitätsverwaltung und auch bei manchen Lehrenden erhalten. Dabei ist die Duldung von Plagiaten keineswegs „studierendenfreundlich“. Eher stößt man solche Studierende vor den Kopf, die nicht plagiieren um an einen Abschluss zu kommen.

Zu zu Guttenberg2

Unterdessen wittert der rechte, akademisch tendenziell eher unterbelichtete (Wagner!) Fanblock von offizieller CSU bis Bild-„Zeitung“ eine „politisch motivierte Kampagne”: „CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt kommentierte die Angriffe mit den Worten: ‚Deutschland hat eine geistvollere Opposition verdient als SPD und Grüne, die sich mit dem Abzählen von Fußnoten und Anführungszeichen in juristischen Dissertationen abmühen.‘“ (in der Welt.) Allerdings sind die paar fehlenden Anführungszeichen jetzt doch ein paar sehr viele geworden, wie man hier nachlesen kann.

Es ist ja sehr lustig, dass ausgerechnet die CSU-Leute sich über die Ordnungsverliebtheit von Guttenbergs Kritikerinnen mokieren. Sollte die CSU als Law-and-Order-Partei nicht besonders auf die Einhaltung von wissenschaftlichen Regeln und Urheberrechten pochen? Aber bei ihrem Star sind der CSU Gesetz und Ordnung völlig wurscht. Kritiker sind kleinkariert und politisch motiviert. Wenn das mal nicht eine politisch von rechts motivierte Verharmlosung von Urheberrechtsverletzungen ist!

Beruflich mach ich mir um Gutti aber keine Sorgen. Er ist ja jetzt quasi perfekt qualifiziert um in Bayern Wissenschaftsminister zu werden. Justizminister ginge auch noch. (Wer das jetzt für Quatsch hält, die erinnere ich an Otto Wiesheu und Wolfgang Schäuble.)

  1. Sie ist einschlägig, mehr sag ich hier nicht. Nehmt es mir bitte nicht übel, dass ich mich nicht genau über mein Blog identifizierbar sein möchte. []
  2. Gute Zusammenfassung der Vorfälle so far und das Wort “Frisurenbruder” finden sich beim kotzenden Einhorn. Außerdem erinnert uns das Einhorn an den Fall Kristina Schröder. Da finde ich es allerdings am merkwürdigsten, dass ihre Diss so gar nicht einschlägig zu ihrem Arbeitsfeld ist. Jedenfalls ist sie weder familien- noch religionssoziologisch. []

Kommunismus – Nachtrag

Jetzt hab ich beim letzten Text vergessen das aufzuschreiben, was der ursprüngliche Anlass desselbigen war. Naja, so was kommt vor. Aber kann man ja nachtragen.

Ich bin ja jetzt nicht so wahnsinnig am „Kommunismus“ interessiert (wie man im letzten Post vielleicht ein wenig rauslesen konnte), sondern an Gesellschafts- und Kulturdiagnosen. Trotzdem ein paar Worte zur “Kommunismus-Debatte”: Diese ist ja ziemlich von semantischen Fragen durchdrungen. Dabei ist die einfache, bzw. komplizierte, aber grundlegende Frage: Was will die politische Linke? Vielleicht kann man sich drauf einigen: Was anderes als jetzt. Sprich: Veränderung der gegenwärtigen Verhältnisse. Das könnte man als Definitionsmerkmal der Linken heranziehen. Wenn sie bestehende Verhältnisse behalten würde, würde man sie schließlich als „konservativ“, und wenn sie sich bestehende Verhältnisse zusammenphantasieren würde als „liberal“ bezeichnen. Ich bevorzuge ja den Ausdruck „progressiv“ gegenüber „links“. Progressiv beinhaltet die Bewegung (Marx!) weg vom jetzt und gleichzeitig nach „vorne“ – was ja wichtig ist, denn reaktikonäre wollen auch Veränderung.1 Die Frage, ob man dieses angestrebte Andere „Kommunismus“ nennt oder anders ist dann eine semantische und eine strategische – schreckt der Begriff ab? Und wenn ja, will man Leute abschrecken? Als sesselfurzender Theorielinker wie ich will man das vielleicht wirklich. Aber wenn wirklich was passieren soll, muss eine progressive Bewegung populistisch sein. Geheimwissen nicht weiterzuverbreiten ist eine lustige Sache, aber man wird das kaum als Politik bezeichnen können. Mir ist Politik eh fremd, ich geh abends ungern aus dem Haus. Aber ich würde zu bedenken geben, dass die Verwendung solcher Begriff eine strategische Angelegenheit ist. Oder anders: Antje Schrupp hat glaub ich mal gesagt, sie verwendet das Label „Feminismus“, wenn sie glaubt, dass es irgendwelche Türen öffnet. Kann man das mit „Kommunismus“ nicht genau so halten?

  1. Die öffnung von Möglichkeitsräumen ist also nicht per se fortschrittlich, Frau Butler! []

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